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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


5 Die Situation am Ende des 20. Jahrhunderts

Und wie sah die Situation im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts aus? Die Mitgliedszahlen der Großkirchen gingen weiterhin deutlich zurück, doch kann man nicht von einer Kirchenaustrittsbewegung sprechen, da die Abwanderung aus den Kirchen nicht organisiert war. Auch fand sich nur sehr begrenzt eine kirchenkritische Diskussion in der Öffentlichkeit. In ganz Europa war und ist der Besuch von Gottesdiensten rückläufig. (95)

Der Anteil von Protestanten und Katholiken an der Bevölkerung lag 1996 bei jeweils etwa 34 Prozent, gut 29 Prozent der Bürgerinnen und Bürger gehörten keiner oder einer nichtchristlichen Religionsgemeinschaft an. Lag die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche 1970 noch bei 69.000, so waren es - nach fast 200.000 im Jahre 1992 - 1996 133.275. Die Sonntagsgottesdienste wurden regelmäßig von 18 Prozent der Katholikinnen und Katholiken besucht, zwischen 1960 und 1989 war ein Rückgang von 49 Prozent zu verzeichnen. Stärker als der Katholizismus war der Protestantismus von Kirchenaustritten betroffen. Seit 1991 war ein sprunghafter Anstieg der Austritte von 144.000 (1990) auf 361.000 (1992) zu verzeichnen. 1996 wurden etwa 226.000 Austritte bei 36.000 Aufnahmen registriert. Der sonntägliche Gottesdienst wurde 1996 von knapp fünf Prozent der Kirchenmitglieder besucht, am Heiligen Abend stieg die Zahl auf ein Drittel. Die Beteiligung am Abendmahl nahm von 1972 bis 1985 bedeutend zu, 1996 wurden rund 10,7 Millionen Abendmahlsbeteiligungen ermittelt, 1970 waren es nur 6,8 Millionen. (96)

Diese Entwicklung bedeutet aber nicht, dass das religiöse Bewusstsein der Bevölkerung parallel zu den Austritten und der sinkenden Teilnahme am Gottesdienst geringer geworden ist. Vielmehr gibt es neben dem Trend zur Entkirchlichung spätestens seit Anfang der achtziger Jahre eine Wiederkehr der Religion. Interessant zu beobachten, ist auch die unterschiedliche Stellung von Kirche und Religion im staatlich-öffentlichen Bereich. So werden staatliche Krankenhäuser und Gefängnisse noch immer mit Kapellen bzw. Andachtsräumen gebaut, Universitäten und Hochschulen aber nicht.

Als charakteristisch für die postmoderne Religionskultur gelten die Individualisierung, die Ästhetisierung des Religiösen und die Wiederentdeckung des "Heiligen". Christliche Überzeugungen bleiben in der Gesellschaft prägend bei einer konstanten Distanz gegenüber der Institution Kirche. Zu erkennen ist auch eine verstärkte Hinwendung zu anderen Weltreligionen, wie z.B. zum Buddhismus, und zu kleineren Religionsgemeinschaften. (97) So finden sich in der schon von jeher kirchenfernen Hansestadt Hamburg, die 1992 mit mehr als 16.000 Kirchenaustritten bundesweit mit Berlin an der Spitze stand, mehr als achtzig Glaubensgemeinschaften, wie die Arbeitsstelle Kirche und Stadt der Universität Hamburg herausgefunden hat. Die religiöse Vielfalt und Differenzierung nimmt zu, wobei die Entwicklung weg von den Volkskirchen und hin zu den kleineren, überschaubareren Gruppen verläuft. (98) Der persönliche Kontakt prägt die Gemeinschaftserfahrung, die theologische Ausrichtung kann eher mitgestaltet werden und die finanziellen Aufwendungen sind in ihrer Verwendung nachvollziehbarer. In der Großstadt leben viele Menschen mit unterschiedlichen Religionen, zudem vermitteln die Medien Informationen über religiöse Seinswelten aus außereuropäischen Kulturkontexten, so dass bislang fremde religiöse Traditionen an Nähe und Attraktivität gewinnen. Im Trend liegen esoterisch-neugnostische Weltanschauungen und Weltdeutungssysteme mit religiöser Funktion,auch "Psychogruppen" und "-kulte" sind erfolgreich. (99) Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, sah in einem Interview das Akzeptanzproblem der Institution Kirche als Kern der Diskussion über Kirchenaustritte an; kurzfristig böten Sekten mehr menschliche Nähe. (100)

Grundsätzlich ist der enge Zusammenhang zwischen institutionalisierter und individualisierter Religion hervorzuheben - beide sind zwar nicht identisch, aber miteinander verknüpft. Religiosität ist nach wie vor sehr stark kirchlich geprägt. Ein Austritt aus der Kirche führt zumeist auch dazu, sich selbst nicht mehr als religiös einzuschätzen. Der gerade durch die Massenmedien erweckte Eindruck einer Veränderung, der von der Soziologie gern aufgegriffen wurde und wird, führt leicht dazu, die Kontinuitäten zu übersehen. Die Großkirchen sind trotz der zahlreichen Kirchenaustritte nach wie vor gesamtgesellschaftlich und individuell einflussreich, wohingegen die religiösen Gegenbewegungen eher Minderheitenphänomene darstellen. (101)

Eine Untersuchung des Religionssoziologischen Instituts der Kirchlichen Hochschule Berlin hat ergeben, dass Gott und Religion als Lebenshilfe weiterhin große Bedeutung haben. Dabei vermischen sich verschiedene Gottesbilder und andere religiöse Elemente miteinander. (102) Dieser religiösen Differenzierung haben die Volkskirchen zur Zeit nur wenig entgegenzusetzen. Ob sie den jahrzehntelangen Trend aufhalten oder gar umkehren können, bleibt offen. Für das 20. Jahrhundert aber kann unter kirchengeschichtlichem Aspekt gesagt werden, dass es das Jahrhundert der Entkirchlichung sowie der religiösen Differenzierung und Individualisierung ist. Dass auch politische und religiöse Gruppierungen Ergebnis dieser Entwicklung sind bzw. sie für ihre Zwecke zu nutzen wissen, zeigen die folgenden Beiträge dieses Bandes.

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95 Einer Umfrage aus dem ersten Quartal 1993 zufolge besuchten nur noch 28,4 Prozent aller Europäer mindestens einmal pro Woche ihr Gotteshaus, dagegen waren 33,7 Prozent dort selten oder gar nicht mehr anzutreffen. In stark katholisch geprägten Ländern lag der regelmäßige Gottesdienstbesuch allerdings weit über dem Durchschnitt: So gingen in Irland 85,6 Prozent der Bevölkerung einmal pro Woche in die Kirche, in Italien waren es noch 44,8 Prozent, in Portugal 34,4 Prozent. Unter dem Durchschnitt lagen Großbritannien (24,3 Prozent), Griechenland (21,5 Prozent), Deutschland (18,4 Prozent), Frankreich (16,3 Prozent) und Dänemark (4,1 Prozent) (Umfrage von Eurobaromètre/Kultur-Kontor Saur, zitiert nach: Stern Nr.12 vom 18.3.1993, S. 235). In Schweden nahmen die Kircheneintritte wieder zu, was auch darauf zurückgeführt wurde, dass die Gottesdienstgestaltung in der Staatskirche "katholischer" geworden sei (Die Welt Nr.215 vom 15.9.1993, S. 14). In den alten Bundesländern war der Gottesdienstbesuch in den evangelischen Kirchen mit etwa 5 Prozent der Kirchenmitglieder relativ gesehen seit 25 Jahren konstant geblieben, vgl. dazu und zur Gesamtlage: Fremde Heimat Kirche. Ansichten ihrer Mitglieder. Studien- und Planungsgruppe der EKD. Erste Ergebnisse der dritten EKD-Umfrage über Kirchenmitgliedschaft. Hannover: Evangelische Kirche in Deutschland 1993.

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96 Datenreport 1999, S. 172-175 und 530-534; Frankfurter Rundschau Nr.219 vom 21.9.1993, S. 1.

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97 Focus Nr.5 vom 31.1.1994, 110-113; Der Spiegel Nr.6 vom 7.2.1994, 146-154; Schwarze: Säkularisierung S. 635.

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98 Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften. Religionsvielfalt in der Stadt von A bis Z. Hg. von der Arbeitstelle Kirche und Stadt der Universität Hamburg. Wolfgang Grünberg, Dennis L. Slabaugh, Ralf Meister-Karanikas. 2. Aufl. Hamburg: Dölling und Galitz 1995. Eine Untersuchung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen ergab, dass Anfang der neunziger Jahre kleinere Religionsgemeinschaften etwa 240.000 Anhänger gewonnen hatten; diese Zahl entsprach den jährlichen Austritten aus den evangelischen Landeskirchen. Den stärksten Zulauf hatten die Neuapostolische Kirche - sie wuchs von 1989 bis 1993 um 100.000 auf 430.000 -, die Zeugen Jehovas - von 121.000 auf 160.000 - und die Mormonen - von 22.000 auf 39.000 Mitglieder in Deutschland. Andere Religionsgemeinschaften waren: Apostelamt Juda (2.800 Mitglieder), Apostolische Gemeinschaft (8.000 Mitglieder), Christengemeinschaft (12.000 Mitglieder und 50.000 Freunde), Christliche Wissenschaft (5.600 Mitglieder und 9.500 Freunde), Gralsbewegung (2.400 Freunde), Johannische Kirche (3.300 Mitglieder und 500 Freunde), Tempelgesellschaft (250 Mitglieder und 750 Freunde), Universelles Leben (40.000 Freunde) und Weltweite Kirche Gottes (776 Mitglieder und 1261 Freunde), vgl. Frankfurter Rundschau Nr.177 vom 3.8.1993, S. 5.

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99 Hamburger Abendblatt Nr.67 vom 20./21.3.1993, S. 11; Zeitmagazin Nr.9 vom 26.2.1993, S. 22-33. Als Religionsgemeinschaft wurde definiert: "Eine Religion ist eine organisierte Aktivität einer Sammlung gläubiger Menschen mit Gottesdienstpraxis unter der Leitung von Geistlichen oder autorisierten Personen, mit einer allgemein zugänglichen Theologie oder Schrift, die die Praxis der Religion vorschreibt und ihre Heiligtümer festlegt. Sie hat ein gewisses Vermögen zumindest zur Erhaltung eines Versammlungsortes, lässt einen dauerhaften Bestand vermuten und kann deshalb als Körperschaft des öffentlichen Rechts oder als eingetragener Verein funktionieren." (ebd., S. 32, vgl. Lexikon S. 14).

Zurück zum Text  100.

100 FAZ-Magazin Nr.684 vom 8.4.1993, S. 62-63.

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101 Detlef Pollak: Enttäuschungssichere Selbsttäuschung der Moderne. Individualisierung statt Säkularisierung? - ein religionssoziologischer Einspruch. In: Frankfurter Rundschau Nr.131 vom 10. Juni 1997, S. 18; vgl. Gott wird wählbar. Plädoyer für ein weltbürgerliches Christentum. Ilona Nord im Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Beck über Individualisierung und Religion. In: FR Nr.95 vom 22.4.2000, 22.

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102 Frankfurter Rundschau Nr.56 vom 8.3.1993, S. 7.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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