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Dr. Rainer Hering: Kirche und Universität


Heute ist es selbstverständlich, dass sich Kirche an der Universität engagiert - regelmäßige Universitätsgottesdienste und ein umfangreiches Angebot der evangelischen und katholischen Studierendengemeinde gehören zum akademischen Alltag. Universitäten mit theologischen Fakultäten haben zumeist einen Universitätsprediger - in der Regel ein Professor für Praktische Theologie -, der Universitätsgottesdienste in einer eigenen Universitätskirche oder einer benachbarten Kirchengemeinde durchführt. Doch die seelsorgliche Betreuung von Studierenden in eigenen Gemeinden war nicht von Anfang an üblich, sondern etablierte sich erst im 20. Jahrhundert. Allerdings haben seit kurzem, bedingt durch kirchliche Sparmaßnahmen, auch die Studierendengemeinden um ihre Existenz zu kämpfen.

Eine Wurzel der heutigen Studierendengemeinden war die Deutsche Christliche Studentenvereinigung (DCSV). Ende des 19. Jahrhunderts entstanden an vielen Universitäten Bibel- und Gebetskreise. 1890 kam es durch den Einfluß der Erweckungsbewegung zur ersten "Allgemeinen Christlichen Studentenkonferenz". 1895 wurde in Anwesenheit des Diplomaten und Friedensnobelpreisträgers John R. Mott (1865-1955) - er war u.a. Generalsekretär der internationalen Young Men"s Christian Association (YMCA) und der Studentenmissionsbewegung - eine Christliche Studentenvereinigung in Deutschland gegründet, die seit 1897 Deutsche Christliche Studentenvereinigung (DCSV) hieß; 1905 entstand die Deutsche Christliche Vereinigung Studierender Frauen (DCVSF). Die DCSV wirkte durch Sekretäre, die die weitgehend selbständigen Gruppen vor Ort betreuten, und die Zeitschriften "Mitteilungen" bzw. "Die Furche". Im "Dritten Reich" wurde die DCSV am 22. Juli 1938 durch einen Erlass des Chefs der Deutschen Polizei und Reichsführers SS Heinrich Himmler (1900-1945) aufgelöst; im Februar 1939 wurde ein letzter Rundbrief an die Mitglieder verschickt. Diese Maßnahme war für viele Landeskirchen, so auch in Hamburg, der Anlaß, hauptamtliche Studentenseelsorger einzusetzen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Arbeit der DCSV von den Evangelischen Studentengemeinden (ESG) und in der Studentischen Missionsbewegung - 1949 entstand die Studentenmission in Deutschland (SMD) - fortgesetzt.

Die zweite Wurzel waren amtskirchliche Aktivitäten: Im deutschen Protestantismus wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Betreuung der Studierenden hauptamtlich einem Geistlichen übertragen. 1920 wurde der erste Studentenpfarrer von der rheinischen Provinzialsynode als "Leiter des evangelisch-kirchlichen Studentendienstes an den rheinischen Universitäten" (Bonn, Köln, Aachen) berufen. Es handelte sich um den späteren Professor für Systematische Theologie Johann Wilhelm Schmidt-Japing (1886-1960), der auch die ersten Vereinigungen evangelischer Akademiker gründete und sie zu einem Reichsverband zusammenschloss. Zehn Jahre später gab es haupt- und nebenamtliche Studierendenseelsorger bereits an den Universitäten Berlin, Bonn, Frankfurt/M, Freiburg, Göttingen, Greifswald, Halle, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Kiel, Leipzig, München, Münster und Tübingen. Wie positiv deren Wirken beurteilt wurde, zeigte ein 1929 von der Theologenschaft beim Deutschen Evangelischen Kirchenausschuss eingebrachter Antrag, der auf die Anstellung eines Studentenpfarrers an jeder Hochschule zielte, ältere Theologiestudierende sollten ihn in seiner Arbeit unterstützen.

In der katholischen Kirche entstanden schon um 1860 Verbindungen und Verbände zur religiösen Betreuung der Studenten, im Wintersemester 1912/13 wurden zuerst in Freiburg i.Br., danach in Bonn und Breslau eigene hauptamtliche Seelsorger von den Bischöfen eingesetzt. 1917 entstand die "Vereinigung von katholischen Studenten- und Studentinnenseelsorgern für das deutsche Sprachgebiet". Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden für alle Universitätsstädte Studentenpfarrer ernannt. 1947 wurde die Katholische Deutsche Studenten-Einigung gegründet. (1)

Die Geschichte der Studierendenseelsorge ist noch weitgehend ungeschrieben, es fehlt sowohl an übergreifenden wissenschaftlichen Arbeiten wie auch - mit der Ausnahme Marburgs - an eingehenden Studien zu einzelnen Gemeinden. Insofern soll dieser Beitrag die Anfänge dieser Arbeit an der Hamburger Universität rekonstruieren und zugleich einen Anstoß zu weiteren, auch überregionalen Forschungen geben. Gerade die detaillierte Darlegung dieses langwierigen Prozesses verdeutlich, welche Widerstände die Kirche dabei zu überwinden hatte und wie die Studierenden auf dieses Angebot reagierten. (2)

Die Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate musste den neuen Bereich der 1919 gegründeten Hamburgischen Universität zunächst einmal als Handlungsfeld für kirchliche Aufgaben erkennen und sich dann dort einen Platz erarbeiten: Erst zwanzig Jahre nach der Universitätsgründung wurde - nach der Auflösung der DCSV - am 23. April 1939 der erste hauptamtliche Studentenseelsorger mit eigener, gemeindeunabhängiger Stelle, Pastor Dr. Heinz Mülbe (Jahrgang 1912), in sein Amt eingeführt. Dieses Datum nahm die Evangelische Studentengemeinde 1989 als Grundlage, um ihr fünfzigjähriges Bestehen zu feiern. Neben Mülbe - und während des Zweiten Weltkrieges als seine Vertreterin - wirkte die damalige Vikarin Marianne Timm (1913-1993) in der Betreuung der Studentinnen. (3) Tatsächlich jedoch gab es zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als ein Jahrzehnt akademische Gottesdienste und eine kirchliche Betreuung der Studierenden.

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1 Nordelbisches Kirchenarchiv Kiel (NEK), 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl.46, Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses vom 31.5. und 1.6.1928 in Eisenach. Auf der folgenden Sitzung am 28./29.11.1930 in Berlin unterstützte der Schulausschuss des Kirchenausschusses, der darüber beraten hatte, die Schaffung weiterer Stellen für hauptamtliche Studentenpfarrer. Neben dem Kontakt zu den Professoren und Korporationen wurde betont, dass um den Studentenpfarrer ein Kreis geschaffen werden muss, "in dem der Einzelne leben kann. Daneben sollte für die Studentinnen besonders gesorgt werden. Das wäre eine sehr dankenswerte Aufgabe für unsere Vikarinnen." (Ebd., 98.11 Nachlass Theodor Knolle, Protokollauszug).

[Hans] Wiesenfeldt, Die Studentenseelsorge. Eine grundsätzliche Erwägung über die Gestaltung der studentenpfarramtlichen Arbeit. In: Evangelische wahrheit [Hannover] 20. Jg. Nr.2 November 1928, S.21-23; ders.: Von der Arbeit des Studentenpfarrers. In: Hannoversches Sonntagsblatt 1928/6 (vgl. auch Protestantenblatt 61 [1928], S. 341-344); Johann Wilhelm Schmidt-Japing, Studentenpfarrer. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 2. völlig neu bearb. Aufl. Band 5 Tübingen 1931, S. 855; Heinrich-Constantin Rohrbach, Studentengemeinde I. Evangelische. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 3., völlig neu bearb. Aufl. Band 6 Tübingen 1962, S. 422-424; ders., Studentenpfarrer. In: Ebd., S. 425-426; Richard Hauser, Studentengemeinde II. Katholische. In: Ebd., S. 424-425; Karl Kupisch, Studenten entdecken die Bibel. Die Geschichte der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV). Hamburg 1964; Wolfgang Ruf, Studentenseelsorge. In: Lexikon für Theologie und Kirche 2., völlig neu bearb. Aufl. Band 9 Freiburg 1964, S. 1116-1118; Paul Benkart/Wolfgang Ruf (Hrsg), Katholische Studentenseelsorge. Geschichte und Gestalt. Paderborn 1965; Charles Howard Hopkins, John R. Mott. 1865-1955. A Biography. Grand Rapids 1979; Walter Fleischmann-Bisten, Deutsche Christliche Studentenvereinigung. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4., völlig neu bearb. Aufl. Band 2 Tübingen 1999, S. 702.

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2 Genannt seien hier - auch für die Zeit nach 1945 - noch folgende Arbeiten: Joachim Braun (Hrsg), Gemeinde an der Hochschule. Festgabe für Georg Lanzenstiel. München 1964; Hermann Ringeling/Heinrich C. Rohrbach (Hrsg), Studenten und die Kirche. Wuppertal 1968; Karl-Behrnd Hasselmann, Politische Gemeinde. Ein kirchliches Handlungsmodell am Beispiel der Evangelischen Studentengemeinde an der Freien Universität Berlin (Konkretionen, 7). Hamburg 1969; Klaus Ahlheim, Die Studentengemeinde als Feld evangelischer Erwachsenenbildung. Frankfurt/M 1976; Michael Feist, Die rechtliche Situation der evangelischen Studentengemeinden. Frankfurt/M 1982; Gisela Sommer, Grenzüberschreitungen. Evangelische Studentengemeinde in der DDR und BRD. Geschichte-Verhältnis-Zusammenarbeit in zwei deutschen Staaten. Stuttgart 1984; Franco W. Volontieri, Woher kommt der Hahn? Saarbrücken 1989. Bes. S. 77-101; Heinz-Werner Kubitza, Die Geschichte der Evangelischen Studentengemeinde Marburg (Marburger wissenschaftliche Beiträge, 1). Marburg 1992; Erika Dinkler-von Schubert (Hrsg), Feldpost: Zeugnis und Vermächtnis. Briefe und Texte aus dem Kreis der evangelischen Studentengemeinde Marburg 1939-1945. Göttingen 1993; Wolfgang Müller, Reformationsgedenken und Studentenseelsorge. Zwei Quellentexte aus dem Nachlaß des Saarbrücker Studentenpfarrers Dr. Egon Franz. In: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 47/48 (1998/1999), S. 373-384.

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3 50 Jahre Evangelische Studentengemeinde 1938-1988. Versuch einer Spurensicherung. Hbg. 1989; Friedrich Hammer/Herwarth von Schade, Die Hamburger Pastorinnen und Pastoren seit der Reformation. Ein Verzeichnis. Ms. Hbg.1995, Bd.1. S. 125; Rainer Hering, Timm, Henriette Marianne. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XII. Herzberg 1997, S. 129-136.; zu Mülbe: Rainer Hering, Theologie im Spannungsfeld von Kirche und Staat. Die Entstehung der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Hamburg 1895 bis 1955 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 12). Berlin-Hbg. 1992. S. 433f.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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