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Dr. Rainer Hering: Kirche und Universität


Ausgangspunkt war - wie man den Unterlagen der Universität entnehmen kann - eine studentische Initiative zur Einrichtung von akademischen Gottesdiensten. Im Spätherbst 1925 regte der völkische, antirepublikanisch eingestellte "Hochschulring deutscher Art" bei dem Hauptpastor an St. Petri, Theodor Knolle (1885-1955), an, Universitätsgottesdienste abzuhalten. Dieser gab die Anregung über den Professor und Direktor des Museums für Völkerkunde, Georg Thilenius (1868-1937), an den Rektor der Hamburgischen Universität weiter. Im Universitätssenat wurden allerdings "Zweifel über die Art, wie solcher Gottesdienst etwa gedacht wäre", laut, und man beschloß, abzuwarten, ob der Allgemeine Studentenausschuß (AStA) "etwa mit derartigen Anträgen an ihn herantreten würde". Dies war jedoch nicht der Fall. (4)

Im ersten Heft der "Hamburger Universitäts-Zeitung" im Wintersemester 1926/27 forderte cand. phil. Ernst Möller in einem Artikel über "Akademische Feiern" die Einführung eines akademischen Gottesdienstes: "Hamburg würde sich mit seiner Einrichtung eine Form schaffen, die an anderen Hochschulen längst als selbstverständlich besteht." Dabei schwebte ihm nicht ein regelmäßiger Gottesdienst vor, sondern je ein feierlicher zu Semesteranfang und -ende. "Neben der religiösen und ideellen Bedeutung würde eine solche Einrichtung gewiß beitragen, die junge Hamburgische Universität fester zu verankern, ihr eine stärkere Grundlage in der Oeffentlichkeit und ihren eigenen Kreisen zu geben." (5)

Doch der aus den staatlichen Akten entstehende Eindruck, dass die Studierendenseelsorge und die akademischen Gottesdienste zuerst und allein von Studierenden gefordert wurden, täuscht. Im Protokoll des Kirchenrates der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 15. Oktober 1925 ist festgehalten, wer den ersten Anstoß gab: Der Oberregierungsrat in der Hochschulbehörde, der Jurist Dr. Albrecht von Wrochem (1880-1944), hatte schon viel früher bei Hauptpastor Heinz Beckmann (1877-1939) vorgeschlagen, "die Evangelisch-lutherische Kirche wolle, wie es jetzt durch die katholische Kirche geschehe, auch die Seelsorge an den Studenten betreiben." Neben Semesteranfangs- und -schlussgottesdiensten regte er vierwöchentliche Sonntagsgottesdienste und die Bekanntgabe eines speziellen Studentenseelsorgers an. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die zeitlich später liegende studentische Initiative des Hochschulringes durch diese Anregung beeinflusst, möglicherweise sogar funktonalisiert worden ist.

Albrecht von Wrochem war von 1911 bis 1914 wissenschaftlicher Assistent am Hamburger Kolonialinstitut, von 1919 bis 1930 Dozent und ab 1930 Honorarprofessor an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät für Kirchen-, Staats- und Verwaltungsrecht. Er war kirchlich sehr engagiert, so gehörte er dem 1931 geschaffenen Ausschuss für Religionslehrerausbildung an und lehrte in diesem Rahmen Kirchenrecht. 1936 wurde er aufgrund von Paragraph 6 des Reichsgesetzes "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in den Ruhestand versetzt, 1937 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen. (6)

Diese Anregung wurde vom Kirchenrat aufgegriffen. Beckmann schlug vor, die vierwöchigen Gottesdienste sollten an der Hauptkirche St. Petri durch den dortigen Hauptpastor und späteren Landesbischof Theodor Knolle gehalten werden, der zugleich als Studentenseelsorger genannt werden sollte. Vorerst sollten aber zunächst weitere Verhandlungen geführt werden, vor allem sollte der Pastor und Professor für Afrikanistik Carl Meinhof (1857-1944), der als der Theologe an der ohne theologische Fakultät gegründeten Hamburgischen Universität galt, gefragt werden, ob er für diese Aufgabe mit genannt werden wolle, doch dieser lehnte in einem informellen Gespräch ab. (7)

Die Bemühungen der Kirche blieben vorerst ergebnislos. Von Wrochem erinnerte im August 1926 Hauptpastor Knolle erneut an die Notwendigkeit der Studierendenseelsorge und verwies darauf, dass sie an der Kölner Universität von evangelischer wie von katholischer Seite betrieben werde. Offenbar waren das Vorbild anderer Universitäten und die schon länger bestehenden Aktivitäten der katholischen Kirche auf diesem Felde für seine Initiative bestimmend. Man merkte dem Brief an, wie wichtig ihm dies war: "Ich erlaube mir, Sie auf diesen Passus aufmerksam zu machen im Anschluß an die wiederholten Anregungen, die ich mir zu geben erlaubt habe. Verzeihen Sie mein Querulantentum; ich messe der Angelegenheit aber die allergrößte Bedeutung bei." (8) Knolle wandte sich drei Monate später an den Rektor der Universität, den Mediziner Bernhard Nocht (1857-1945), und bat ihn um Unterstützung, wobei er auf die angeblich "mehrfach geäußerte(n) Wünsche aus den Kreisen der Studentenschaft" verwies. Er wie auch der Rektor verhandelten weiter mit der Vertretung der Studierenden, doch der Allgemeine Studentenausschuss war an akademischen Gottesdiensten nicht interessiert. Im Januar 1927 teilte er der Universitätsverwaltung mit, dass diese "kaum für die Studentenschaft in Frage kommen, insbesondere da ja am 1. März alljährlich ein Gefallenen Gedenkgottesdienst des Hochschulrings Deutscher Art stattfindet, der von weiten Kreisen der Studentenschaft besucht wird." Ein halbes Jahr später wurde diese Position mit dem Hinweis auf die "die in der Studentenschaft bestehenden Gegensätze" noch einmal bekräftigt, so dass der Rektor von der Einrichtung akademischer Gottesdienste abzusehen bat. (9) Der Kirchenrat nahm dies resignierend zur Kenntnis und beschloss, später einen Geistlichen mit den Aufgaben eines Studentenpastors zu beauftragen; Knolle selbst zog sich aus diesem Bereich vorerst zurück. (10)

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4 Staatsarchiv Hamburg (StA Hbg), 364-5 I Universität I, C 20.4.1 Band 4, Protokoll des Universitätssenats vom 11. Dezember 1925, Punkt 15. Zum "Hochschulring deutscher Art" siehe Helga Bauer, Die studentische Selbstverwaltung und die studentischen Gruppierungen an der Universität Hamburg 1919-1933. Organisation und Entwicklung unter Berücksichtigung des Einflusses der wirtschaftlich sozialen Verhältnisse der Freien und Hansestadt Hamburg. Diplomarbeit (Soziologie) Ms. Hamburg 1971. S. 75-78; Gerhard Fließ/Jürgen John, Deutscher Hochschulring (DHR) 1920-1933. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). Bd. 2 Köln 1984, S. 116-127; Ulrich Herbert, "Generation der Sachlichkeit". Die völkische Studentenbewegung der frühen zwanziger Jahre in Deutschland. In: Frank Bajohr/Werner Johe/Uwe Lohalm (Hrsg.), Zivilisation und Barbarei. Die widersprüchlichen Potentiale der Moderne. Hbg. 1991. S.115-144, hier S. 119ff; Michael Grüttner, "Ein stetes Sorgenkind üfr Partei und Staat". Die Studentenschaft 1930 bis 1945. In: Eckart Krause; Ludwig Huber; Holger Fischer (Hrsg.), Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933-1945 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 3). Berlin-Hbg. 1991, S. 201-236; ders.: Studenten im Dritten Reich. Paderborn-München-Wien-Zürich 1995. S. 25-26. Der Hochschulring war das organisatorische Zentrum der rechtsradikalen Studenten, der gegen Internationalismus und Pazifismus, gegen Marxismus , Demokratie und Judentum kämpfte.

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5 Ernst Möller, Akademische Feiern. In: Hamburger Universitäts-Zeitung 8. Jg. Heft 6, Wintersemester 1926/27 Nr.1, S.153-154, die Zitate S.154.

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6 StA Hbg, 361-6 Hochschulwesen-Dozenten- und Personalakten (HW-DPA) II 492 und IV 1134; Rainer Hering, Vom Seminar zur Universität. Die Religionslehrerausbildung in Hamburg zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Hbg. 1997. Bes. S. 161. Zu Beckmann: Rainer Hering, Beckmann, Heinrich Jakob Hartwig, genannt Heinz. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XVII. Herzberg 2000, 60-94.

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7 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Protokoll der 668. Sitzung des Kirchenrats vom 15.10.1925; ebd. 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Senior Curt Stage (1866-1931) an Knolle 27.10.1925. Zu Meinhof und seiner Rolle an der Hamburger Universität: Rainer Hering, Meinhof, Carl Friedrich Michael. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XVII. Herzberg 2000, 921-960.

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8 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, von Wrochem an Knolle 2.8.1926. Zugleich mahnte er "dringend" die Universitätsgottesdienste bei Senior Curt Stage an, der das nachhaltig unterstützte (ebd., Stage an Knolle 1.10.1926).

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9 StA Hbg, 364-5 I Universität I, A 170.4 Band 1, Bl. 1 und 10, AStA an Universitätssyndikus 24.1.1927 und 14.7.1927; Bl. 2-4, Knolle an Rektor 16.11.1926; Bl. 11, Rektor an Knolle 20.7.1927 (auch in NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70).

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10 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Protokoll der 724. Sitzung des Kirchenrats vom 29.9.1927; ebd., 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Knolle an Kirchenrat 17.9.1927.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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