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Dr. Rainer Hering: Kirche und Universität


Es ist bemerkenswert, dass in der gesamten Diskussion die seit 1919 in Hamburg bestehenden Gruppen der DCSV und der DCVSF keine Rolle spielten. Die DCSV war international orientiert und hatte ein stark missionarisches Interesse. Allerdings wurde 1923 im Organ der Vereinigungen DCSV und DCVSF, den "Mitteilungen zur Förderung einer deutschen christlichen Studentenbewegung", zum Eintritt in den "Hochschulring deutscher Art" aufgefordert, weil die Studierenden dem deutschen Volk dienen und sich zu ihm bekennen müssten. Öffentliche Vorträge, Morgenandachten, Bibelstunden und Ausflüge prägten das Programm. Die Berichte der Hamburger Gruppen während der Weimarer Republik sind gekennzeichnet von einem krassen Mangel an Mitglieder, vor allem an "Nachwuchs" aus den ersten Semestern. Immer wieder wurden Angehörige der DCSV aufgefordert, zum Studium nach Hamburg zu kommen, um die Arbeit der Gruppe zu verstärken. 1928 kam von 309 schriftlich Eingeladenen zu einem Abiturientenabend nur einer! Hintergrund dieser Situation waren das Fehlen einer theologischen Fakultät und die grundsätzlich distanzierte Haltung zur Kirche in der Millionenstadt. Allerdings war die Frauenorganisation DCVSF - zumindest in quantitativer Hinsicht - deutlich erfolgreicher als ihr männliches Pendant: Im Sommersemester 1928 hatte die DCSV in Hamburg zwölf, im Wintersemester 1928/29 und im Sommersemester 1929 fünf, im Wintersemester 1929/30 sieben Mitglieder; die DCVSF wie im Sommersemester 1929 in Hamburg 16 und im Wintersemester 1929/30 22 Mitglieder auf.

Im Zusammenhang mit der Einrichtung des Studentenpfarramtes ging weder eine Initiative von der DCSV aus, noch wurden ihre Existenz besonders von Seiten der Landeskirche erwähnt oder gar Kontakte zu ihr aufgenommen. Die DCSV selbst hatte offensichtlich kein besonderes Interesse, dass ein eigener Pastor für den universitären Bereich eingesetzt wurde. In ihrem Mitteilungsblatt fehlte in den Berichten aus Hamburg jeglicher Hinweis auf den Studentenpfarrer und die in späteren Jahren gemeinsamen Aktivitäten. (11)

Doch schon wenige Monate später, im Dezember 1927, gab es einen neuen Impuls, der schließlich dazu führte, dass die Landeskirche von sich aus offensiv akademische Gottesdienste einrichtete und ein Studentenseelsorger öffentlich bekannt gegeben wurde. Carl Meinhof sowie der an der Universität lehrende Missionsdirektor der Hanseatischen Kirchen und spätere Tübinger Professor für Missionswissenschaft, Martin Schlunk (1874-1958), baten den Pastor an der universitätsnahen St. Johanniskirche im Stadtteil Harvestehude, Lic. Dr. Johannes Reinhard (1870-1964), die Studentenseelsorge in die Hand zu nehmen, der daraufhin einen entsprechenden Auftrag des Kirchenrates erhielt. Reinhard hielt seit Anfang der zwanziger Jahre regelmäßig den "Akademischen Gottesdienst der Studentenschaft zum Gedächtnis des Tages von Langemark". Dies war der einzige von der Studentenschaft durch AStA-Beschluss selbst gewünschte Gottesdienst. Reinhard galt als "treuer Freund und Seelsorger" der Studierenden. Politisch war er Mitglied des extrem nationalistischen und antisemitischen Alldeutschen Verbandes und trat 1921 als Festredner bei germanisch-christlichen Feierstunden (Lutherfeier, Sonnwendfest) des Junglehrerbundes Baldur auf. Dieser fiel 1922 aufgrund des Republikschutzgesetzes unter das Verbot antisemitischer und rechtsradikaler Organisationen und wurde aufgelöst. Reinhard trat auch für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), der er als Mitglied angehörte, als Versammlungsredner auf. 1946 schloss er sich der CDU an, wurde deren Ehrenvorsitzender, Alterspräsident der Bürgerschaft und Ehrensenator der Universität Hamburg. (12)

Die Berufung des 57jährigen Reinhard aktivierte Theodor Knolle, der sich offensichtlich übergangen fühlte und nunmehr an seine frühere Beauftragung erinnerte, die nur ruhe. (13) Im Januar 1928 teilte er dem Rektor der Universität, dem Mathematiker Wilhelm Blaschke (1885-1962), mit, dass er am 29. Januar und 19. Februar in seiner Hauptkirche St. Petri die ersten "Gottesdienste für evangelische Studierende" abhalte. Er selbst stehe, wie auch die übrigen Hauptpastoren, zur Beratung "in Fragen des persönlichen, ethischen, religiösen Lebens" in seiner täglichen Sprechstunde bereit. Angekündigt wurden auch wöchentliche kurze Morgenfeiern für Studenten in der Kapelle der französisch-reformierten Gemeinde. Ein entsprechender Aushang wurde in der Universität angebracht. (14) Damit wurde Hauptpastor Theodor Knolle - wenngleich nur nebenamtlich neben zahlreichen anderen Aufgaben - zum ersten Studierendenseelsorger an der Hamburgischen Universität. Aufgrund seines Alters von 42 Jahren und seiner Stellung als Mitglied der kirchenleitenden Elite bestand ein deutlicher Abstand zwischen ihm und den Studierenden.

Theodor Louis Georg Knolle, geboren am 18. Juni 1885 in Hildesheim, studierte Theologie in Marburg, Berlin und Halle, legte die beiden theologischen Examina ab und wirkte als Pastor in Greppin und in Wittenberg. Seit dem 1. Oktober 1924 war er Hauptpastor an St. Petri in Hamburg, vom 25. Juli 1933 bis zum 1. März 1934 zusätzlich Generalsuperintendent und seit 1946 Oberkirchenrat. Knolle war Mitbegründer und Schriftführer der Luthergesellschaft in Wittenberg; 1929 wurde ihm die theologische Ehrendoktorwürde der Universität Halle verliehen. Vom 1948 bis 1954 war Knolle Präsident der Landessynode, die ihn, den Gründer und langjährigen theologischen Leiter der Kirchenmusikschule, zum Hamburger Landesbischof wählte; am 23. Januar 1955 wurde er in sein Amt eingeführt. Knolle war auch als akademischer Lehrer tätig: Seit 1925 las er am Allgemeinen Vorlesungswesen der Hamburger Universität und seit dem Wintersemester 1945/46 am Kirchlichen Vorlesungswerk der Landeskirche. Als hauptamtlicher Dozent lehrte er ab 1948 Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule und erhielt 1950 die Amtsbezeichnung "Professor der Theologie an der Kirchlichen Hochschule Hamburg". 1954 ernannte ihn die neugegründete Theologische Fakultät zum Honorarprofessor für Praktische Theologie. Als amtierender Landesbischof starb er ein gutes Jahr später am 2. Dezember 1955 in Hamburg. (15)

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11 Mitteilungen zur Förderung einer deutschen christlichen Studentenbewegung. Organ der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (D.C.S.V.). Berlin, durchgesehen wurden die Jahrgänge 1920 bis 1931. Berichte aus Hamburg finden sich in: Nr. 220 vom 1.5.1919, S. 63; Nr.224 vom 15.9.1919, S. 231-232; Nr.232 vom 1.5.1920, S. 41-43; Nr.254/55, S. 15-16; Nr.261 vom 15.7.1921, S. 127; Nr.266/267 vom 15.10.1921, S. 18; Nr.280 vom 1.6.1922, S.45; Nr.312 vom 15.10.1925, S. 19 ("Die Gefahr des plötzlichen Aussterbens ist groß. Hamburg braucht junge Semester."); Nr.1 vom 20.4.1928, S. 193; Nr.2 (347) vom 15.5.1929, S. 210; Nr.2 (347) vom 15.5.1929, S. 215; Nr.2 (351) vom 15.11.1929, S. 36; Nr.5 (354) vom 15.2.1930, S. 117; Nr.2 (356) vom 15.5.1930, S. 163 und 170. Mitgliederstatistiken sind abgedruckt in: Nr.4 vom 15.7.1928, S. 248; Nr.4 (343) vom 15.1.1929, S. 129; Nr.2 (347) vom 15.5.1929, S. 214; Nr.2 (356) vom 15.5.1930, S. 156. Daneben wurden die Adressen der jeweiligen Kreisleiterinnen und Kreisleiter genannt. P. Braun, D.C.S.V. und Hochschulring deutscher Art. In: Nr. 287 vom 15.1.1923, S.57-58.

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12 StA Hbg, 364-5 I Universität I, A 170.4 Band 1, Bl. 22, Arbeitsplan für das Wintersemester 1931/32 (1931 kam es hier zu einem Konflikt unter den Studierenden, weil der Stahlhelm und der NSDStB unberechtigterweise sich am Chargenzug beteiligt hatten, ebd., Bl. 24-27); NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl. 68, Bericht über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes im Sommersemester 1930 und Wintersemester 1930/31; Hans Heesch, Um den evangelischen Studentendienst. In: Hamburger Nachrichten vom 16.10.1931 (dort die Beurteilung Reinhards). - Rainer Hering, Reinhard, Johannes Richard. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. VII. Herzberg 1994, S. 1537-1542; Annett Büttner; Iris Groschek, Jüdische Schüler und "völkische" Lehrer in Hamburg nach 1918. In: ZHG 85 (1999), S. 101-126, bes. S. 115ff.

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13 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Protokoll der 729. Sitzung des Kirchenrats vom 15.12.1927 und der 730. Sitzung vom 5.1.1928. Zu den Biographien beider Hering, Theologie (wie Anm. 3). S.435 und 437-438.

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14 StA Hbg, 364-5 I Universität I, A 170.4 Band 1, Bl.15f, Knolle an Rektor 14.1.1928; NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Aushang: Kirchlicher Studentendienst. In einer Presseerklärung Knolles vom 16.2.1928 betonte er, dass der erste Gottesdienst eine "erfreuliche Beteiligung" gezeigt habe (ebd.).

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15 Hering, Seminar (wie Anm. 6). S. 148.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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