fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: Kirche und Universität


Knolle baute nach dem Vorbild anderer Universitäten die Arbeit zu einem Evangelischen Studentendienst aus. Dieser umfasste zwei Gottesdienste im Sommer- und drei im Wintersemester. Im Sommer fanden darüber hinaus Führungen mit anschließender Aussprache statt, z.B. über die evangelischen Anstalten, die Auswandererfürsorge, Arbeiterquartiere und religiös-soziale Probleme. Im Winter wurden Vorträge über "evangelische Weltanschauungs- und Glaubensfragen" abgehalten, für die auch auswärtige Referenten gewonnen werden konnten. Zu diesem Zweck wurden ihm 1.000 Mark bewilligt, wirtschaftliche Studentenhilfe gab es nicht. (16)

In der Vorbereitung der Führung im Sommersemester 1928 unterstützte Knolle Vikar Dr. phil. Karl Friedrich Boll (1898-1991), der später von 1934 bis 1936 als Oberkirchenrat wirkte und aufgrund seiner nationalsozialistischen und deutsch-christlichen Aktivitäten 1945 emeritiert wurde. Durch Aushänge und Einladungen an die DCSV sowie die studentischen Korporationen, u.a. die Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei, wurde über die Führung zur deutschen Auswanderung am 9. Juli informiert. 92 Personen - darunter 25 Studentinnen - meldeten sich dazu an, was das große Interesse an dieser Thematik verdeutlicht. Besichtigt wurden das Schiff "Hamburg" und das Überseeheim der Hapag. Nach dem gemeinsamen Mittagessen sprachen Sozialpfarrer Gottfried Kölbing (1880-1961) und Missionar Brekelmann über die Auswanderermission, den Abschluß bildete die Besichtigung des Auswandererheims in der Rautenbergstraße; Kosten entstanden den Studierenden nicht. (17) Im folgenden Wintersemester sprach der Greifswalder Kirchenhistoriker Hermann Wolfgang Beyer (1898-1943) mit Lichtbildern über "Michelangelo und Luther". Wie auch die Führung sollte der Vortrag, "auf die Bedeutung der religiös-sittlichen Kräfte im Geistesleben hin[zu]weisen und der verantwortlichen Auseinandersetzung mit ihr dienen". (18)

Angesichts der Vielfalt seiner Aufgaben bat Knolle nach anderthalb Jahren darum, einen Hilfsprediger zur Unterstützung zu erhalten, der ihm im September 1929 vom Kirchenrat zugewiesen wurde. Es handelte sich um Walther Hunzinger (1905-1972), der sich in den folgenden Jahren sehr intensiv um die Studierenden kümmerte und faktisch die Arbeit des Studentenseelsorgers voll ausfüllte. Mit 24 Jahren stand er den Studierenden altersmäßig sehr nahe, was seine Kontaktmöglichkeiten und sein Verständnis der universitären Situation erleichterten. Es spricht für seinen Erfolg und für die Bedeutung, die die Kirchenleitung dieser Arbeit zumaß, dass die Stelle 1930 in eine selbständige Hilfspredigerstelle umgewandelt und ihr Inhaber die Amtsbezeichnung "Pastor" verliehen bekam. Hunzinger erhielt sogar "ausnahmsweise mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse des Dienstes in der Studentenseelsorge" ein Diensttelefon bewilligt. (19)

Walther Clarus Otto Hans Heinrich Hunzinger war Sohn des Hamburger Hauptpastors an St. Michaelis August Wilhelm Hunzinger (1871-1920). Er studierte bei Karl Jaspers (1883-1969), Rudolf Bultmann (1884-1976) und Paul Tillich (1886-1965), wurde 1929 Hilfsprediger und 1931 in Marburg promoviert. Im Sommersemester 1933 hielt er am Allgemeinen Vorlesungswesen der Hamburger Universität eine Kandidatenvorlesung über den Epheserbrief. Seit dem 1. Oktober 1932 wirkte er als Pastor in St. Georg an der Dreieinigkeitskirche. Im "Kirchenkampf" des "Dritten Reiches" gehörte er dem Bruderrat der Bekenntnisgemeinschaft an. In der von Eduard Heimann (1889-1967), Fritz Klatt (1888-1945) und Paul Tillich herausgegebenen Zeitschrift der religiösen Sozialisten "Neue Blätter für den Sozialismus. Zeitschrift für geistige und politische Gestaltung" analysierte Hunzinger bereits im April 1931 klar das innere Verhältnis von Protestantismus und Nationalsozialismus als theologische "Schicksalsfrage an die protestantische Kirche", "ob sie - die Kirche - das Nein gegen eine Vergöttlichung des Menschen ebenso leidenschaftlich wie gegen den Kommunismus auch gegen den Nationalsozialismus sagt." Seine Position war eindeutig. (20) Seit dem 16. Juli 1945 war Hunzinger als vikarischer Verwalter der 4. Pfarrstelle (Krankenhausseelsorge) an der Bergkirche zu Wiesbaden tätig, seit dem 1. April 1947 fest als Pfarrer der Pfarrei I der Bergkirche, wobei er aus dem Dienst der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate ausschied. H. sah inhaltliche Differenzen mit der Hamburger Kirchenleitung, bessonders zu Landesbischof Simon Schöffel (1880-1959), weswegen er nach Hessen wechselte, wo er sich besonders in der Synode, publizistisch, durch Vorträge und Radioansprachen engagierte. (21)

Walther Hunzingers Wirksamkeit als Studentenseelsorger wurde durch einen besonderen Aushang in den Instituten und Seminaren der Universität und durch Rundschreiben an die studentischen Verbindungen und Vereinigungen angekündigt. Die Beschreibung seiner Tätigkeit beinhaltete implizit einen Hinweis auf ein Defizit, das Knolle angesichts seiner zahlreichen Aufgaben nicht beseitigen konnte: "Seine Aufgabe soll darin bestehen, lebendiger und intensiver, als das bisher möglich war, die persönliche Fühlung zwischen der Studentenschaft unserer Universität und der evangelischen Kirche aufzunehmen." Die evangelische Kirche empfinde es als Verpflichtung, sich dem an sie gerichteten "Fragen um die Grundprobleme der Weltanschauung wie der persönlichen und sozialen Lebensgestaltung" zu stellen und "mit letztem Ernst an einer wirklichen Klärung und Ueberwindung unserer kulturellen Ratlosigkeit mitzuarbeiten und zu einem neuen Aufbau unseres erschütterten geistigen Lebens die Kräfte der evangelischen Botschaft lebendig einzusetzen." Besondere Bedeutung komme dabei der Zusammenarbeit mit den an der Universität bestehenden Verbindungen und Gruppen zu. Walther Hunzinger stand ihnen für Vorträge und Diskussionen zur Verfügung und strebte ein gegenseitiges Kennenlernen an. (22)

Zurück zum Text  16.

16 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl.8, Kirchenrat an Kirchlich-sozialen Bund 19.3.1927, Bl.17, Knolle an Kirchenrat 4.4.1928.

Zurück zum Text  17.

17 Ebd., 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Boll an Knolle 14.5., 4.6., 8.6., 24.6., 30.6. und 3.7.1928, sowie die Rückmeldungen der Vereinigungen und die zusammenfassende Teilnehmerliste; zu Boll siehe Hering: Seminar (wie Anm. 6). S. 67, 76 und 137; Peter Boll (Red), Der unbekannte Faschismus. Nazis in der Hamburger Kirche. Eine Dokumentation mit Zitaten aus der Hamburger Kirchengeschichte über NS-Oberkirchenrat Dr. K.-F. Boll. O.O. (Berlin) 1992. Die Arbeit Knolles fand in einer kleinen Meldung des Hamburger Fremdenblattes vom 23.7.1928 ihren ersten publizistischen Niederschlag.

Zurück zum Text  18.

18 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Ankündigung Knolles vom 18.2.1929 und Notizen für seine Begrüßungsansprache; die Veranstaltung fand am 25.2.1929 im Gemeindesaal St. Petri statt.

Zurück zum Text  19.

19 Ebd., 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Protokolle der 765. Sitzung des Kirchenrats vom 6.6.1929, der 772. Sitzung vom 19.9.1929, der 776. Sitzung vom 28.11.1929 (dort das Zitat) und der 791. Sitzung vom 12.6.1930.

Zurück zum Text  20.

20 Walther Hunzinger, Protestantismus und Nationalsozialismus. In: Neue Blätter für den Sozialismus. Zeitschrift für geistige und politische Gestaltung 2 (1931), S. 171-177. Hunzinger rief zur Prüfung des Verhältnisses des Nationalsozialismus zum Christentum auf und erkannte, dass das nationalsozialistische Bild des Christentums ein "unüberhörbarer und echter Protest" gegen das damals wirkliche Christentum darstelle. Klar stellte er aber "die Frage: ist das heldische Christentum des Blutes und der Ehre, das er [der Nationalsozialismus, RH] will, wirklich noch Christentum?" (S. 175). Und genauso deutlich bezog H. Position: "Und hier, wo es um die letzte, entscheidende Mitte und nicht mehr um die Fragen der Verwirklichung geht, hat der Protestantismus - wenn anders er noch einen Funken von Wissen um seine ihm aufgetragene Verkündigung hat - ein kompromißloses und leidenschaftliches Nein zu sagen. Wo die Ehre des Menschen als der "Höchstwert" des Lebens gesucht wird, als der letzte Maßstab, von dem her alle anderen Werte, auch Gott, ihren Rang erhalten, da wird eine Religion des Menschen gesucht und nicht wirklich Glaube an Gott. Wo der Mensch Gott gleich gesetzt wird, da wird nicht mehr von Gott geredet, wo die frohe Botschaft eine mystische Botschaft vom "Himmelreich in uns" ist, da wird ganz gewiß nicht mehr von der frohen Botschaft des Christus geredet. Die "selbstherrliche Seele" gibt es da nicht, wo allein die Ehre Gottes und nicht die Ehre des Menschen letzter Maßstab aller Dinge ist. Der heldische Mensch ist der Mensch, der vergißt, daß er geschaffen wurde und daß er gefallen ist. Ein Christentum, das nicht mehr von Sünde und Begnadung als von den letzten Wirklichkeiten menschlicher Existenz zu reden wagt, hört auf, Christentum zu sein. Hier gibt es gerade für den Protestantismus schlechthin nur ein Entweder-Oder: Gott oder der Mensch. (...) Wird von Gott geredet, so ist auch die Ehre eines Volkes oder gar die einer Rasse nicht das Letzte, und eine protestantische Kirche, die ihre Verkündigung sich in letzter Instanz von der Nationalehre her bestimmen ließe, hätte ihre Sache verraten. Es geht nicht an, hier mit einem Hinweis auf das neue und tiefe Verständnis von "Gottes Schöpfungsordnungen" im Nationalsozialismus das Entscheidende zu verdecken, daß Gott als Schöpfer gerade da nicht anerkannt wird, wo die Schöpfung sich im heldischen Menschen oder im heldischen Volk absolut setzt. Hier sollte der Protestantismus nur ein entschlossenes Nein zu sagen haben." (S. 176). Abschließend formulierte er - und der Tübinger Kirchenhistoriker Klaus Scholder (1930-1985) sah darin schon fast eine Vorwegnahme der Barmer Theologischen Erklärung von 1934: "Ihre Existenz als protestantische Kirche wenigstens wird davon abhängen, ob sie hier wie dort in kompromißloser Entschiedenheit - und wenn sie darum einsame Kirche werden müßte - das Wort sagt, das ihr aufgetragen ist, das Wort von dem Gott, dem allein Ehre gebührt." (S. 177); Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934. Frankfurt/M-Berlin-Wien 1977. S. 176.

Zurück zum Text  21.

21 Rainer Hering, Hunzinger, Walther Clarus Otto Hans Heinrich. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XVII. Herzberg 2000, 665-674. Zu Schöffel vgl. Rainer Hering, Schöffel, Johann Simon. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. IX. Herzberg 1995, S. 597-618.

Zurück zum Text  22.

22 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Knolle an die Institutsleiter Dezember 1929 und an die Korporationen Mitte November 1929 (dort die Zitate).

 

Seite zurück  Eingangsseite  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de