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Dr. Rainer Hering: Kirche und Universität


Zu Beginn seiner Tätigkeit orientierte Hunzinger sich über die Arbeit der Studentenpfarrer an anderen Universitäten, wobei er sich insbesondere mit dem rheinischen Pfarrer Johann Wilhelm Schmidt-Japing und dem Studentenpfarrer an der Technischen Hochschule Hannover, Ferdinand Cohrs (1893-1966), in Verbindung setzte. Antrittsbesuche, u.a. beim Rektor der Universität Ernst Cassirer (1874-1945), dem Präses der Hochschulbehörde, Senator Paul de Chapeaurouge (1876-1952), und dem Regierungsdirektor in der Hochschulbehörde, Albrecht von Wrochem, von dem die Initiative zur Einrichtung der Studierendenseelsorge ausgegangen war, folgten. Die Hamburgische Studentenhilfe, Vorläufer des Studentenwerkes, stellte ihm im Studentenhaus Neue Rabenstraße 13 einen Raum für Sprechstunden zur Verfügung, die aber kaum besucht wurden.

Während er beim AStA ein "erfreuliches Entgegenkommen" erfuhr, zeigten sich die Verbindungen und Vereinigungen weitgehend desinteressiert. Den ersten Vortrag erbat der Demokratische Studentenbund, wo er "von politischer Gegensetzlichkeit gegen ihre Vertreter abgesehen" keine kirchenfeindliche Stimmung antraf, vielmehr eine Gleichgültigkeit in religiösen Einstellungen, "die ihre Wurzeln in einem ausgesprochenen Individualismus in Sachen der Religiosität hat." Leidenschaftliche Feindseligkeiten gegen die Kirche fand er nur bei einigen Sozialisten. Weitere Veranstaltungen gab es in den ersten Monaten mit der DCSV, dem Corps Frankonia, dem Hamburger Wingolf, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) und der Vereinigung auslandsdeutscher Studierender. (23) Bei der DSCV traf er auf ein "bewusstes, aber aus pietistischen Ursprüngen heraus a-kirchliches Christentum, merkwürdig verbunden mit der allgemeinen studentischen Skepsis und Gleichgültigkeit gegen die Kirche". Hier betonte er die Bedeutung der Kirche "gegen alles Konventikel- und Sektenwesen". Vortrag und Aussprache ergaben "ein herzliches und freundschaftliches Verhältnis". Nach einem Themenabend über das Verhältnis der Studierenden zur Kirche folgte ein zweiter Vortrag vor dem "engeren Kreis" der DCSV über "Das Problem der vorehelichen Geschlechtlichkeit", wobei die Beurteilung der damit verbundenen Fragen unterschiedlich blieb.

Beim NSDStB war Hunzinger zu einem Vortrag über das Verhältnis des kirchlichen Christentums zur völkischen Religiosität gebeten worden. Er berichtete darüber: "Bei aller positiver Würdigung des völkischen heute von Seiten kirchlichen Christentums konnte der Protest gegen die Vergöttung des Volkstums einerseits und gegen ein mit ihr zusammengehendes Ethos der rücksichtslosen Gewalt und geistesverneinenden éMännlichkeit" nicht verschwiegen werden." Seine zahlreichen Veranstaltungen resümierte er so: "Die Frage der Politik ist die eigentlich gemeinschaftliche Frage, die Frage des Geschlechts die eigentlich persönliche. Demgegenüber tritt ein Fragen um Religion völlig zurück, während hier und da Einzelne stark von den wissenschaftlichen Fragen bewegt werden."

Dieses Bild ergab sich auch an den von ihm vierzehntäglich privat angebotenen offenen Abenden, die durchschnittlich jeweils von 10 Studierenden aller Fakultäten und politischen Richtungen - auch von Sozialisten, zu denen er noch keine offiziellen Kontakte knüpfen konnte - besucht wurden. Die Themen Sozialismus und Nationalsozialismus waren in den langen und lebhaften Aussprachen dominierend. Der Sinn dieser Abende war für Hunzinger "Aussprache, zu der jeder beiträgt, was er hat und weiss, und in der es gerade um die Fragen geht, die die studentische Wirklichkeit brennend bestimmen." Die Themen sollten nicht von vornherein religiös geprägt sein, vielmehr ging es ihm darum, die religiöse Dimension vordergründig weltlicher Themen aufzuzeigen. (24) Die Abende seien ein Ort der Begegnung von verschiedenen Menschen unterschiedlicher weltanschaulicher und politischer Prägung im ernsten Gespräch. Hunzinger betonte, wie wichtig auch ein entsprechendes Angebot für Abiturienten, Referendare, Assistenten und jüngere Privatdozenten sei; auch "nicht-studierte Menschen der Praxis (z.B. soziale Frauenschülerinnen)" dürften von diesen Abenden nicht ausgeschlossen werden. (25)

Als zentrales Problem einer sinnvollen evangelischen Arbeit mit Studierenden sah Hunzinger die Notwendigkeit, gottesdienstliche Formen zu finden, die den fast verschütteten Zugang der Studierenden zur direkten evangelischen Verkündigung ihrer Situation entsprechend öffnen können. Obwohl er den akademischen Gottesdienst als "Vereinigung von Gemeinde und Universität unter dem Wort der Predigt" für unverzichtbar hielt, sei er in seiner jetzigen Form aber nicht der geeignete Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Diesen Weg zu finden, sei langfristig viel entscheidender als die bisherigen indirekten Versuche des Begegnens, wie gemeinsame Unternehmungen, Vorträge etc., die nur vorläufigen Charakter haben könnten. "Damit ist zugleich die entscheidende Grenze alles bisher Erreichten sichtbar geworden", schloss er seinen Bericht über die Arbeit seines ersten Semesters. (26)

Neben den offiziellen akademischen Gottesdiensten zu Semesterbeginn und -schluss, in denen Hauptpastor Knolle predigte, führte Hunzinger selbst eigene Gottesdienste am Abend, zumeist in der Hauptkirche St. Jacobi durch, allein acht im Wintersemester 1930/31. (27)

Walther Hunzinger hielt selbst neben den von Vereinigungen gewünschten noch öffentliche Vorträge mit anschließender Diskussion, so im Sommersemester 1931 drei über "Probleme studentischer Lebenshaltung". (28) Daneben fanden größere, von ihm initiierte öffentliche Vorträge statt, so z.B. 1930 von den Professoren Paul Tillich ("Protestantische Auffassung vom Menschen"), Emanuel Hirsch (1888-1972; "Luthers Anschauung vom Worte Gottes") und Karl Barth (1886-1968; "Die Not der evangelischen Kirche"). Dadurch konnten sich die Studierenden direkt durch führende Theologen über die damalige Diskussion informieren. Der Vortrag von Tillich wurde von 6-700 Studierenden gehört. Im Mai 1932 sprach Friedrich Gogarten (1887-1967) über das Thema "Staat und Kirche". (29)

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23 Ebd., 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl.48b, Bericht Hunzingers über den Evangelischen Studentendienst vom Februar 1930 (dort die Zitate); ebd., 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Bericht Hunzingers über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes im Wintersemester 1929/30. Vgl. 75 Jahre Studentenwerk Hamburg. "Service für Studierende" 1922-1997. Hbg. 1997; Hermann Hipp, Das Haus der Studentenhilfe, Neue Rabenstraße 13 in Hamburg-Rotherbaum. In: Eckart Krause; Ludwig Huber; Holger Fischer (Hrsg.), Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933-1945 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 3). Berlin-Hbg. 1991, S. 307-326.

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24 Themen waren im Sommersemester 1930: Kirche und Religion, Idee, Erfahrung, Gott - Theologische Fakultät, Hochschulreform und die Idee der Universität - akademische und proletarische Jugend - Individualismus; im Wintersemester 1930/31: Nationalsozialismus - die Frau in der Hochschule - die geistige Situation des Bürgertums und der Protestantismus - das Lebensgefühl der jungen Generation und die Kirche - die Idee der Humanität und der Nationalsozialismus - Aussprache über Karl Barths Kirchenbegriff - Recht und Grenzen des Liberalismus. Daneben gab es einen Ausflug in den Sachsenwald und eine Adventsfeier. Im Sommersemester 1931 lauteten die Themen: Student und Kirche - Kirche und gegenwärtiger Mensch - die Krise der Wissenschaft und der evangelische Mensch - die Begriffe Ehre, Wehrhaftigkeit, Vaterland und der Typus des "deutschen" Studenten - Studentisches Leben in der Grosstadt - Politik und Wahrheit (Fall Günther Dehn) - Deutschland zwischen Osten und Westen und die Frage des Friedens - Der Kommunismus als Erlösung (NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl. 68, Bericht über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes an der Hamburgischen Universität in der Zeit vom Sommer-Semester 1930 bis zum Winter-Semester 1930/31 vom 17.3.1931; ebd., Bl. 74, Bericht über das Sommersemester 1931 und das Wintersemester 1931/32 o.D.).

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25 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Bericht Hunzingers über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes im Wintersemester 1929/30; Walther Hunzinger, Die Arbeit der Kirche in der Studentenschaft. In: Hamburgische Kirchenzeitung 1930, S. 110-113, S. 113. Hunzingers Tochter berichtet, dass in den von ihm betreuten Studierendengruppen sich viele Studentinnen und auch jüdische Studierende befanden (Gespräch mit seiner Tochter Dr. Wiebke Hunzinger am 4.12.1996).

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26 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Bericht Hunzingers über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes im Wintersemester 1929/30. Hier befindet sich auch das gedruckte Programm des akademischen Gottesdienstes am 23.2.1930 in der Hauptkirche St. Petri, in dem Theodor Knolle predigte und Walther Hunzinger für die Liturgie zuständig war. Besonders betont wurde die Musik, zu der neben dem Kirchenchor und dem Organisten die Akademische Orchestervereinigung herangezogen wurde. Die geringe Resonanz der akademischen Gottesdienste unter Universitätsangehörigen beklagte auch Carl Meinhof (ebd., Meinhof an Knolle 2.11.1930).

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27 Ebd., 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl.65, Arbeitsplan für das Wintersemester 1930/31.

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28 StA Hbg, 364-5 I Universität I, A 170.4 Band 1, Bl. 19, Arbeitsplan für das Sommersemester 1931. Die einzelnen Themen der im Studentenhaus stattfindenden Vorträge lauteten: Geschichte und Soziologie des modernen Studenten, Die geistige Haltung des studentischen Menschen, Neue Formen studentischer Gemeinschaft.

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29 Walther Hunzinger, Die Arbeit der Kirche in der Studentenschaft. In: Hamburgische Kirchenzeitung (1930), S. 110-113, S. 113; Ders., Theologische Vorträge in der Universität. In: Evangelische Rundschau 6 (1931), S. 30; Hamburger Nachrichten Nr.246 vom 28. Mai 1932. Andere Referenten waren z.B. im Wintersemester 1931/32 der Hamburger Hauptpastor Simon Schöffel über "Erzbischof Ansgar und das Christentum des Nordens" sowie der Hannoveraner Studentenpfarrer Ferdinand A. Cohrs über "Die politische Gläubigkeit der Zeit" (StA Hbg, 364-5 I Universität I, A 170.4 Band 1, Bl. 22, Arbeitsplan für das Wintersemester 1931/32).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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