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Dr. Rainer Hering: Kirche und Universität


Walther Hunzinger leitete auch die von ihm gegründete theologische Arbeitsgemeinschaft für Studierende mit dem Unterrichtsfach "Religion", da es erst seit 1931 eine fachliche Ausbildungsmöglichkeit für sie an der Hamburger Universität gab. Hauptpastor Heinz Beckmann, Mitglied des staatlichen Prüfungsamtes, hatte ihm die Namen der Studierenden genannt. 1930 beschäftigte sich der Arbeitskreis mit den alttestamentlichen Propheten, im Sommersemester 1931 mit der Frage "Der Religionsunterricht als Problem" und im Wintersemester 1931/32 mit den "Grundrichtungen der gegenwärtigen protestantischen Theologie". Die Teilnehmerzahlen lagen zwischen 27 und 40. Raumschwierigkeiten führten zu Verhandlungen mit der Universität, als deren Konsequenz diese Arbeitsgemeinschaft sich offiziell als studentische Vereinigung (Arbeitskreis für evangelische Religionslehre) konstituierte. Ihr gehörten 1930 vierzehn Mitglieder an, darunter acht Frauen (30), was aufein relativ starkes Interesse am Fach "Religionslehre" schließen ließ. Die Studierenden sollten "selber die Probleme gegenseitig und ernsthaft unter theologischer Leitung" durchdenken können. (31)

Daneben gab es eine juristische Arbeitsgemeinschaft, die 1930/31 monatlich über "Soziologisch-politische, ethische und religiöse Grundfragen des alten und neuen Strafrechts" tagte. Sie bestand aus 17 Personen, überwiegend Referendaren, zwei Assessoren und einem Assistenten. (32)

Um die Zahl der Studierenden für diese Angebote zu erhöhen, wurden alle Hamburger Geistlichen gebeten, Namen und Anschriften von Studierenden in ihren Gemeinden dem Evangelischen Studentendienst zu melden, um sie anschreiben zu können. Zugleich stellte Hunzinger seine Arbeit in ausführlichen Artikeln für die Hamburger Universitäts-Zeitung und die Hamburgische Kirchenzeitung einer größeren Öffentlichkeit vor. (33) Die innerkirchliche Resonanz war sehr positiv: Die Synode genehmigte die finanzielle Grundlage für die Arbeit mit Studierenden, das Gehalt eines Hilfspredigers und 800 Mark für Sachmittel. (34) Wie wichtig dieser neue Arbeitsbereich genommen wurde, zeigt sich auch darin, dass der Senior der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate, Karl Horn (1869-1942), in seinen Jahresberichten für 1930 und 1931 sehr ausführlich darauf einging. (35)

1931 kam es zu einer öffentlichen Debatte über den Sinn der Studierendenseelsorge, die sich aber nicht auf die konkrete Arbeit Hunzingers bezog. In einem Artikel eines Studenten im Hamburger Fremdenblatt mit dem Titel "Der Student von heute und die Kirche" wurde behauptet, dass die bisherige Studierendenseelsorge ohne Erfolg bleibe und von den Studierenden nicht gewollt sei. Diese lehnten zwar die Kirche nicht ab, aber ihre "Religion hat eine andere Form angenommen, als sie die evangelische Kirche vertritt und nach außen hin dokumentiert." Sie trennten Glaube und Kirche. Ihr aus Erlebnissen gewachsener Glaube lasse sich nicht in Dogmen fassen. Die evangelische Kirche erscheine ihnen zu begrenzt, ihre Politik zu eigennützig. "Der werktätige Student erlebt es täglich bei seiner Arbeit, daß das, was die Kirche aus der Bibel, dem Grundstock des christlichen Glaubensbekenntnisses, lehrt, in krassem Widerspruch zu der Wirklichkeit des heutigen Lebens steht, vor allen Dingen auf sozialem Gebiet." Kritisiert wurde auch die Auslegung der Bibel: Es würde bestimmt von größerem Wert sein sowohl für den Intellektuellen wie für den einfachen Menschen, wenn die Sinnsprüche der Bibel zu Vorgängen der Gegenwart in Parallele gestellt würden, vielleicht in noch engerer Form als es bisher schon zuweilen geschieht." (36)

In seiner Erwiderung wandte sich Hunzinger gegen das hier gezeichnete Bild der Studierenden, die zumeist doch "einen Glauben haben über das Gegenwärtige hinaus oder die doch leidenschaftlich einen solchen Glauben suchen." An sie richte sich die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes, die sich nicht auf Gottesdienste und offene Abende beschränke, sondern gerade in Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen wirke. "Die Zahl bedeutet da, wo es um ein Begegnen der entscheidenden Bewegungen in Studentenschaft und Kirche geht, nichts, die Menschen alles." (37)

In einem weiteren Artikel in den Hamburger Nachrichten stellte Walther Hunzinger kurz darauf die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes in Hamburg vor. Ausgangspunkt der kirchlichen Aktivitäten seien hier die innere Not der Studierenden, die aus der "Krisis der gegenwärtigen Geisteslage" entstanden sei und das "erschütterte Vertrauen gegenüber dem Christentum zum mindesten in seiner kirchlichen Gestalt". Aufgabe des Studentenpfarrers sei es in erster Linie "da zu sein als ein Mensch, der der Sorge und persönlichen Not der Studenten und Studentinnen offen ist, und der zu helfen sucht." Dem dienten vor allem seine Sprechstunde und im Bedarfsfall die Krankenhausbesuche. Um die inneren Debatten in der Studentenschaft aufzunehmen, biete er Vorträge, Diskussionsrunden und regelmäßige offene Abende sowie Arbeitsgemeinschaften an. Während diese Formen naturgemäß nur einen kleinen Teil der Studierenden erreiche, sei die Resonanz der von ihm organisierten theologischen Vorträge an der Universität überraschend groß. Ziel sei es, die bei vielen vorhandene Entfremdung zur Kirche zu brechen und zu einem neuen Verständnis des evangelischen Gottesdienstes hinzuführen. (38)

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30 Der Frauenanteil lag hier mit 57,1 % weit über dem Durchschnitt des Anteils der Studentinnen an der Gesamtzahl der Studierenden in Hamburg - im Sommersemester 1930 betrug er an der Hamburger Universität insgesamt 22,4 % (Universität Hamburg 1919-1969. Hbg. o.J. [1970]. S. 342-343).

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31 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl. 68, Bericht über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes an der Hamburgischen Universität in der Zeit vom Sommer-Semester 1930 bis zum Winter-Semester 1930/31 vom 17.3.1931; Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Kirchlicher Bericht über das Jahr 1931 erstattet von Senior D. Horn. Hbg. 1932. S. 45, dort das Zitat; Hering: Seminar (wie Anm. 6). Bes. S. 47-48; dort auch mehr zur Diskussion um die fachliche Religionslehrerausbildung und ihrer ab 1931erfolgten Durchführung.

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32 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl. 68, Bericht über die Arbeit des Evangelischen Studentendienstes an der Hamburgischen Universität in der Zeit vom Sommer-Semester 1930 bis zum Winter-Semester 1930/31 vom 17.3.1931.

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33 Ebd., Bl. 49 und 56, Rundschreiben Knolles vom 10.6.1930, der Entwurf stammte von Hunzinger (ebd., 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70); Walther Hunzinger, Kirche und Studentenschaft. In: Hamburger Universitäts-Zeitung 12. Jg. Nr.1 vom 15.4.1930, S. 3-6; ders., Arbeit (wie Anm. 29).

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34 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, B XVI a 100, Bl. 50f, Syndikus an Knolle 2.7.1930 mit Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1930. Weitere Abrechnungen dort und in: Ebd., 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70.

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35 Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Kirchlicher Bericht über das Jahr 1930 erstattet von Senior D. Horn. Hbg. 1931. S. 34-38; Bericht 1931 (wie Anm. 31). S. 42-47; der jeweilige Text basierte auf den Berichten Hunzingers. Der entsprechende Abschnitt im Bericht über das Jahr 1930 wurde sogar in einem größeren Artikel in den Hamburger Nachrichten der Öffentlichkeit bekannt gemacht (Evangelischer Studentendienst. In: Hamburger Nachrichten vom 8.10.1931). Über den Studentendienst berichtete auch Heinz Beckmann, Chronik des kirchlichen Lebens in Hamburg. In: Hamburger Kirchenkalender 1932. Hbg. O.J., S. 64-74, S. 71. Zu Horn vgl. Rainer Hering, Horn, Karl Albert Ernst Friedrich Theodor. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XVI. Herzberg 1999, S. 733-743.

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36 H.F., Der Student von heute und die Kirche. In: Hamburger Fremdenblatt Nr.60 vom 1.3.1931, Hochschulbeilage.

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37 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, 70, Manuskript: Der Student von heute und die Kirche. Eine Erwiderung von Studentenpfarrer Lic. W. Hunzinger (dort die Zitate), gekürzt abgedruckt in: Hamburger Fremdenblatt Nr.123 vom 4. Mai 1931, Abendausgabe, 20 (Hochschulbeilage Sommersemester 1931).

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38 Walther Hunzinger, Evangelischer Studentendienst an der Hamburgischen Universität. In: Hamburger Nachrichten Nr.215 vom 10.5.1931.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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