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Dr. Rainer Hering: Archive in Hamburg.


Archiv und Bibliothek werden oft verwechselt. Berichtet man Außenstehenden, man arbeite im Staatsarchiv, so kommt fast automatisch die Antwort, daß man ja von der Staatsbibliothek schon gehört habe. Erst in einer längeren Erklärung können die Unterschiede zwischen beiden Institutionen deutlich gemacht werden. Nahezu idealtypisch ist ein Artikel im "Hamburger Abendblatt" über das Staatsarchiv, der mit "Staatsbibliothek" überschrieben ist (Nr.169 vom 23.7.1998, S. 1). Bibliotheken sind den meisten vertraut, angefangen von der Schulbibliothek über die Öffentlichen Bücherhallen bis hin zu Universitäts- und Seminarbibliotheken werden sie von vielen benutzt. Aber von Archiven haben nur wenige gehört. Umgangssprachlich wird öfter von Archiven gesprochen, vielfach wird jede Ansammlung von nicht mehr laufend benutzten Unterlagen - Büchern, Briefen, Fotos - als "Archiv" bezeichnet. Häufig werden damit Begriffe wie "alt", "verstaubt" oder "unnütz" verbunden. In der Tat: Die Vorurteile gegenüber Archiven sind mannigfaltig, gern wird in Karikaturen darauf zurückgegriffen. Sogar in einem Roman zur baden-württembergischen Politik - "Monrepos" von Manfred Zach - findet sich eine Episode, in der es um Archive geht:

"Auch das war ein Spechtscher Wunschtraum: widerborstige Beamte im Handumdrehen versetzen zu können. Ins Archiv zum Beispiel. Archive galten ihm als Inbegriff der Nutzlosigkeit. Lauter totes gestapeltes Wissen. Und bleiche, spitznasige Gesellen, die den Muff verwalteten, mit Ärmelschonern und gebeugtem Nacken. Archive kamen gleich nach Friedhöfen. Jemanden dorthin strafzuversetzen, hieß in Spechts Verständnis, ihn legal umzubringen. Er drohte es so oft an, daß ihm der Chef der Archivverwaltung eines Tages einen langen, empörten Brief schrieb. Da er ihn auch an die Öffentlichkeit lancierte, machte Specht eilends einen Rückzieher und versicherte dem Gekränkten, daß er seine Arbeit für außerordentlich verdienstvoll halte. Dann erzählte er es den Journalisten und amüsierte sich königlich" (Manfred Zach: Monrepos oder Die Kälte der Macht. Tübingen 1996, S. 182).

Wer aber schon einmal intensive historische Forschung betrieben hat, seine Vorfahren ermitteln wollte oder für die Rentenversicherung eine Bescheinigung über eine Ausfallzeit, z.B. den Schulbesuch, benötigte, weiß, wie wichtig und sinnvoll Archive sind.

Ursprünglich hatten Archive ausschließlich rechtliche Funktion, indem sie der Aufbewahrung juristisch wichtiger Urkunden, Verträge etc. dienten. Erst seit dem 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Forschung immer mehr auf Archive als Ort historisch wertvoller und aussagekräftiger Quellen. Die überwiegende Zahl der Nutzer von Archiven tut dies aus historisch-heimatkundlichem oder familiärem Interesse. Dennoch spielen die rechtlichen Aufgaben nach wie vor eine große Rolle, so werden z.B. in Hamburg die Bebauungsplaneoriginale im Staatsarchiv verwahrt und jedem Interessierten - unter Aufsicht - vorgelegt. Diese juristische Komponente ist so bei Bibliotheken nicht zu finden.

Idealtypisch lassen sich Archiv und Bibliothek recht klar abgrenzen: Bibliotheken sammeln in erster Linie Druckschriften, die sie zumeist durch aktive Erwerbung, also durch Kauf, erhalten. Eine Ausnahme bildet das Pflichtexemplarrecht der Deutschen Bücherei und der Länderbibliotheken sowie die Abgabepflicht für Dissertationen. Bibliotheken haben zumeist ein bestimmtes thematisches Sammlungsprofil, durch die sie sich von anderen unterscheiden.

Archive archivieren Unterlagen, in erster Linie Schriftgut, aber auch andere Informationsträger wie Karteien, Dateien, Karten, Pläne, Bild-, Film-, Ton- und maschinenlesbare Datenträger sowie Siegelstempel. Der Zugang ist gesetzlich geregelt - für den Bund und jedes Bundesland gibt es ein Archivgesetz - und läuft quasi organisch ab: Entsprechend dem Zuständigkeitsbereich des Archivs - für das Staatsarchiv Hamburg sind das die Verfassungsorgane, Gerichte, Behörden und Dienststellen der Freien und Hansestadt Hamburg und der ihrer Aufsicht unterstehenden juristischen Personen des öffentlichen Rechts - müssen die betroffenen Stellen die nicht mehr zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigten Unterlagen dem Archiv anbieten. Dieses entscheidet dann über ihre Archivwürdigkeit.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen Archiven und Bibliotheken ist die Aufbewahrungsdauer: Während bei Bibliotheken Aussonderungen nicht ausgeschlossen sind, steht in Archiven die dauernde Aufbewahrung im Vordergrund. Auch bei ihrer Erschließung gelten verschiedene Prinzipien: Freihandbibliotheken, wie z.B. Seminarbibliotheken, sind sachsystematisch nach dem Pertinenzprinzip aufgestellt, und katalogisieren Buchtitel, vereinzelt auch Aufsatztitel. Archive sind dagegen nach dem Provenienzprinzip geordnet, also nach der Herkunft der Unterlagen. Sie werden in dem Zusammenhang archiviert, in welchem sie entstanden sind. Jede abliefernde Stelle bildet einen eigenen Bestand, innerhalb dessen die vorgefundene Ordnung, in der Regel der Aktenplan, beibehalten wird. Ist diese nicht mehr erkennbar, muß sie im Archiv rekonstruiert werden. Dadurch bleiben Zusammenhänge, Entscheidungsabläufe erhalten, und die Tätigkeit der jeweiligen aktenführenden Stelle ist nachvollziehbar. Archivalien sind in der Regel Unikate, daher sind sie anders zu bearbeiten als z.B. Druckschriften. Erschlossen wird auf der Aktenstufe, d.h. jede Akte erhält einen Aktentitel, ggf. zusätzliche "Enthält"-Vermerke und wird mit der Laufzeit, d.h. dem Zeitraum zwischen dem ältesten und dem jüngsten Aktenstück, versehen.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 7. Juni 2002
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