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Dr. Rainer Hering: Das Hamburger Archivierungsmodell für Schulunterlagen.


Zudem ist auch ein Wandel des Charakters der Schulen festzustellen, der breit zu dokumentieren ist: Gymnasien und Gesamtschulen sind für den jeweiligen Stadtteil sowohl in lokalgeschichtlicher wie auch in kultureller Hinsicht sehr bedeutend, da dort zahlreiche, nicht nur schulbezogene Veranstaltungen stattfinden. Eine dichtere Überlieferung von Unterlagen dieser Schulformen ist daher zugleich auch eine Sicherung von Stadtteilüberlieferung, die dem in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Interesse von lokalen Geschichtsgruppen, Stadtteilinitiativen und heimatgeschichtlich Interessierten Rechnung trägt. Bei den Gesamtschulen ist außerdem zu berücksichtigen, dass die Diskussion um ihren pädagogischen Wert die letzten drei Jahrzehnte zu einer bildungs- und wissenschaftsgeschichtlichen Schlüsselepoche gemacht hat. Daher kommt der Überlieferung jeder einzelnen von ihnen auch in politischer Hinsicht besondere Bedeutung zu.

Gerade aufgrund der relativ hohen Fluktuation im Bereich der Schulleitung und Schulverwaltung ist es erforderlich, die Schulen - wie ja generell kleinere registraturführende Stellen - immer wieder an ihre Anbietungspflicht und den sachgemäßen Umgang mit ihren Unterlagen zu erinnern. Dies wird durch einen jährlich abgedruckten Hinweis im Mitteilungsblatt der Schulbehörde und regelmäßige Schulungsangebote für Schulbürobedienstete erfolgreich geleistet.

Was wird nun konkret von einzelnen „Archivschulen" übernommen? Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das in Schulen anfallende Material ebenso verändert wie die Fragestellungen der historischen Forschung. So gestatten z.B. die verbesserten technischen Möglichkeiten eine steigende Zahl von Schul- und Schülerzeitungen sowie Informationsschriften einzelner Schulen. In der Forschung gelangten durch eine Veränderung des Bildungsbegriffs und der wissenschaftlichen Ansätze - Alltagsgeschichte, Geschlechtergeschichte, Strukturgeschichte - andere Schulformen, Themen und Sichtweisen ins Blickfeld, spielen die Perspektive der "Geschichte von unten", hier die der Schülerinnen und Schüler, der konkrete Schulalltag, die soziale Zusammensetzung von Lehrenden und Lernenden eine wesentliche Rolle. Für diese Fragestellungen werden andere Quellen benötigt, struktur- und sozialgeschichtliche Ansätze z.B. erfordern stärker die Auswertung serieller Quellen, wie z.B. der Schülerbögen oder der früher vor dem Abitur anzufertigenden Bildungsberichte. (9)

Aus pragmatischen Gründen erfolgt die Bewertung von Schulunterlagen zumeist vor Ort in enger Zusammenarbeit mit der Schulleitung, um die jeweiligen Schulbesonderheiten zu erfassen. Archivwürdig sind auf jeden Fall Protokolle der Gremien, wie z.B. Lehrer- und Schulkonferenz, Eltern- und Schülerrat, und Fachkonferenzen, sowie konzeptionelle und methodische Papiere. Unterlagen der Schüler- und Elternvertretung sagen - egal wie umfangreich sie sind - sehr viel über die Partizipation dieser Gruppen am Schulgeschehen aus.

Reine Rechnungsbelege werden nicht übernommen, andere Verwaltungsunterlagen müssen im Einzelfall bewertet werden. Klassenbücher, Kurshefte, Prüfungsakten und -arbeiten sowie Schülerbögen beinhalten Aussagen über die konkrete Umsetzung der Lehrpläne vor Ort, doch ist deren Aussagewert genau zu prüfen. Sie werden - wenn überhaupt - nur an einigen Schulen und dann in exemplarischer Auswahl übernommen, wobei allerdings Besonderheiten in der jeweiligen Schulgeschichte (z.B. Einführung der Koedukation sowie der reformierten Oberstufe, schulspezifische Unterrichtsangebote oder -formen) ebenso zu berücksichtigen sind wie gesellschaftliche Umbruchzeiten. Viele Informationen über die Schülerperspektive lassen sich aber aus den (zumeist kurzlebigen) Schülerzeitungen entnehmen. (10) Aussagekräftig sind ebenfalls Jubiläumsunterlagen, Zeitungsartikel, Plakate über Schulaktivitäten, Berichte über Klassenreisen und Projekte sowie Jahresarbeiten und Fotos. (11)

Der im Schulbereich - wie in anderen Behörden - intensivierte Einsatz elektronischer Datenverarbeitung verändert die Überlieferung grundsätzlich. Ob sie angesichts der bislang nur relativ begrenzten Speicherungsdauer und der rapiden technischen Entwicklung hier eine den archivischen Anforderungen adäquate Lösung anbieten kann, bleibt abzuwarten. Wichtig ist aber, dass die Archivarinnen und Archivare rechtzeitig an ihrer Einführung und Ausgestaltung beteiligt werden.

Zurück zum Text  9. Zur Bedeutung inhaltlicher Kriterien für die Bewertungsentscheidung: Volker Schockenhoff: Nur keine falsche Bescheidenheit. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen archivarischen Bewertungsdiskussion in der Bundesrepublik. In: Archivista docet. Beiträge zur Archivwissenschaft und ihres interdisziplinären Umfelds. Hrsg. von Friedrich Beck; Wolfgang Hempel; Eckart Henning. Potsdam 1999 (=Potsdamer Studien, 9), S. 91-111.

Zurück zum Text  10. Vgl. Hamburger Rundschau Nr.13 vom 21.3.1996, S. 8; Arbeitsgemeinschaft Hauptamtlicher Archivare im Städtetag Baden-Württemberg, Kassationsempfehlungen Schulakten vom 3.2.1995.

Zurück zum Text  11. Zu den Einzelheiten vgl. Hering (wie Anm. 2).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 7. Juni 2002
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