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Dr. Rainer Hering: "Das geistliche Amt ist nach Schrift und Bekenntnis Mannes Amt"


„Das geistliche Amt ist nach Schrift und Bekenntnis Mannes Amt. Für das kirchliche Gesetz, betreffend die Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche, vom 8. November 1927, das einer überholten Auffassung von der Berufsbetätigung der Frau seinen Ursprung verdankt, ist heute kein Raum mehr. Aus diesem Gesichtspunkt heraus und zugleich in Wiederherstellung der alten kirchlichen Tradition erlasse ich folgendes Gesetz."(1) Mit diesen Worten wischte der Hamburger Landesbischof Franz Tügel (1888-1946) in einem von ihm - kraft der ihm durch ein kirchliches Ermächtigungsgesetz übertragenen Vollmachten - erlassenen Gesetz 1935 die Wirkungsmöglichkeit von Theologinnen weitgehend vom Tisch. Aus diesem Zitat wird deutlich, dass offenbar eine Jahrhunderte alte Selbstverständlichkeit - das geistliche Amt wird ausschließlich von Männern ausgeübt - infrage gestellt worden war, sonst hätte Tügel das nicht explizit formulieren müssen.

Zumindest in protestantischen Landeskirchen - und um die soll es im folgenden in erster Linie gehen - hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwas verändert. In der evangelischen Theologie ging es bis dato nahezu ausschließlich um männliche Theologie, die von Männern verkündet und deren Geschichte von Männern geschrieben wurde; Gottes Wesen spiegelte eine göttliche Männlichkeit wieder. Daher ist es wichtig, sich mit dem Männerbild in der Kirche zu befassen, das sich insbesondere in der Auseinandersetzung mit den Gleichheitsforderungen von Frauen im Protestantismus herausarbeiten lässt. Grundsätzlich gilt, dass es bei Geistlichen kaum Aussagen über ihr Selbstverständnis als Mann und das des von ihnen ausgeübten geistlichen Amtes gibt. Allgemein ist üblich, dass das, was als „normal" angesehen wird, nicht explizit formuliert werden muss und ausgesprochen wird. Nur das andere, nicht „normale" - in diesem Fall die Definition von Weiblichkeit bzw. das Verständnis eines speziellen geistlichen Amtes für Frauen, konkreter: die kirchlich legitimierten Arbeitsmöglichkeiten für Theologinnen - dargelegt wird. Daher kann man die Konstruktionen von Männlichkeit bei Theologen nur indirekt erschließen, vor allem in der Auseinandersetzung mit den in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erstmalig formulierten Reaktionen auf die Forderungen von Theologinnen.

Christliche Kirchen wurden zu Recht als „Männerorganisationen" oder „Männerreservate" bezeichnet.(2) Die Offenheit Jesu gegenüber Frauen, die er als Jüngerinnen zuließ, und ihre Handlungsmöglichkeiten in den urchristlichen Gemeinden - genannt seien die Diakonin Phöbe, die Mitarbeiterin des Paulus Prisca und die Apostelin Junia -, wurden bereits in den folgenden Generationen eingeengt. Zeitgleich mit der Ausbildung einer männlichen Ämterhierarchie in der Alten Kirche wurden frauenspezifische Ämter, z.B. das der Diakonisse, in ihren Handlungsspielräume eingeschränkt - liturgische und priesterliche Funktionen wurden ihnen verwehrt. Schon früh wurde die öffentliche Lehrtätigkeit von Frauen mit großen Vorbehalten gesehen, obwohl sie wesentlich an der Verbreitung des Christentums beteiligt waren und auch zu Märtyrerinnen wurden (z.B. Perpetua im Jahre 203). Im Christentum dominierten die Rollenmodelle der Ehefrau und Mutter oder der Jungfrau. Frauen wurden als dem Mann untergeordnet angesehen, sie seien als Nachfahrinnen Evas mit deren Schuld verbunden und so dem Mann moralisch unterlegen. Im Mittelalter wurden sie weitgehend von der kirchlichen Hierarchie ausgeschlossen und konnten kaum noch öffentlich wirken. Hildegard von Bingen (1098-1179) oder Katharina von Siena (um 1347-1380) sowie einige mit Lehr- und Jurisdiktionsgewalt ausgestattete Äbtissinnen blieben Ausnahmen. Die Aufwertung von Frauen durch die Reformation änderte kurz- und mittelfristig nichts an ihrer rechtlichen und faktischen Lage, war aber wegweisend für die letztendliche Gleichberechtigung der Frauen. Ende des 17. Jahrhunderts bot der Pietismus durch die Betonung der Gleichheit von Männern und Frauen als Brüder und Schwestern den Frauen neue Entfaltungsmöglichkeiten. In der Herrnhuter Brüdergemeine gab es allerdings nur auf den unteren Ebenen Gleichberechtigung, die bedeutendsten Funktionen blieben Männern vorbehalten. Die im 19. Jahrhundert intensivierten diakonisch-sozialen und missionarischen Aktivitäten boten Frauen ein breites Betätigungsfeld, allerdings ohne einschneidende Rückwirkung auf die Amtskirchen.(3)

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1 Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen aus der Hamburgischen Kirche 1935, 47. Das Gesetz Tügels stammte vom 20.5.1935. Vgl. dazu Hamburger Tageblatt Nr.177 vom 2.7.1935 und Hamburger Nachrichten Nr.151 vom 2.7.1935.

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2 Peter de Rosa, Die christliche Kirche als Männerorganisation. In: Männerbande Männerbünde. Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich. Hrsg. von Gisela Völger und Karin v. Welck. Köln 1990 Bd.2, S. 335-346, S. 335.

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3 So der neueste lexikalische Überblick bei Birgit Heller/Phyllis A. Bird/Oda Wischmeyer/Marie-Luise Ehrenschwendtner/Ruth Albrecht/Dana Robert, Artikel Frau In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4., völlig neu bearb. Aufl. Bd.3 Tübingen 2000, Sp. 258-266.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 18. Mai 2003
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