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Dr. Rainer Hering: "Das geistliche Amt ist nach Schrift und Bekenntnis Mannes Amt"


Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts - zuerst in Baden im Jahre 1900, ab 1908 auch in Preußen - war es Frauen in Deutschland möglich, an Universitäten zu studieren, auch Theologie. Im Wintersemester 1908/09 gab es die ersten Studentinnen der evangelischen, 1925 die erste der katholischen Theologie. Zunächst blieb ihnen als Berufsperspektive nur der Schuldienst, doch gaben sich die Theologinnen damit nicht mehr zufrieden, sie drängten in das geistliche Amt und zwangen die protestantischen Landeskirchen zum Handeln. Da es für sie keine kirchlichen Prüfungsmöglichkeiten gab - allein die Promotion und das Staatsexamen waren zulässig - richtete 1919 zuerst die Marburger Theologische Fakultät ein Fakultätsexamen für sie ein. In den zwanziger Jahren wurden Frauen dann von vielen Landeskirchen zu den kirchlichen Prüfungen zugelassen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Aufgabenfelder der Kirchen gewachsen, in vielen Landeskirchen übernahmen Pastoren auch den Unterricht im Schulfach Religion. Vor diesem Hintergrund galt es, die Arbeit von Theologinnen im kirchlichen Bereich zu institutionalisieren. In etlichen Kirchen gab es in den zwanziger Jahren eine heftige Kontroverse um die „Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen", die immerhin gewisse Arbeitsmöglichkeiten für Theologinnen zur Folge hatte: 1927 wurden entsprechende Kirchengesetze in der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union und in Hamburg, 1929 in Mecklenburg-Schwerin, 1930 in Hannover und 1944 in Bayern verabschiedet. Die Diskussion in Preußen wurde durch den 1925 gegründeten Verband evangelischer Theologinnen Deutschlands angestoßen. Obwohl Frauen dieselbe Vorbildung wie Männer hatten, wurden sie nur in untergeordneten Positionen mit eingeschränktem Aufgabenkreis - zumeist der Frauen- und Mädchenarbeit - eingesetzt. Die übliche Ordination wurde ihnen verweigert, sie wurden nur eingesegnet, die Bezahlung war deutlich geringer als die eines Pastors und sie trugen - nach außen als geringerwertig sofort erkennbar - die Amtsbezeichnung „Vikarin" oder „Pfarramtshelferin" sowie eine eigene Amtstracht. Im Falle der Eheschließung mussten sie ihr Amt aufgeben und verloren alle Pensionsansprüche sowie ihre geistlichen Rechte. Die allgemeine Wortverkündigung und die Sakramentsverwaltung war ihnen nicht oder nur in geschlossenen Anstalten, wie z.B. Krankenhäusern oder Frauengefängnissen, gestattet. Im „Dritten Reich" gab es in der „Bekennenden Kirche" unter Berufung auf ein Notstandsrecht die Ordination von Frauen, doch wurde ihnen das geistliche Amt nicht grundsätzlich zugestanden. Durch die Ausnahmesituation des Zweiten Weltkrieges, in dem viele Pastoren zum Kriegsdienst eingezogen waren, mussten etliche Pfarramtshelferinnen und Vikarinnen die gesamten Aufgaben des Pfarramtes in den Gemeinden übernehmen - und damit auch die ihnen bis dato verweigerte Worterkündigung und Sakramentsverwaltung. Mit Kriegsende und der Rückkehr der Theologen aus der Kriegsgefangenschaft wurden sie aber wieder aus diesen Arbeitsfeldern herausgedrängt. Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren ließen erste Landeskirchen Pastorinnen zu - zuerst 1958 in der Pfälzischen Landeskirche -, allerdings bestanden in der Gemeindeleitung und durch eine Zölibatsklausel noch Einschränkungen. Erst 1991 endete die Auseinandersetzung um die Gleichstellung der Frau im ordinierten Amt, als die Landeskirche Schaumburg-Lippe ihren bisherigen Widerstand aufgab. Seitdem sind in den deutschen evangelischen Landeskirchen Frauen im geistlichen Amt gleichgestellt und gelangen in der kirchlichen Ämterhierarchie in leitende Positionen, 1992 wurde in Hamburg mit Maria Jepsen (Jahrgang 1945) weltweit erstmals eine Bischöfin in einer evangelisch-lutherischen Kirche gewählt. 1992 entschied der Bundesrat des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, dass auch Frauen als Pastorinnen beschäftigt werden könnten. In Dänemark ließ die lutherische Kirche bereits in den vierziger Jahren die Ordination von Frauen zu, die reformierte Kirche in Schweden hat seit 1959, die in Frankreich seit 1965 Pastorinnen.(4)

Ausgeschlossen ist die Frauenordination in der 1972 entstandenen Selbständigen Evangelisch-lutherischen Kirche (SELK), in den orthodoxen Kirchen und in der römisch-katholischen Kirche. Die Altkatholiken lassen seit 1982 die Ordination von Frauen zu Diakoninnen zu und ordinierten 1999 erstmals eine Frau. Im Jahre 2000 wurde in der Schweizer Christkatholischen Kirche eine Frau zur Priesterin geweiht.(5)

Wie wurde und wird dabei theologisch argumentiert? Die Gegner der Frauenordination stützten und stützen sich in ihrer Argumentation - in den zwanziger Jahren wie in der Gegenwart - vor allem auf Bibelstellen, wie 1. Korinther 14,34ff und 1. Timotheus 2,12-15, die die Frauen in ihrer Stellung einzuschränken scheinen. Hier offenbarte sich ein statisches Verständnis der Schöpfungsordnung, das die Frau von öffentlicher Verkündigung ausschließt - so Martin Luther (1483-1546) und im 20. Jahrhundert Karl Barth (1886-1968), Emil Brunner (1889-1966) und Helmut Thielicke (1908-1986) -, und eine Jahrhunderte lange Tradition der Kirche, die das geistliche Amt der Frau nicht zugestanden hat; auch eine ökumenische Rücksichtnahme auf die katholische und orthodoxe Tradition wird vereinzelt als Begründung genannt. Befürworter der Ordination von Frauen haben demgegenüber auf das Verhältnis Jesu zu Frauen hingewiesen (z.B. Johannes 4 und 11,20ff), auf Frauen als erste Osterzeuginnen (z.B. Matthäus 28,1) und die Frauengestalten in den frühchristlichen Gemeinden (Römer 16,1ff; Galater 3,28). Die die Frauen einschränkende Stelle 1.Korinther 14,34ff ist als späterer Zusatz erkannt und somit in ihrem Gewicht abgeschwächt worden. 1982 publizierte der Ökumenische Rat der Kirchen die Studie „Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche". Er entwickelte darin ein neues Konzept von Gegenseitigkeit und Geschwisterlichkeit, aus der die volle Teilhabe eines jeden Mitgliedes resultiert.(6) Doch die Diskussion um die Frauenordination war nicht in erster Linie eine theologische, vielmehr stand im Vordergrund der Gegner die Vorstellung, dass Frauen „von Natur aus" nicht in der Lage seien, als Pastorinnen zu wirken. Während der Pastor als „Hirte" seinen Dienst in leitender Funktion ausübte, wurde Frauen eine dienende Funktion zugeschrieben, die ihnen dieses Führungsamt nicht ermögliche.

Gerade die Auseinandersetzung durch die Forderungen von Frauen nach Gleichberechtigung im geistlichen Amt veranlasste Männer, das bis dahin unhinterfragte Bild einer männlichen Kirche erneut zu formulieren, so dass hier ihre Männerbilder deutlich werden.

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4 Rainer Hering, Frauen auf der Kanzel? Die Auseinandersetzung um Frauenordination und Gleichberechtigung der Theologinnen in der Hamburger Landeskirche. Von der Pfarramtshelferin zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin der Welt. In: ZHG 79 (1993), S. 163-209; de Rosa (wie Anm. 2), S. 342.

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5 Christian Oeyen, Alt-Katholiken. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4., völlig neu bearb. Aufl. Bd.1 Tübingen 1998, Sp. 375-379; Werner Klän, Altlutheraner. In: Ebd., S. 379-381; Frankfurter Rundschau Nr.83 vom 10.4.1999, 4; Hamburger Abendblatt vom 21.2.2000, 32.

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6 Dorothea Vorländer, Pfarrerin/Vikarin. In: Elisabeth Gössmann u.a. (Hrsg), Wörterbuch der feministischen Theologie. Gütersloh 1991, S. 323-326, S. 324f; Kompendium Feministische Bibelauslegung. Hrsg. von Luise Schottroff; Marie-Theres Wacker, unter Mitarbeit von Claudia Janssen; Beate Wehn, Gütersloh 1998; J. Christine Janowski, Umstrittene Pfarrerin. Zu einer unvollendeten Reformation der Kirche. In: Martin Greiffenhagen (Hrsg), Das evangelische Pfarrhaus. Eine Kultur- und Sozialgeschichte, Stuttgart 1984, S. 83-107, bes. S. 88ff; Horst Georg Pöhlmann, Gemeinschaft der Gleichen. Ordination und geistliches Amt der Frau. In: Evangelische Kommentare 4/1992, S. 219-221.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 18. Mai 2003
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