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Dr. Rainer Hering: "Das geistliche Amt ist nach Schrift und Bekenntnis Mannes Amt"


Männlichkeit und Weiblichkeit sind keine anthropologischen Konstanten, sondern in ihren in der Geschichte auftretenden Formen sozial und kulturell konstruiert. Die unterschiedlichen Eigenschaften und daraus resultierenden verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Aufgaben und Aktionsmöglichkeiten werden zu unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen jeweils unterschiedlich definiert. Herauszuarbeiten ist dabei vor allem, welche Modelle gesellschaftlich über- bzw. unterlegen sind, wie sie wirksam werden und die Handlungsmöglichkeiten von Männern und Frauen bestimmen können. Der Genderbegriff betont den Vorrang des kulturellen gegenüber dem biologischen Geschlecht und stellt die Konstruiertheit und Historizität von Geschlecht in das Zentrum. Verbunden ist damit die Vorstellung, dass die Geschlechterbeziehungen immer mit ungleichen Verteilungen von gesellschaftlichen Ressourcen verknüpft sind. Zumeist manifestieren sie sich in der Herrschaft von Männern über Frauen. Daher ist bei der Analyse von Geschlechterbildern immer die mit der Definition einhergehende Verbindung von Unter- und Überordnung bzw. von Gleichheit zu betrachten. Herrschaft und Macht sind zentrale Elemente von geschlechterbezogenen Bestimmungen und Rollenzuweisungen. Männlichkeits- und Weiblichkeitsentwürfe produzieren Ordnungsvorstellungen in allen Bereichen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.(7)

Die von Theologen vertretenen Frauen ausgrenzenden Positionen können nicht nur auf eine wirtschaftliche Konkurrenzsituation reduziert werden. Vielmehr standen eine tiefe Krise männlicher Identität und erhebliche Vorbehalte gegenüber der Moderne dahinter. Insofern kann die Attraktivität eines derartigen Amtsverständnisses gerade auch in der Stabilisierung der einst unhinterfragt dominanten männlichen Geschlechtsidentität in einer Zeit großer Verunsicherung und schneller Veränderungen verstanden werden.(8)

Die Geschichte der christlichen Kirchen wird erst seit kurzem unter der Gender-Perspektive betrachtet. In den siebziger Jahren wurde im Rahmen der Frauengeschichtsschreibung begonnen, den Blick stärker auf Frauen in der Kirche zu richten und ihre Biographien zu rekonstruieren. In den achtziger Jahren wurde im Protestantismus mit der Erforschung der Geschichte der Theologinnen angefangen, an erster Stelle ist hier das von der Göttinger Theologin Hannelore Erhart (Jahrgang 1927) initiierte und betreute Frauenforschungsprojekt zur Geschichte der Theologinnen zu nennen, aus dem zahlreiche Dissertationen, Quelleneditionen und Sammelbände hervorgegangen sind.(9) Obwohl hier schon viel geleistet worden ist, besteht noch immer großer Forschungsbedarf für einzelne Landeskirchen. Die Rolle von Frauen im kirchlichen Bereich, vor allem in konfessionellen Frauenverbänden, wird seit den neunziger Jahren herausgearbeitet; hier sind zahlreiche Monographien und Aufsätze vorgelegt worden bzw. noch im Entstehen.(10)

Bisher existieren fast gar keine Arbeiten zur religiösen Männergeschichte, eine explizite Betrachtung von christlichen Kirchen aus männergeschichtlicher Sicht beginnt gerade erst. Dabei ist es ertragreich zu sehen, wie Geistliche die Männerrolle definierten - und als Multiplikatoren ein Männerbild in der Gesellschaft mitprägten -, sich selbst sowie ihr kirchliches Amt verstanden und damit zugleich Herrschaft über Frauen ausübten und legitimierten.(11)

In Hamburg hatte im Januar 1926 Sophie Kunert (1896-1960) den Antrag gestellt, für das geistliche Amt ordiniert zu werden.(12) Nach dem ersten theologischen Examen 1921 in Berlin war sie seit 1925 im Hamburger Frauengefängnis als Sozialpädagogin tätig, die insbesondere als Seelsorgerin wirken sollte. Für ihren Dienst wollte sie für diese Aufgabe ordiniert werden, um auch Gottesdienste in der Anstalt halten und die Sakramente spenden zu können. Unterstützung fand sie dabei bei dem in den Strafanstalten amtierenden Pastor Wilhelm Theodor Lüder (1873-1945), bei Pastor Friedrich Sauerlandt (1877-1941) und vor allem bei dem theologisch und politisch liberalen Hauptpastor Heinz Beckmann (1877-1939), dem Bruder der in der Frauenbewegung aktiven Pädagoginnen Hanna (1880-1956) und Emmy Beckmann (1880-1967), der selbst eine Theologin an seine Gemeinde holte und dafür eine Pfarrstelle zur Verfügung stellte.(13)

Sophie Kunert beschränkte sich nicht auf einen brieflichen Antrag beim Kirchenrat, sondern stellte ihr Anliegen in der kirchlichen Öffentlichkeit zur Diskussion. In der „Hamburgischen Kirchenzeitung" erschien ihre „Bitte um Ordination für den Dienst in Fuhlsbüttel" als erster Beitrag in der Januar-Ausgabe 1926, ergänzt durch eine befürwortende Stellungnahme Beckmanns und das ablehnende Votum Pastor Heinrich Wilhelmis (1888-1968).(14) Aus seiner Argumentation und der anderer Gegner der Frauenordination kann man Rückschlüsse auf das Männerbild der Geistlichen ziehen: Wilhelmi schloss aus dem Neuen Testament, dass Frauen Männern zwar religiös gleichwertig seien, aber im Urchristentum von der öffentlichen Wortverkündigung ausgeschlossen worden wären und aufgrund der „kirchlichen Sitte" auch blieben; es gebe keinen Grund, dies zu ändern. Zentral war für ihn das Amtsverständnis, das sich an den Bedürfnissen der Gemeinde zu orientieren habe. Zudem könnten Pastorinnen in den Gemeinden nur für Frauen zuständig sein, was zur „Auflösung der Gemeinde" führen würde.(15) Gabe der Männer sei es, so Wilhelmi, „zu leiten", ihre Seelsorge sei auch Frauen „unentbehrlich". Konkret auf die Situation im Frauengefängnis bezogen formulierte er: Wenn Frauen straffällig würden, „weil sie dem Reiz des Besonderen, der Sucht aufzufallen, nicht widerstehen können", dann würde die Besonderheit einer Pastorin - damals lautete die Formulierung „weiblicher Pastor" -, die die Sakramente austeile, für sie schädlich sein. Die alleinige Sakramentsverwaltung durch den Mann entspräche den allgemeinen Erfahrungen der Strafgefangenen, wodurch sie „wieder hineingezogen in die eine, ungeteilte und unteilbare Gemeinde Christi" würden. Würde man den männlichen Einfluss auf die Frauen ausschalten, würde man „Beziehungen zwischen Menschen vergiften, die bisher rein waren". Nur dadurch, dass eine Frau als Geistliche amtiere, würde Frauen bewusst, dass der Pastor „andern Geschlechts ist". Dadurch würde die Seelsorge des Pastors an der ganzen Gemeinde nicht mehr möglich sein.(16) Wilhelmi schloss seinen Artikel mit der Feststellung: Der Beruf der Frau sei die „Barmherzigkeitsübung" - womit er ihnen indirekt die Berufsausübung absprach.(17) Frauen waren in der Kirche zwar willkommen, aber eher als kostenlose Hilfsarbeiterinnen, nicht als gleichberechtigte und -bezahlte Bedienstete. In der bayerischen Landeskirche wurde den männlichen Kandidaten der Theologie geraten, eine theologisch vorgebildete Frau zu ehelichen, um so das Problem der angeblich fehlenden Arbeitsmöglichkeiten für Theologinnen zu lösen.(18)

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7 Martin Dinges, Einleitung: Geschlechtergeschichte - mit Männern! In: Ders. (Hrsg), Hausväter, Priester, Kastraten. Zur Konstruktion von Männlichkeit in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Göttingen 1998, S. 7-28; Bea Lundt, Frauen- und Geschlechtergeschichte. In: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg), Geschichte. Ein Grundkurs. Reinbek 1998, S. 579-597; kritisch: Wolfgang Detel, Ein wenig „Sex" muß sein. Zum Problem der Referenz auf die Geschlechter. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 45 (1997), S. 63-98.

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8 In anderem Zusammenhang formuliert von Ute Planert, Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität, (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 124). Göttingen 1998, S. 294.

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9 Querdenken. Beiträge zur feministisch-befreiungstheologischen Diskussion. Hrsg vom Frauenforschungsprojekt zur Geschichte der Theologinnen Göttingen. Pfaffenweiler 1992; „Darum wagt es, Schwestern..." Zur Geschichte evangelischer Theologinnen in Deutschland. Mit Beiträgen von Andrea Bieler u.a. (Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, 7). Neukirchen-Vluyn 1994; Christiane Drape-Müller, Frauen auf die Kanzel? Die Diskussion um das Amt der Theologin von 1925 bis 1942 (Theologische Frauenforschung - Erträge und Perspektiven 2). Pfaffenweiler 1994; Heike Köhler; Dagmar Henze; Dagmar Herbrecht; Hannelore Erhart (Bearb), Dem Himmel so nah - dem Pfarramt so fern. Erste evangelische Theologinnen im geistlichen Amt. Neukirchen-Vluyn 1996; Dagmar Herbrecht; Ilse Härter; Hannelore Erhart (Hrsg), Der Streit um die Frauenordination in der Bekennenden Kirche. Quellen zu ihrer Geschichte im Zweiten Weltkrieg. Neukirchen-Vluyn 1997; Hannelore Erhart; Ilse Meseberg-Haubold; Dietgard Meyer: Katharina Staritz 1903-1953. Dokumentation Band 1: 1903-1942. Mit einem Exkurs Elisabeth Schmitz, Neukirchen-Vluyn 1999.

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10 Frauen unter dem Patriarchat der Kirchen. Katholikinnen und Protestantinnen im 19. und 20. Jahrhundert (Konfession und Gesellschaft 7). Stuttgart-Berlin-Köln 1995; Frauen Gestalten Geschichte. Im Spannungsfeld zwischen Religion und Geschlecht. Hrsg. von Leonore Siegele-Wenschkewitz; Gury Schneider-Ludorff; Beate Hämel; Barbara Schoppelreich. Hannover 1998; Ariadne. Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung Heft 35 Mai 1999: Im Namen des HERRN? Konfessionelle Frauenverbände 1890-1933; 100 Jahre Evangelische Frauenhilfe in Deutschland, Einblicke in ihre Geschichte. Hrsg. von Christine Busch, (Schriften des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland 23). Düsseldorf 1999; Ute Gause; Barbara Heller; Jochen Christoph Kaiser (Hrsg), Starke fromme Frauen? Eine Zwischenbilanz konfessioneller Frauenforschung heute (Hofgeismarer Protokolle 320). Hofgeismar 2000.

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11 Heike Talkenberger, Konstruktion von Männerrollen in württembergischen Leichenpredigten des 16.-18. Jahrhunderts. In: Martin Dinges (Hrsg), Hausväter, Priester, Kastraten. Zur Konstruktion von Männlichkeit in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Göttingen 1998, S. 29-74; Renate Dürr, „...die Macht und Gewalt der Priestern aber ist ohne Schrancken". Zum Selbstverständnis katholischer Seelsorgegeistlicher im 17. und 18. Jahrhundert. In: Ebd., S. 75-99; Martin Dinges, Fürsorgliche Kämpfer und attraktive Kastraten. Die neue Männergeschichte rekonstruiert die Vielfalt historischer Leitbilder. In: Frankfurter Rundschau Nr.141 vom 20.6.2000, S. 22.

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12 Hierzu und zum folgenden: Rainer Hering, Die Theologinnen Sophie Kunert, Margarete Braun und Margarete Schuster (Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Selbstzeugnissen, 12). Hamburg 1997; ders., Frauen.

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13 Rainer Hering, Die letzten beiden Hauptpastoren an der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai am Hopfenmarkt: Heinz Beckmann und Paul Schütz. In: Auskunft 16 (1996), S. 27-47; ders., Beckmann, Heinrich Jakob Hartwig, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XVII Herzberg 2000, S. 60-94.

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14 Sophie Kunert, Die Bitte um Ordination für den Dienst in Fuhlsbüttel. In: Hamburgische Kirchenzeitung 1926, S. 1f; Heinz Beckmann, Ein Gutachten zur Frage der Ordination von Fräulein Sophie Kunert für ihren Dienst in den weiblichen Abteilungen der Strafanstalten. In: Ebd., S. 2-4; Heinrich Wilhelmi, Soll Frauen das Pfarramt übertragen werden? In: Ebd., S. 4-7.

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15 Wilhelmi (wie Anm. 14), S. 5.

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16 Ebd. S. 6.

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17 Ebd. S. 7.

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18 Gerdi Nützel, „Kann sie auch Hebräisch lesen, nicht kann sie Kalchreuth verwesen!". Die Anfänge der Theologinnenarbeit in der Evang.-Luth. Kirche Bayerns. In: Reformierte Kirchenzeitung 132 (1991), S. 196-200, S. 197.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 18. Mai 2003
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