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Dr. Rainer Hering: "Das geistliche Amt ist nach Schrift und Bekenntnis Mannes Amt"


Deutlich wird in den Ausführungen Wilhelmis die Angst vor Macht- und Einflussverlust der Männer auf die Frauen. Eine Pastorin würde die Gemeinde spalten und die Arbeit von Pastoren mit Frauen verhindern. Männer können also, so kann man umgekehrt folgern, sowohl für Frauen als auch für Männer zuständig sein, sie repräsentieren das Allgemeine, Umfassende, wohingegen Frauen nur eine geschlechtsspezifische Spezialisierung möglich ist. Hier wird das eingangs beschriebene deutlich - die allein männliche Ausübung des geistlichen Amtes galt als normal.

Noch klarer als Wilhelmi lehnte sein Amtsbruder Ernst Bauer (1879-1959) als Reaktion auf den Artikel Kunerts die Frauenordination als „Verleugnung der von Christus gegebenen Grundlagen unseres Amtes" ab: Die Natur der Frau liege im Dienen, daher könne sie als Mutter, Lehrerin, Missionarin und Seelsorgerin tätig sein, „aber man halte sie fern von Altar und Kanzel". Die Ordination der Frau würde sich nicht mit dem apostolischen Amt vertragen, sie wäre die kirchliche Krönung der „Unnatur der Frauenbewegung". Frauen wäre eine „ungewöhnlich reiche Wirkung gesichert (...) als die Bildnerin des entstehenden Kindes, als die Gebärerin, als die einflußreichste Erzieherin, als die stille, aber starke Gestalterin jedes Manneslebens (...)". Würde sie daneben auch in der Öffentlichkeit wirken, wären die Männer benachteiligt und die Kirche würde an diesem Verzicht auf das „Gottgewollte, Naturgegebene (...) schwersten Schaden nehmen". Pointiert fragte er: „Warum soll die Frau neben dem reichen Maß der im Dienen Herrschenden, die von selbst auch geeignete berufliche Wege findet, noch ein Maß dazu erhalten, das sie auch in der öffentlichen Betätigung, da wo die im stillen geborenen Gedanken in die Tat geprägt werden, mindestens zur Mitwirkenden, vielleicht auch zur Herrschenden macht?"(19) Deutlicher ist die Angst vor dem Verlust männlicher Machtpositionen kaum zu formulieren.

Auch Pastor Paul Ebert (1865-1944), Vorsitzender der Hamburger Ortsgruppe des antisemitischen Alldeutschen Verbandes, war der Meinung, dass „Apostolat und Predigtamt grundsätzlich Mannesamt" seien, Pastorinnen sah er als „ein Stück moderner Schwarmgeisterei" an. Theologinnen könnten nur für Frauen in Anstalten - hier sei das kirchliche Zusammensein von Frauen keine Gemeinde - oder für die weibliche Jugendarbeit zuständig sein, sonst würden sie eine Konkurrenz zum Amt des Pastors darstellen. In der Begründung berief er sich auf „die dem weiblichen Geschlecht schon durch die Schöpfungsordnung" gesetzten Grenzen, die Jesus Christus bestätigt, weil er keine Frau als Apostel berufen habe. Die Stärke der Frauen liege in der Subjektivität, aber nur wenn „Manneshand das Sakrament verwaltet", werde „die Seele zur Objektivität der Kirche und ihrer Gabe" hingeführt.(20)

Bauer sah die Öffentlichkeit als das Betätigungsfeld des Mannes, die Familie wies er der Frau zu. Für ihn - und wohl die meisten Männer der damaligen Zeit - war es überhaupt nicht denkbar, dass ein Mann sich auch um die Erziehung der Kinder kümmern könne. Sein Kollege Ebert stellte die angebliche männliche Objektivität heraus, die sich von der Subjektivität der Frauen abhebe.

In einem nicht namentlich gekennzeichneten Minderheitsgutachten von einem Viertel der im Geistlichen Ministerium - der Gesamtheit aller Hamburger Pastoren - vertretenen Geistlichen gegen die Ordination einer Frau wurde die moderne Wissenschaft Psychologie gegen den modernen Gedanken der Gleichberechtigung der Frau herangezogen: Sie habe gezeigt, dass „gerade das weibliche Geltungsstreben nach neuen, ungewohnten Formen sucht und viele weibliche Gemüter auf Abwege lenkt."(21) Daraus lässt sich im Umkehrschluss folgern, dass Männer Traditionen - und um die geht es ja gerade in der Kirche - wahren und die vertrauten äußeren Formen beibehalten.

Jede Veränderung wurde als Bedrohung angesehen: Pastor Wilhelm Remé (1871-1965) lehnte die Sakramentsverwaltung durch eine Frau selbst in dem begrenzten Raum des Frauengefängnisses ab, weil „die Empfängerinnen nach Rückkehr in ihre Gemeinden der vom Mann verwalteten Gemeinde-Abendmahlsfeier entfremdet werden". Durch die Leitung des Kindergottesdienstes durch eine Frau würde „der männliche Teil unter Kindern und Mitarbeitern immer mehr ausgeschaltet".(22)

Am 8. November 1927, also nach fast zweijähriger Debatte, wurde in Hamburg das kirchliche Gesetz „betreffend die Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen" verabschiedet, das den Theologinnen als „Pfarramtshelferinnen" eine Anstellungsmöglichkeit bot, ihr Wirkungsfeld aber auf die Wortverkündigung vor Frauen und Kindern bzw. Jugendlichen beschränkte. Im Falle der Eheschließung schieden sie ohne Anspruch auf Ruhegehalt aus dem Dienst der Kirche aus. Ihre Tätigkeit galt nicht als geistliches Amt, daher wurden sie nicht wie Pastoren ordiniert, sondern „eingesegnet".(23) Sophie Kunert bekam für ihren Dienst im Frauengefängnis die Erlaubnis zur Sakramentsverwaltung, wie sie es erbeten hatte; außerhalb der Anstalt durfte sie sie aber auch nicht an ehemalige Insassinnen austeilen.(24)

Nicht nur in ihren Rechten und Wirkungsmöglichkeiten, auch in ihrer geistlichen und finanziellen Anerkennung waren die Theologinnen trotz gleicher Vorbildung -Theologiestudium mit zwei Examina - in keiner Weise den Männern gleichgestellt, diesen vielmehr sogar unterstellt. Dadurch wurde ihre Autorität in der Gemeinde und auch gegenüber Außenstehenden, z.B. Behörden, erheblich geschwächt. Dies zeigte sich schon in dem Titel, der sie eher den Gemeindehelferinnen als den akademisch ausgebildeten Geistlichen zuordnete. Dass die Verheiratung einer Theologin zum Ende ihrer beruflichen Tätigkeit ohne jegliches Ruhegehalt führte, war ein herber Rückschritt hinter den staatlichen Bereich, in dem Artikel 128 der Weimarer Reichsverfassung sämtliche Ausnahmebestimmungen gegen „weibliche Beamte", und damit insbesondere auch das Dienstende bei Eheschließung, aufhob. Diese Maßnahme der Kirche stand damit im Gegensatz zur demokratischen Republik.(25)

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19 [Ernst] Bauer, Ordination einer Frau? II. In: Das evangelische Hamburg 1926, S. 66-67.

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20 Paul Ebert, Was soll aus unseren Theologinnen werden? Leipzig 1927, das Zitat S. 8, zu den weiblichen Aufgaben S. 13-15, zur Konkurrenz S. 16, dort auch das abschließende Zitat.

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21 Nordelbisches Kirchenarchiv Kiel (NEK), 32.03.02 Personalakten Pastorinnen und Pastoren, Personalakte Sophie Kunert, Bl.31, Minderheitengutachten vom 12.12.1925 ohne Unterschrift.

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22 NEK, 98.11 Nachlass Theodor Knolle, E 5, Wilhelm Remé an Knolle und vertrauliches „Minderheitsgutachten betreffend das Gesetz theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche" vom 16.5.1927.

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23 Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen aus der Hamburgischen Kirche 1927, S. 58-59.

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24 Hering, Theologinnen (wie Anm. 12) S. 34.

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25 Vgl. Claudia Huerkamp, Revolution im Geschlechterverhältnis. Oder: Was haben die Revolutionen der letzten 200 Jahre in Deutschland den Frauen gebracht? In: Manfred Hettling (Hrsg), Revolution in Deutschland? 1789-1989. Sieben Beiträge. Göttingen 1991, S. 106-121, 109; Claudia Hahn, Der öffentliche Dienst und die Frauen - Beamtinnen in der Weimarer Republik. In: Frauengruppe Faschismusforschung (Hrsg), Mutterkreuz und Arbeitsbuch. Zur Geschichte der Frauen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Frankfurt/M 1981, S. 49-78, S. 54.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 18. Mai 2003
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