fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: "Das geistliche Amt ist nach Schrift und Bekenntnis Mannes Amt"


Doch mit dem Ende der Weimarer Republik wurden auch die Wirkungsmöglichkeiten für Theologinnen in der Hamburger Landeskirche eingeschränkt. 1935 hob Landesbischof Franz Tügel - wie eingangs zitiert - das Gesetz aus der Weimarer Republik auf und gestattete Frauen nur die Ablegung des Ersten Theologischen Examens ohne Anspruch auf Anstellung in der Hamburgischen Landeskirche; Predigt und Sakramentsverwaltung wurden ihnen entzogen.(26) Ein halbes Jahr nach Hamburg beschloss der bayerische Landeskirchenrat im November 1935, keine Theologiestudentinnen mehr zu theologischen Prüfungen zuzulassen.(27) Im Oktober 1939 führte Tügel per Verordnung den Titel „Vikarin" für Theologinnen nach dem Zweiten Examen ein - damit wurden sie von der Titulatur her mit den in der Ausbildung befindlichen angehenden Geistlichen nach dem Ersten Examen auf eine Stufe gestellt. Ihre Aufgaben lagen nunmehr in der „Mitarbeit" in der Frauenarbeit und der Unterrichtung und Betreuung der weiblichen Jugend.(28)

Bereits in der Diskussion um die Frauenordination Ende der zwanziger Jahre hatte Tügel sich vehement dagegen ausgesprochen und betont, dass aufgrund der Tradition das geistliche Amt rein männlich sei: „Geistliches Amt ist Mannesamt. So war es fast zwei Jahrtausende die Überlieferung der ganzen Kirche. So wird es sein in der Kirche der kommenden Zeiten. (...) Es ist nicht nur Überlieferung der Kirche, es ist ewige Gottesordnung, das höchste Amt an aller Welt auf des Mannes starken Schultern zu lassen". Eine männliche Synode sollte auf diese Frage eine „männliche Antwort finden".(29) Tügel schreckte auch nicht davor zurück, die Auseinandersetzung um die Frauenordination durch den Gebrauch bedenklicher Formulierungen zu überspitzen und somit dazu beizutragen, dass Kompromisse erheblich erschwert wurden: „Dem weichlichen Hang femininer Gegenwartsströmungen nachzugeben, bedeutet für uns keinen geschichtlichen Fortschritt, sondern Abweg in die Zersetzung und Auflösung hinein". Die Arbeit von Frauen im Geistlichen Amt war für ihn „das Schauspiel schwächlicher Nachgiebigkeit".(30) Für Tügel sollte die Kirche männlich und kämpferisch sein, Frauen seien im Gegensatz zu den starken Männern weich und schwach, sie könnten diese nicht angemessen repräsentieren. In seinen in den vierziger Jahren verfassten Lebenserinnerungen schrieb er: „Das geistliche Amt ist und bleibt Mannesamt, und die lutherische Kirche lehnt den Amerikanismus des weiblichen Pfarrers rundweg ab. Der geistliche Dienst der Frau liegt auf dem Gebiet des Unterrichts und der Liebestätigkeit, sie ist Katechetin oder Diakonisse, im übrigen ‚schweige das Weib in der Gemeinde!""(31) Auch hier wird deutlich - Frauen sollen dienen und schweigen, Männer herrschen und reden.

In diesem Sinne verfuhr Franz Tügel auch in Bezug auf die Gemeindehelferinnen und Frauen im Kirchenvorstand. Den Gemeindehelferinnen wurde keine Alleinverantwortung zugestanden, vielmehr waren sie immer dem jeweiligen Pastor untergeordnet - Gemeindediakonen dagegen bekleideten ein eigenständiges Amt mit größerer Selbstständigkeit. Auch hier gab es eine Zölibatsklausel, die nur für Frauen galt.(32) Zugleich wirkte Tügel darauf hin, dass in die Kirchenvorstände keine Frauen mehr gewählt wurden. Im April 1939 schrieb er: „Mehr denn je scheint es mir notwendig zu sein, daß die Kirchenvorstände als allein noch intakte Vertretungen des Kirchenvolkes aus Männern zusammengesetzt sein sollten. Die Mitarbeit der Frau in der Gemeinde sollte ‚im stillen" geschehen."(33)

Eine weitere Äußerung in seinen Lebenserinnerungen verdeutlicht Tügels Bild einer starken, männlichen Kirche und vor allem seine eigene Sorge, diesem Bild nicht zu entsprechen, die vermutlich zu seiner nach außen harten Haltung geführt hat, um die innere Schwäche zu überspielen: „Prediger müssen starke Naturen sein, denn das geistliche Amt ist im totalen Sinne des Wortes Mannesamt. [...] Es bleibt dabei, daß der Kanzeldienst für einen nicht gesunden Menschen eine quälende Belastung ist, die auf die Dauer auch die Wirkung des Wortes Gottes hemmt."(34) Nur starke und gesunde, kraftvolle Männer entsprachen seinem Mannesbild und damit seinen Anforderungen für das geistliche Amt. Die Verkündigung der Botschaft Gottes sei an einen starken, gesunden Mann geknüpft - offenbar traute er gesundheitlich beeinträchtigten Männern und Frauen, die er indirekt mit ihnen auf eine Stufe stellte, eine angemessene Verkündigung nicht zu. Ob er mit diesem Amtsverständnis der Bedeutung des Leidens und der Kreuzigung Christi für die Kirche entsprach, sei dahingestellt. Deutlich wird hier ein Konzept hegemonialer Männlichkeit.

Tügel selbst entsprach seinem nach außen vertretenen Bild nicht, denn er war durch Gelenkrheumatismus so beeinträchtigt, dass er in den dreißiger Jahren auf ständige Hilfe angewiesen war und nicht mehr die Kanzel der Hauptkirche St. Jacobi besteigen konnte. Schon nach dem ersten Examen war er vom Militärdienst als „untauglich" zurückgewiesen worden und konnte am Ersten Weltkrieg nicht als Soldat, sondern erst ab Herbst 1917 als Feldgeistlicher teilnehmen. Vermutlich litt er daran, dem zeitgenössischen Männerbild nicht zu entsprechen. Der frühe Tod des Vaters - in seinem 16. Lebensjahr - brachte ihn schon in jungen Jahren in Verantwortung für seine drei Brüder. Diese Belastung, das Fehlen des Vaters in der Erziehung und sein eigener Gesundheitszustand mögen mit Ursache dafür sein, dass Franz Tügel das Männliche, Soldatische immer sehr betonte. Er äußerte sich oft antisemitisch und wurde schon 1931 voller Begeisterung und im Bewusstsein ihrer menschenverachtenden Brutalität Mitglied der NSDAP und ihr Propagandist. Hier fand er offenbar die starke Männlichkeit, die er in der Kirche und wohl auch bei sich selbst vermisste.

Auch in einem weiteren Punkt konnte Franz Tügel seinen eigenen Anforderungen und gängigen Bildern von Pastoren nicht entsprechen - im familiären. Im Protestantismus kam und kommt der Pfarrfamilie ein zentraler Stellenwert zu. Zwar hatte er mit vier Kindern das „Soll" erfüllt, aber seine Frau nahm nicht die in der Gemeinde helfende Rolle ein, weil sie bald nach der Hochzeit zum Katholizismus konvertiert war.(35) Den Aufforderungen seiner Vorgesetzen, sich scheiden zu lassen, kam er aber nicht nach. So entstand in Hamburg die paradoxe Situation, dass der evangelisch-lutherische Landesbischof mit einer zum römischen Katholizismus konvertierten Frau verheiratet war, die sich politisch dem Zentrum verbunden fühlte, wohingegen ihr Mann sich den Nationalsozialisten angeschlossen hatte. Diese beiden Punkte mögen der Hintergrund sein, warum Franz Tügel eine sehr soldatische Männlichkeit im geistlichen Amt betonte.(36)

Zurück zum Text  26.

26 1936 teilte Tügel mit, dass er „menschlich mit einem gewissen Bedauern die gesetzliche Regelung vollzogen habe, die sich aus sachlichen Gründen als Notwendigkeit ergab", ohne dies näher zu begründen. Er ging fest davon aus, dass das weibliche Pfarramt nicht kommen würde (NEK, 32.01 Landeskirchenrat Kanzlei, B IX c 1.57 a, Bl.82, Tügel an Ingeborg Lorentzen 19.2.1936). Im Hauptpastorenkollegium gab es aber ein Minderheitsvotum dagegen: Heinz Beckmann setzte sich weiterhin nachdrücklich für die studierten Theologinnen und ihre beruflichen Möglichkeiten in der Kirche ein (ebd., Bl.85, Beckmann an Tügel 13.11.1936).

Zurück zum Text  27.

27 Nützel, Anfänge (wie Anm. 18), S. 197.

Zurück zum Text  28.

28 Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen aus der Hamburgischen Kirche 1939, S. 121.

Zurück zum Text  29.

29 [Franz] Tügel, Aus dem kirchlichen Hamburg. In: Das evangelische Hamburg 20 (1926), S. 45-47, die Zitate S. 47.

Zurück zum Text  30.

30 [Franz] Tügel, Aus dem kirchlichen Hamburg. In: Das evangelische Hamburg 20 (1926), S. 69-71, die Zitate S. 69.

Zurück zum Text  31.

31 Franz Tügel, Mein Weg 1888-1946. Erinnerungen eines Hamburger Bischofs. Hrsg. von Carsten Nicolaisen (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs 11). Hbg. 1972, S. 332-333, das Zitat S. 333.

Zurück zum Text  32.

32 NEK, 32.01 Kirchenrat Hamburg, 1729; Rahmendienstanweisung für Gemeindediakone, Gemeindehelferinnen und hauptberufliche Hilfskräfte in der Gemeinde vom 2.6.1939. In: Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen aus der Hamburgischen Kirche 1939, S. 59-60; Gesetz vom 31.3.1943. In: Ebd. 1943, S. 26 (Einführung des Zölibats); Christa Hönniger, Wirkungsmöglichkeiten von Frauen in der evangelischen Kirche während des ‚Dritten Reiches" am Beispiel Hamburgs. Staatsexamensarbeit (Geschichtswissenschaft) ms. Hbg. 2001, S. 54-55.

Zurück zum Text  33.

33 StA Hbg, 512-3 St. Nikolaikirche, IV 10, Tügel an Beckmann 24.4.1939; vgl. Hönniger (wie Anm. 32), S. 77-79.

Zurück zum Text  34.

34 Tügel, Weg (wie Anm. 31), S. 283.

Zurück zum Text  35.

35 Adelheid Tügel hat ihre Motive in einem fünfzigseitigen Manuskript „Warum ich katholisch geworden bin?" ausführlich dargelegt (StA Hbg, 622-1 Familie Tügel).

Zurück zum Text  36.

36 Rainer Hering, Die Bischöfe Simon Schöffel, Franz Tügel (Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Selbstzeugnissen 10). Hamburg 1995; ders., Franz Tügel - Hamburger Landesbischof im „Dritten Reich". In: Joachim Stüben; Rainer Hering (Hrsg), Zwischen Studium und Verkündigung. Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Nordelbischen Kirchenbibliothek in Hamburg (bibliothemata 13). Herzberg 1995, Sp. 383-394; ders., Tügel, Franz Eduard Alexander, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz, Bd. XII Herzberg 1997, Sp. 687-711.

 

Seite zurück  Eingangsseite  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 18. Mai 2003
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de