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Horst-Peter Zeinert: Bewertung im Kunstunterricht


2 DIE KOMPLEXITÄT DER BEWERTUNGSPROBLEMATIK

Zur Frage der Bewertung schulischer Leistungen ist besonders in den letzten Jahren eine respektable Literatur (98) entstanden. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Bewertungsfrage hierdurch keineswegs gelöst wurde. Vielmehr scheint das Anwachsen von spezieller Literatur auf dem Gebiet ein Indikator dafür zu sein, daß die Behandlung dieses Problems weiterer Klärung bedarf.

Die Sichtung der einschlägigen Literatur legt sogar die Vermutung nahe, daß das Bewertungsproblem unlösbar ist.

Was aber ist das Bewertungsproblem überhaupt?

Wollte man es in einem Satz zusammenfassen, so könnte er lauten: Es ist im wesentlichen die Schwierigkeit, zu einem Werturteil zu gelangen, das Allgemeingültigkeit besitzt.

Der Begriff „Werturteil" ist in diesem Zusammenhang gebräuchlich. Da er für die Erhellung des dahinter liegenden Problems in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich ist, soll er im folgenden als Konstrukt dienen.

Etymologisch zählt er zu Wortbildungen des 19. Jahrhunderts und kam wahrscheinlich vor dem Ausdruck „bewerten" in Umlauf. Seine Zusammensetzung aus den Substantiven „Wert" und „Urteil" kann darauf hinweisen, daß ein allgemeines Sprachbedürfnis zu diesem Kompositum führte, das gesellschaftliche Veränderungen vermuten läßt.

Der semantische Umfang des Wortes „Wert" schließt bereits in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts mannigfache Bedeutungen ein, deren Hauptmerkmal darin besteht, daß es sich um Schätzungen einer Sache unter bestimmten Gesichtspunkten handelt. Gekennzeichnet werden dadurch ökonomische, sittliche, ästhetische, rechtliche u. ä. Werte eines Gegenstandes. Der Vorgang, einen Tauschwert oder Preis durch Schätzung eines Gegenstandes festzulegen, ist ein irreduzibler Entscheidungsprozeß. Wir wissen dies aus dem eigenen alltäglichen Sprachgebrauch, wenn wir sagen, daß wir einen Gegenstand schätzen, d. h. ihm einen persönlichen Wert beimessen. Mitunter gehen wir dabei scheinbar einen Schritt weiter, wenn wir hinzufügen „aus den oder den Gründen" schätzen wir den Gegenstand. Wir stellen dann mit Hilfe der Sprache einen kausalen Zusammenhang her. Dabei tun wir so, „als ob" wir unsere Schätzung aus den genannten Gründen abgeleitet hätten. In Wirklichkeit handelt es sich aber um keine kausale Beziehung, sondern um eine Rechtfertigung der vorgenommenen Wertsetzung. Anders ausgedrückt ist es die Rationalisierung einer irrationalen Geistestätigkeit. (99)

Wir können aus der Erfahrung mit einiger Berechtigung behaupten. daß uns diese Haltung selbstverständlich erscheint. Wo immer wir uns wertend äußern, sind wir heute geneigt hinzuzufügen „weil …" oder „aus diesen Gründen …". Wir können dafür auch mit einem Terminus der Psychologie sagen, daß wir bei Bewertungsvorgängen eine Attitude einnehmen, die das Äußerungsmuster „wert - weil" produziert bzw. reproduziert. Eine abschließende Erklärung für die Entstehung dieses Musters zu finden, ist schwierig. Eine vorläufige Beantwortung kann in der Überlegung gesehen werden, daß gegenwärtig eine wertende Äußerung ohne Angabe von sogenannten Gründen offenbar so lange keine allgemeine Anerkennung erlangt, wie die Prinzipien Öffentlichkeit und Wissenschaftlichkeit in einer Gesellschaft die Offenlegung und Nachprüfbarkeit von Aussagen erforderlich machen. (100)

Zurück zum Text  98. Vgl. die Auswahlbibliographie am Ende des Buches, II. Kap. Teil E (ANHANG).

Zurück zum Text  99. In der Tiefenpsychologie bezeichnet Rationalisierung einen Vorgang, der die nachträgliche verstandesmäßig hervorgebrachte, rechtfertigende Erklärung einer zumeist triebhaft motivierten Handlung charakterisiert.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 12. März 2004
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