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Horst-Peter Zeinert: Bewertung im Kunstunterricht


Der Lehrer ist u. a. durch sein Werturteil Funktionsträger dieser Autorität. Sein ihm beim Bewerten zugebilligter Ermessensspielraum ist in seinen schulrechtlichen und elternrechtlichen Zusammenhängen bereits aufgezeigt worden. Er läßt im Rahmen allgemeiner Erwartungen eine Bewertungspraxis zu, die sich grundsätzlich nicht von der des 19. Jahrhunderts unterscheidet, da der individuelle Maßstab im Urteilsvermögen des Lehrers gründet. Dies bedeutet, daß die Bildung des Werturteils beim Lehrer souverän erfolgt. Seine wertverleihende Entscheidung stellt eine Maßnahme dar, deren hoheitsrechtlicher Charakter im Verwaltungsakt der Versetzung bzw. Nichtversetzung eines Schülers zum Ausdruck kommt und darin mit der Gewaltausübung des Herrschers im alten Gesellschaftsvertrag korrespondiert.

Auf der individuellen und sozialen Ebene hat sich der Abstand zwischen rationalen und emotionalen Grundhaltungen mit dem zivilisatorischen Fortschritt im 20. Jahrhundert eher weiter vergrößert.

Energiegewinnung, Umweltschutz, Mikroelektronik, Raumfahrt u. ä. haben einen technologischen Abstraktionsgrad erreicht, der rationale Maßstäbe setzt, die der Rationalität des durchschnittlich und überdurchschnittlich gebildeten Bürgers nur teilweise oder gar nicht mehr zugänglich ist. Defizite im Nachvollzug schlagen in emotionale Unsicherheit um, die sich in Ängsten aus gesellschaftlichen Mißständen, sozialer Verwahrlosung und der Furcht vor atomarer Vernichtung addieren.

Parallel zu Vorgängen im 19. Jahrhundert ist zu fragen, ob Friedensbewegungen, Emanzipationsbedürfnisse, liberale Erziehungsvorstellungen, Werte des kritisch-literarischen Realismus u. ä. in den staatstragenden Einrichtungen wie dem Schul- und Hochschulwesen oder im Berechtigungs- und Prüfungswesen angemessene Berücksichtigung finden.

Als Instrument zur Bewältigung der vielfachen Gesellschaftsprobleme hat sich bisher v. a. das analytische Denken durchgesetzt. Wertäußerungen ohne analytische Offenlegung des Urteilsgrundes haben heute angesichts der massenmedialen und publizistischen Mittel keine Chance, die gewünschte Anerkennung zu gewinnen.

Das Werturteil steht heute unter dem Prinzip der demokratisch verfügbaren Transparenz öffentlicher Teilnahme und Meinungsbildung. Dabei darf die Gefahr nicht übersehen werden, daß mitunter Analysen nur scheinbar durchgeführt werden und manipulativen Zwecken dienen können. Analytisches Denken bewältigt nicht das alte Problem der Erkenntnissicherheit bzw. -unsicherheit des Erkannten beim Erkennenden.

Der wissenschaftliche Soliditätsanspruch löste deshalb bei der erkenntnistheoretischen Grundlagendebatte den sogenannten Werturteilsstreit über

a die These von der Wertfreiheit theoretischer Erkenntnis und

b die Frage einer möglichen Begründbarkeit der Objektivität von praktischen Werturteilen aus. (111)

Als Ausdruck einer Grundlagenkrise bei der wissenschaftstheoretischen Erörterung bleibt diese Auseinandersetzung auch für die Erziehungswissenschaft bedeutsam, weil hiervon je nach der eingenommenen Position die Bestimmung des pädagogischen Handelns abhängt. Andererseits wurde der Aspekt in der Schulpädagogik und pädagogischen Praxis bedeutungslos, weil Fragen der Ethik im Zuge der seit Mitte der 60er Jahre anlaufenden Schulreform zusammen mit dem traditionellen Bildungsbegriff aus der Institution Schule eliminiert worden waren.

Unsere Betrachtung hat demgegenüber die Präsenz des verdrängten Werturteilsproblems verdeutlichen können. Dabei hat sich gezeigt, daß die Wortbildung „Wert-Urteil" in einen Zeitraum fällt, der auf der politischen Ebene v. a. durch die Neuordnung der Staatsform auf der Grundlage verfassungsmäßig geschützter Rechtsgüter und auf der individuellen bzw. sozialen Ebene durch die Zunahme rationaler Grundhaltungen verbunden mit systematischen, überprüfbaren, meßbaren Arbeitsweisen bestimmt ist. Die Verknüpfung beider Ebenen läßt zahllose Wertrelationen zu, die den Wertbegriff definitorisch offen halten. Der Ausdruck „Werturteil" kann deshalb noch immer als Determinativum oder als Kopulativum aufgefaßt werden. Daher ist es zulässig, die oben gemachten drei definitorischen Aussagen um eine weitere zu ergänzen. Dies erscheint insbesondere aus zwei Gründen notwendig zu sein:
1 Der genetische Werturteilsbegriff berücksichtigt zu stark das hierarchische Herrschaftsverhältnis zum Wert innerhalb der staatlichen Autorität.
2 Werturteile waren in der Pädagogikgeschichte entweder auf Bildungsgüter gerichtet oder dienten als Erziehungsmittel, ohne daß ihre Bedeutung als Erziehungsinhalt erkannt bzw. anerkannt worden wäre.

Zurück zum Text  111. Vgl. hierzu M. v. BRENTANO, „Die unbescheidene Philosophie. Der Streit um die Theorie der Sozialwissenschaften", in: D. ULICH a.a.O.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 12. März 2004
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