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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


2 Voraussetzungen

Würde man mich bitten, die ganze Geschichte der Empfindsamkeit in einem Satz auszudrücken, würde ich etwas überspitzt behaupten, dass sie ohne die Schwierigkeiten bei der Übersetzung des Titels eines englischen Reiseromanes vielleicht so nie entstanden wäre, der 1768 in London bei T. Becket und P.A. de Hondt mit dem Titel A Sentimental Journey Through France and Italy by Mr. Yorick unter dem Synonym Eugenius des Schriftstellers Laurence Sterne erschien. (6) Noch im gleichen Jahr veröffentlichte Johann Joachim Christoph Bode, der nur wenige Jahre später den zweiten Band von Charles Burneys musikalischen Reisenotizen (7) in Deutschland bekannt machen sollte, eine Übersetzung des Sterneschen Romanes unter dem Titel Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien bei Johann Heinrich Cramer in Hamburg und Bremen.

Wie modern dank dieses Buchtitels das Wort „empfindsam" wurde, lässt sich schon allein dann erahnen, wen wir einen Blick auf die weiteren Ausgaben dieses Werkes werfen, das dank seines grossen Erfolges Fortsetzungen erfuhr. Denn schon 1769 erschien von bis heute als unbekannt geltender Hand (8) eine Fortsetzung von nahezu gleichem Umfang wie der erste Teil. Auch Bode machte sich sogleich an die Übersetzung dieser Fortsetzung von Freundeshand, wie er diesen weiteren Band betitelt. Dennoch liess er zuerst den originalen Teil 1768 und 1769 in zwei Teilen und zwei Auflagen erscheinen, bevor er als dritte Auflage in einem dritten und vierten Band die Fortsetzung veröffentlichte, wobei er sich bemühte, die stellenweise etwas schwächere englische Vorlage dem Sterneschen Original anzugleichen. Er ging sogar soweit ganze Kapitel des Originals zu streichen und durch eigenen Texte zu ersetzen. (9) Es scheint, Bode habe sich durch das Faktum, keinen Sterneschen Originaltext vor sich zu haben, ermutigt und beflügelt gefühlt, selbst zu einem Mitautor der Fortsetzung zu werden. Eine vierte Auflage erschien in Bremen in je zwei Bänden in den Jahren 1776 und 1777, wobei die ersten beiden Bände Sternes Text, die beiden letzten die Fortsetzung enthalten.

Yoricks empfindsame Reise wurde, wenngleich heute fast in Vergessenheit geraten, zu einem gefeierten Titel. Ob Lessing, Wieland oder Goethe: alle hatten sie verschlungen und gelobt. Sternes Roman wurde zu einem der Lieblingsbücher des 18. Jahrhunderts. Doch auch weit über dieses hinaus war es bekannt. Friedrich Nietzsche bezeichnete Sterne als „den freiesten Schriftsteller aller Zeiten […] in Vergleich mit welchem alle anderen steif, vierschrötig, unduldsam und bäuerisch-geradezu erscheinen." Der Grund? Sterne bringe „bei dem Leser ein Gefühl der Unsicherheit darüber hervor, ob man gehe, stehe oder liege: ein Gefühl, welches dem des Schwebens am verwandtesten ist. […] Eine solche Freigeisterei bis in jede Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese Eigenschaft hatte, besass vielleicht kein anderer Mensch." (10)

Reflexion I.

Woher kommt diese Begeisterung verbunden mit dem Glauben, alles was englisch ist, sei zugleich freiheitsliebend? Sicher ist dies zur Zeit Nietzsches kein neues Gefühl, finden wir dies doch schon in Wort und Musik ausgedrückt z.B. in Mozarts Entführung aus dem Serail, wo sich zu Beginn des zweiten Aktes Constanze bei Osmin über dessen Handlungs- und Denkungsart beschwert, denn sie sei „eine Engländerin, zur Freiheit geboren". Auch Christian Friedrich Daniel Schubart lobt am 2. Mai 1774 in der Deutschen Chronik „Engelland [...] ein Land, wo der Patriot noch rufen darf: O Freiheit, Freiheit. Silberton dem Ohre! Licht dem Verstande! Dem Herzen gross Gefühl Und freier Flug zu denken!"

Nicht zu vergessen, dass Friedrich Schiller seinen Erstentwurf von Kabale und Liebe, in dem Lady Milford als heute wohl bekannteste literarische Figur ein Beispiel einer solchen Engländerin darstellt, 1782, dem Entstehungsjahr der Entführung entstand.

Spätestens beim Lesen dieses Nietzsche-Zitates stellt sich die Frage: was ist empfindsam? Und was ist Empfindsamkeit in der Musik? Gerade in Verbindung mit Musik wird das Adjektiv empfindsam oder dessen Substantiv Empfindsamkeit heute wohl am häufigsten gebraucht. Die Frage nach dessen wirklicher Bedeutung erscheint mir aus musikalisch-interpretatorischer Sicht geradezu elementar, denn wir anders können wir zum Beispiel die Herkunft und wahre Bestimmung der Spielanweisung „mit innigster Empfindung" im zweiten Satz von Ludwig van Beethovens Klaviersonate opus 109 oder die Anweisung „con molto sentimento" im op. 106, 2 verstehen und befolgen?

Zurück zum Text  6. Laurence Sterne wurde 1713 in Irland geboren, studierte in Cambridge und lebte als Pfarrer in York. 1768 verstarb er in London.

Zurück zum Text  7. Berechtigt sei hier die Frage, inwie weit der Burneysche Buchtitel beim Leser Sternes Titel assoziierte und somit zur grossen Popularität des musikalischen Reiseberichtes beitrug.

Zurück zum Text  8. Lodwick Hartley: Yorick´s Sentimental Journey Continued. A Reconsideration of the Authorship, in: The South Atlantic Quarterly, Bd.LXX, Nr. 2, 1971, S. 180-190

Zurück zum Text  9. Harvey Waterman Thayer: Laurence Sterne in Germany, London 1905, S.47-53

Zurück zum Text  10. zitiert nach dem Umschlag-Vorwort der deutschen Neuausgabe Laurence Sterne: Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, Nördlingen 1986

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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