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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


2.1 Die Suche nach dem Wort

„Die älteren Schriftsteller, haben sich des Wortes empfindsam noch nicht bedienet, und es ist erst vor kurzem üblich geworden. […] Hernach ist es durch Yoricks empfindsame Reisen dergestalt ausgebreitet worden, dass jetzt manche, dieses Wort in solchen Fällen gebrauchen, wo empfindlich offenbar besser seyn würde" (11)

lesen wir 1786, im Jahre von Mozarts Figaro und zwei Jahre vor dem Tod Carl Philipp Emanuel Bachs im Artikel „Empfindsam, Empfindlich" in Samuel Johann Ernst Stoschs Kritischen Anmerkungen über die gleichbedeutenden Wörter der deutschen Sprache. Dies bestätigt nicht nur die Bedeutung von Bodes Übersetzung des Sterneschen Original ins Deutsche sondern beweist auch, wie neuartig und zugleich modern - im Sinne von Zur-Mode-werden - dessen Titel in Deutschland wirken musste. Tatsächlich war die Schaffung des Wortes „empfindsam" ein längerer und von führenden Philosophen wie Sprachwis-senschaftlern sorgsam beachteter Prozess. Stosch schrieb seine oben zitierten Zeilen rückblickend, 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Sterneschen Romanes. Um das Umfeld Stosch´ richtig zu bewerten sei hinzugefügt, dass dieser 1714, im gleichen Jahr wie Carl Philipp Emanuel Bach geboren, erst Schüler des Joachimthaler Gymnasiums in Berlin war, bevor er nach Frankfurt an der Oder ging, wo er Theologie studierte. Auch Carl Philipp Emanuel Bach studierte in Frankfurt/Oder, diesem ehemals so wichtigen Knotenpunkt des Ost-Westhandels und Angelpunkt des Nord-Südhandels von Skandinavien bis Ungarn, wenngleich nicht Theologie, so doch Jura. Wir werden im Verlaufe dieser Studie sehen, dass die Aufenthaltsorte derer, die sich theoretisch mit dem Phänomen der Empfindsamkeit befassen, nicht zufällig mit denen, die sich musikalisch den Einflüssen der Empfindsamkeit öffneten, übereinstimmen. Ob sich Bach und Stosch persönlich trafen muss reine Hypothese bleiben, obwohl Bach gerade dort „sowohl eine musikalische Akademie als auch alle damals vorfallenden öffentlichen Musiken bey Feyerlichkeiten dirigirt und komponirt" (12) hatte, Rat, Universität und Kirche (!) benötigten Musiken. Oder begegneten sich die beiden Studiosi am 12. April 1737, als sich in beschämender und erniedrigender Weise durch niemanden Geringeren als den König Friedrich Wilhelm I. selbst, welcher bekanntlich alles, was, wie Kultur und Wissenschaften, nicht militärischen Zwecken diente, ablehnte und geradezu hasste, in „öffentlicher Disputation auf Befehl und in Anwesenheit des Königs einige Professoren der Universität dem Hofnarren Morgenstern aufgrund seiner Schrift „Vernünftige Gedanken von der Narrheit und Narren" opponieren mussten?" (13) Frankfurt an der Oder war nicht zuletzt aufgrund seiner Alma mater Viadrina von aufklärerischen Gedanken geprägt. Wie Bach studierten hier, vor ihm, Johann Gottlieb Janitsch und nach ihm Christian Gottfried Krause, beide wie Bach später zu den Köpfen der Berliner Liederschule zählend. Sollte die Atmosphäre der Stadt so stark auf ihr Studenten gewirkt haben, dass sich all diese später zur Empfindsamkeit bekannten? Stosch selbst arbeitete bis zu seinem Tode 1796 als Theologe.

Wenngleich Stosch bezeugt, wie beliebt das Wort „empfindsam" im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland war, zeigt er dank seiner Verknüpfung mit dem Wort „empfindlich" auf, wie leicht es mit demselben verwechselt wurde.

Stosch gibt uns eine Definition des Wortes „empfindsam":

„Meinem Erachten nach, kann man sich des Wortes empfindsam, sehr wohl bedienen, wenn man von einem Menschen sagen will, dass er geneigt sey, bei allerley Gelegenheiten und Umständen, sehr lebhafte und rührende Empfindungen zu haben, woran das Herz einen zärtlichen Antheil nimmt. … Bey einem fruchtbaren Regen, welcher nach einer langen Dürre die Erde tränket, fühlet der Empfindsame, die lebhaftesten Regungen der Dankbarkeit gegen Gott; Er nimmt Theil an der Freude des Landmannes, dessen Felder dadurch fruchtbar gemacht werden, u.s.w. Bey dem Elend seines Nebenmenschen, wird er von Mitleiden gerührt, sein Herz nimmt Antheil daran, er wünscht ihm helfen zu können, und dergl. Selbst geringe Dinge und Kleinigkeiten bringen bisweilen sehr lebhafte Empfindungen bey ihm hervor. Alles rühret ihn, alles ist vermögend, sein Herz in Bewegung zu setzen." (14)

Empfindsamkeit als Charaktereigenschaft des Menschen. Als Zeichen religiöser Zuneigung, Gefühl des Dankes, Mitgefühl. Auf alle Fälle, und dies wird bei späterer Betrachtung der Musik noch klarer werden, Zeichen innerer Teilnahme. In Stoschs Definition ist auf alle Fälle eines klar: das Wort „empfindsam" existiert bereits in Form einer klaren Vorstellung.

Aber: war dies zur Zeit von Bodes Übersetzung des Sterneschen Originals ebenso?

Noch 1771 finden wir in Definitionsversuchen deutschen Entsprechungen oftmals Originalworte aus dem Französischen, der Sprache der Philosphie, in Klammern beigestellt. (Ähnlich wie Musikschriften einem deutschen Pendant das italienische Kunstwort beistellen.) Doch merkt man daran auch die Unsicherheit selbst führender Geisteswissenschaftler im Umgang mit einem neuen Wort, welches offensichtlich in Deutschland schon längere Zeit existierte, aber nicht als gängig verwendet wurde, bevor es Bode im wahrsten Sinne des Wortes modefähig machte. Etymologisch verwundert jedoch keineswegs, dass sich z.B. in Definitionsversuchen Thomas Abbts französische gleichbedeutende Wörter den deutschen in Klammern beigestellt finden. Denn gerade im Französischen sind seit 1314 früheste Verwendungen des Wortes „sensibilité" nachweisbar, das auf das lateinische Wort „sensibilitas", die Fähigkeit zu empfinden, zurückgeht. Im 17. Jahrhundert kommt es zu einer Bedeutungserweiterung im moralischen Sinne („qui ressent une impression morale") und das 18. Jahrhundert sieht es als eine menschliche Spezifizität an: „qui a des sentiments humains". (15) In diesem Sinne wird es bis in die Revolutionszeit hinein als Ausdruck sozialer Tugendhaftigkeit durchweg mit positiver Konnotation gesehen.

Thomas Abbt, welcher nach dem Studium der Theologie in Halle als Professor für Mathematik in Rinteln (1761) wirkte, führt uns auf der Suche nach einer Definition des Begriffs Empfindsamkeit nach Berlin, wo er sich längere Zeit im Kreis der Aufklärer Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai aufhielt. Mit Abbt verbinden wir natürlich aufgrund seiner Berliner Zeit nicht nur den Namen Carl Philipp Emanuel Bachs, der hier ab 1740 als Hofcembalist Friedrich II. wirkte, denn 1765 ging Abbt als Konsistorialrat und Leiter des Schulwesens nach dem unweit Rinteln liegenden Bückeburg, wo von 1750 an Bachs Bruder Johann Christoph Friedrich zuerst als Kammermusiker, später als Konzert- und Kapellmeister in der dortigen Hofkapelle wirkte. Bei Erwähnung Bückeburgs sollten wir keinesfalls Johann Gottfried Herder vergessen, der hier von 1771 bis 1776 als Hofprediger wirkte und in dem Bach einen Freund und Librettisten gewann. Herder hielt zwei Jahre nach Abbts Tod dessen Gedanken in aktuellem Licht, indem er 1768, dem Jahr der Bodeschen Übersetzung von Sternes Empfindsamer Reise, "Über Thomas Abbts Schriften" veröffentlichte.

In den 1771 in Berlin und Stettin veröffentlichten, aus der Feder Thomas Abbts stammenden Vermischten Werken, III. Theil, welcher einen Theil seiner freundschaftlichen Correspondenz [mit Mendelssohn und Nicolai] enthält, finden wir einen an ihn ohne Angabe von Ort und Datum, aber vor dem 15. September 1764 gerichteten Brief Mendelssohns, in welchem dieser Abbts Neuschöpfung des Wortes „Empfund" als deutsche Übersetzung des französischen „sentiment" kritisiert. Zwecks besseren Verständnisses sei darauf hingewiesen, dass sich Mendelssohn Begriffen der lateinischen Gramatik bedient, in welcher supinum lateinische Verbformen auf -tum oder -tu benennt, facultas bezeichnet die passive gegebene Anlage, hingegen actus die aktive Bewegung, Handlung. Interessant ist, wie einflussreich bei der Wortsuche mit dieser eigentlich in keinem Verhältnis stehende Fakten, wie Klang und Modernität, sind. Auffallend auch, das die Bedeutung des Problemes für die Diskuttierenden es wert ist, solche Kapazitäten, wie den als die Autorität für Odendichtung und metrische Probleme jedweglicher Art später angesehenen Horaz-Übersetzer Karl Wilhelm Ramler (1725-1798) in die Auseinandersetzung als Ratgeber einzubeziehen. Hören wir Mendelssohn:

"Sie sehen, dass ich mich nicht unterstehe Ihnen das Wort Empfund nachzusprechen. Sie haben es aus dem Supino empfunden, gebildet, und ich wüsste nur das einzige Wort fund das vielleicht aus dem Supino gebildet seyn mag, wo nicht gar hier das Zeitwort aus dem Nennworte gebildet worden. Gefühl bedeutet facultatem, also bleibet Fühlung, oder Empfindniss noch für den Actum übrig. Empfindniss klingt seltsam, Fühlung ist ein altes Wort, das hervorgesucht zu werden verdienet, daher haben wir (Hr. N. und ich, nachdem wir Hrn. Ramler gefragt) es Ihnen statt des Empfund, empfohlen. Herr N. hat Ihnen einen guten Grund angeführt, warum sich Fühlung besser für Sensation schicke, als für Sentiment. Ich glaube, dass er nicht Unrecht hat. Jedermann weiss, wie unterschieden es z.B. ist, einen Kuss fühlen, oder empfinden. Die schöne Natur sehen, hören, fühlen, oder empfinden. Sie könnten also gar füglich Fühlung für Sensation, und Empfindung für Sentiment setzen, denn Empfund kann unmöglich bleiben." (16)

Abbt reagiert am 15. September 1764 von Rinteln aus, indem er zuerst die grammatische Herkunft seiner Schöpfung verteidigt, dann aber eine klare inhaltliche Definition bietet:

"Herr N. denkt gar, ich habe es nach Pfund gemacht. Wenn man doch erst wider etwas eingenommen ist, wäre es auch ein armes Wort, so sehen auch die klügsten nicht mehr, was vor Augen liegt. Das Wort Empfund sollte nicht nach der Analogie gemacht seyn? Meine lieben Herren! sagen Sie mir doch einmal woher kömmt Bund? Von binden. Woher Fund? von finden. Woher Schlund? von schlinden. Woher Schund (schlechtes Zeug)? von schinden. In einigen Provinzen sagt man ein Wund Seide, von winden. Alle diese Worte sind offenbar aus dem Supinum unden gemacht. Denn wäre das Zeitwort nach ihnen gemacht, so würde es mit einem ü geschrieben, wie gründen von Grund. Noch mehr bey Verbinden, würde man Verbindung, und Verbund ganz natürlich unterscheiden, und thut es auch.

Das Wort klingt seltsam; - das ist meine Schuld nicht. Das Wort Fühlung hat die doppelte Unbequemlichkeit, 1) dass man es immer auf den besonderen sensum einschränken wird, und 2) dass man sein Verhältnis zu Empfindung nicht so gut erkennt, als zwischen Empfindung und Empfund. Glauben Sie denn, dass der erste Franzose, der Sentiment gemacht hat, nicht ebenfalls ein fremdes Wort aufgebracht? Nun Hrn. N. Exempel mit der Kugel an dem Verwundeten? Freylich muss der Wundarzt sagen: ich fühle die Kugel, wenn er mit der Hand darnach greift. Der Kranke empfindet die Schmerzen, hat die Empfindung davon. Aber sein Freund der dabey steht! Ach der hat den Empfund davon. Sagen Sie was sie wollen. Solange ich diese beyde letztere nicht unterscheiden kann; so habe ich nichts gethan." (17)

Es wird hierbei klar, welche Dreidimensionalität Abbt ausdrücken will: der Mensch als rational handelnder (Arzt), der Mensch als subjektiv fühlender (Patient) und der Mensch als mitfühlender, mitleidender (Freund). Am 8. Dezember desselben Jahres teilt Abbt dann seinen Diskussionspartnern mit:

"Der Empfund ist verworfen: ich habe Empfindung für Sensation, und für Sentiment Empfindniss gewählt. Fühlen und Gefühl sind oft Zweydeutigkeiten ausgesetzt." (18)

Mendelssohn/Nicolai

Fremdwort

Abbt

Fühlung

Sensation

Empfindung

Empfindung

Sentiment

Empfindnis (früher Empfund)

Wie folgendes Beispiel zeigt, finden wir die Forderung nach Empfindsamkeit auch in aufklärerisch anmutenden Texten. Diese erklären gemäss der Moralphilosophie die Empfindsamkeit zu einer der Hauptaufgaben menschlichen Seins. In Karl Daniel Küsters "Sittlichem Erziehungs-Lexicon", veröffentlicht 1773 in Magdeburg, finden wir einen mit Empfindsam bezeichneten Artikel. Bereits fünf Jahre nach Bodes Übersetzung der Sterneschen Empfindsamen Reise ist das Wort empfindsam über die natürlich gegebene Eigenschaft zum Erziehungsziel hinausgewachsen und darf sich mit dem Begriff des Moralischen messen. Empfindsamkeit wird zur Grundlage zwischenmenschlicher Beziehung, "Empfindsamkeit und Menschen-Freundlichkeit, sind gewisser maassen Synonimen", wie Küster schriebt. Wir dürfen nicht vergessen, dass Küster als Erziehender im Sinne der Aufklärung spricht, nicht im heutigen Sinne als Erzieher eigener, aber als mit der Erziehung ihm anvertrauter Kinder. Karl Daniel Küster (1727-1804) war Theologe und wirkte als Prediger und Konsistorialrat in Magdeburg.

"Der Ausdruck: ein empfindsamer Mensch, hat in der deutschen Sprache eine sehr edle Bedeutung gewonnen. Es bezeichnet: die vortreffliche und zärtliche Beschaffenheit des Verstandes, des Herzens und der Sinnen, durch welche ein Mensch geschwinde und starke Einsichten von seinen Pflichten bekömmet, und einen wirksamen Trieb fühlet, Gutes zu thun. Je feiner die Nerven der Seele und des Cörpers sind, je richtiger sie gespannt worden, desto geschäftiger, und nützlicher arbeitet er; und desto grösser ist die Erndte des Vergnügens, welches er geniesset, wenn er nicht nur gerecht, sondern auch wohlwollend, oder gar wohltätig handeln kan.Solche empfindsame Fürsten und Princessinnen, solche empfindsamen Minister, Helden, Rechtsgelehrte, Prediger, Ärzte, Schulmänner, Bürger und Landleute zu bilden, ist das angenehme und wichtige Geschäfte eines jeden selbst empfindsamen Erziehers." (19)

In England führt - ähnlich wie in Deutschland - Sternes Roman zur Verbreitung des bislang nur sporadisch verwandten Wortes „sentimental", das Sterne selbst seit seinen Frankreich-Reisen immer häufiger verwendet.

Als Bode nach einem deutschen Pendant für Sternes „sentimental" suchte, liess er sich von hoher Stelle her raten. Es war kein geringerer als Gotthold Ephraim Lessing, der sich selbst als Erfinder des deutschen Wortes „empfindsam" pries. Dass er damit im Unrecht lag kritisierten seiner Zeit schon die Allgemeine Deutsche Bibliothek und die Berliner Monatsschrift. Die deutsche Forschung geht bislang davon aus, dass der älteste bekanntgewordene Beleg aus dem Jahre 1757 stammt und dies in einem Brief der Louise Adelgunde Victorie Gottsched, wo es heisst:

„Ein empfindsames Herz gehört unter die geheimen Beschwerlichkeiten dieses Lebens, es leidet bei allen leidenden Gegenständen, wenn es sich ausser Stand sieht allen zu helfen. Und doch möchte ich dieser Leiden ohngeachtet … kein gleichgültiges Gemüth haben. Wie viel wahres Vergnügen entbehren die kalten unempfindlichen Seelen?" (20)

Dennoch muss man Lessing als den anerkennen, der als Ratender an Bodes Seite den Auslöser für die massenhafte Verwendung des bislang selten gebrauchten Wortes „empfindsam" zündete: „Wagen Sie, empfindsam! Wenn eine mühsame Reise eine Reise heisst, bei der viel Mühe ist: so kann ja auch eine empfindsame Reise eine Reise heissen, bey der viel Empfindung war." (21)

Reflexion II.

Hatte Mozart also 1781 eine empfindsame oder mühsame, im Sinne Stoschs sogar empfindliche Reise nach Wien, wie er am 17. März diesen Jahres berichtet: „bis Unter-haag bin ich mit dem PostWagen gefahren - da hat mich aber mein Arsch und dasJenige woran er henkt, so gebrennt, dass ich es ohnmöglich hätte aushalten können…" (22)

Schon die München-Reise im Herbst 1780 war nicht weniger empfindsam ausgefallen: „denn ich versichere, dass es keinem von uns möglich war nur eine Minute die Nacht durch zu schlaffen - dieser Wagen stösst einem die Seele heraus! -und die Sitze! -hart wie stein! -von Wasserburg aus glaubte ich in der that meinen Hintern nicht ganz nach München bringen zu können! -er war ganz schwierig -und vermuthlich feüer Roth -zwey ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt, und den Hintern in lüften haltend- …" (23)

Empfindsamkeit wird zu einer Geistesbewegung, die vor allem in der Literatur reiche Ernte bringt. Nach den Vorbildern Klopstocks, Herders und Hamanns kristallisieren in Berlin, Göttingen, Frankfurt und zeitweise Strassburg revolutionäre Bewegungen, die mit Namen wie Goethe, Klinger, Lenz, Stolberg, Hölty, Kleist und Voss verbunden sind. Klopstocks Dichtung wird nicht zuletzt aufgrund ihrer rhythmischen Vielfalt und klanglichen Spielerei zu einem Vorbild für den Göttinger Hainbund.

Doch hinter all dem verbigt sich die Ablehnung gegen die allzu den Verstand in den Vordergrund stellende Aufklärung. Der Mensch entdeckt sich als subjetiv fühlendes Wesen, der Künstler als schaffendes Individuum. Hier fallen erstmals Begriffe wie Genie und Original, oftmals in der alles bestärkenden Verbindung als Originalgenie. Damit kommt es zu neuen Ausdrucksformen, wie Ballade, Ode, Lied oder vor allem das persönliche Tagebuch, der Brief und die Autobiographie. In der Musikliteratur finden wir so auch Reiseberichte in Brief und Tagebuchform, welche die subjektive Auffassung des Schreibers unterstreichen. Berechtigt ist die Frage, in welcher Weise Sternes Reisebericht Anlass für Buchtitel wie Tagebuch einer musikalischen Reise, Briefe eines aufmerksamen Reisenden die Musik betreffend u.a. wurde. Dank einiger Romanerfolge, wie Sternes Empfindsame Reisen, Goethes Die Leiden des jungen Werder, Moritz´ Anton Reiser verbreitet sich die Empfindsamkeit über alle Sphären der künstlerischen Darstellung, um auch auf nicht-künstlerische Sphären überzugreifen, die diese Bewegung zu einer Mode machen, die - wie die meisten Moden - ihren eigentlichen, ursprünglichen Zweck vergessen hat.

Parallel zu Veränderungen in der Literatur sind auch solche, nicht zuletzt aufgrund intensiver Kontakte zwischen Literaten und Komponisten, in der Musik nachweisbar, und zwar sowohl in theoretischen Schriften, wie auch in Kompositionen. Dies ist der Weg zu einer neuen, sich parallel zur bislang gültigen entwickelnden, Musikästhetik. Die Bildung des Adjektives „empfindsam" lag auch hier zu einer Zeit nahe, in der von „Empfindung" oft die Rede war, wie man beim Lesen der sich einer grossen Verbreitung erfreuenden Klavierschule Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen von Carl Philipp Emanuel Bach (1. Teil 1753) sieht. War in der Musik und den Musikschulen der Zeit bislang nur von Affekten die Rede, wendet sich Bach mehr und mehr dem Wort Empfindung zu. Allein hieran wird klar, welche Bedeutung der Musik bei Betrachtung des Phänomens Empfindsamkeit zukommt.

Zurück zum Text  11. Samuel Johann Ernst Stosch: Kritische Anmerkungen über die gleichbedeutenden Wörter der deutschen Sprache. Nebst einigen Zusätzen, und beygefügtem Etymologischen Verzeichnisse derjenigen Wörter der französischen Sprache, welche ihren Ursprung aus der deutschen haben, Bd. 4, Wien 1786, S. 206-208

Zurück zum Text  12. aus C.Ph.E.Bachs Autobiographie, veröffentlicht in: Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise, Dritter Band, Hamburg 1773, S.199

Zurück zum Text  13. Ottenberg, Hans-Günther: Carl Philipp Emanuel Bach, München 1987, S. 38

Zurück zum Text  14. Stosch: Kritische Anmerkungen, S. 206ff

Zurück zum Text  15. Sauder I, S. 1ff.

Zurück zum Text  16. Thomas Abbt: Vermischte Werke, III. Theil, Berlin und Stettin 1771, S.273f., zitiert nach: Empfindsamkeit, Theoretische und kritische Texte, Stuttgart 1981

Zurück zum Text  17. ibid, S. 283

Zurück zum Text  18. ibid, S. 295

Zurück zum Text  19. Karl Daniel Küster: Sittliches Erziehungs-Lexicon, Magdeburg 1773, S. 47ff, zitiert nach: Empfindsamkeit, Theoretische und kritische Texte, Stuttgart 1981

Zurück zum Text  20. zitiert nach: Sauder I, S. 5

Zurück zum Text  21. ibid, S. 22

Zurück zum Text  22. Gesamtausgabe der Briefe und Aufzeichnungen der Familie Mozart, Berlin 1942, Bd.III, S.69

Zurück zum Text  23. ibid, S.4

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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