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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


4 Musik und Medizin

„Patience and tranquillity of mind contribute more to cure our distempers as the whole art of medecin" (79) schrieb Mozart am 30. März 1787 in das Stammbuch seines Logenbruders Johann Georg Kronauer. Als Musiker wusste Mozart, dass Musik und Medizin im 18. Jahrhundert untrennbar sind. Auch wenn es uns heute unverständlich vorkommen mag, so musste ein Komponist den Schulen des 18. Jahrhunderts nach einige Kenntnisse der Medizin haben.

„§. 55. Die Natur-Kündiger wissen zu sagen, wie es mit unsern Gemüths-Bewegungen eigentlich, und so zu reden cörperlich zugehe, und es ist einem Componisten ein grosser Vortheil, wenn er auch darin nicht unerfahren ist. §. 56. Da z.E. die Freude durch Ausbreitung unsrer Lebens-Geister empfunden wird, so folget vernünfftiger und natürlicher Weise, dass ich diesen Affect am besten durch weite und erweiterte Intervalle ausdrücken könne. §. 57. Weiss man hergegen, dass die Traurigkeit eine Zusammenziehung solcher subtilen Theile unsers Leibes ist, so stehet leicht zu ermessen, dass sich zu dieser Leidenschaft die engen und engsten Klang-Stuffen am füglichsten schicken. §. 58. Wenn wir ferner erwegen, dass die Liebe eigentlich eine Zerstreuung der Geister zum Grunde hat, so werden wir uns billig in der Setz-Kunst darnach richten, und mit gleichförmigen Verhältnissen der Klänge (intervallis n. diffusis & laxuriantibus) zu Wercke gehen. §. 59. Die Hoffnung ist eine Erhebung des Gemüths oder der Geister; die Verzweiflung aber ein gäntzlicher Niedersturtz derselben: welches lauter Dinge sind, die mit den Klängen, wenn zumahl die übrigen Umstände (absonderlich der Zeitmaasse) das ihrige mit beitragen, sehr natürlich vorstellen lassen. Und auf solche Art kann man sich von allen Regungen einen sinnlichen Begriff machen, und seine Empfindungen darauf richten. §. 60. Alle und iede Gemüths-Bewegungen her zu zehlen dürffte freilich zu langweilig fallen; nur die vornhemsten derselben müssen wir unberühret nicht lassen. Da ist nun die Liebe wol billig unter allen oben an zu setzen; wie sie denn auch in musicalischen Sachen einen weit grössern Raum einnimmt, als die andern Leidenschafften. §. 61. Hirbei kömt es nun hauptsächlich darauf an, dass ein Componist genau unterscheide, welchen Grad, welche Art oder Gattung der Liebe er vor sich findet, oder zu seinem Unterwurff erwehlet. Denn die obenerwehnte Zerstreuung der Geister, daraus diese Gemüths-Neigung überhaupt und vornehmlich entstehet, kann sich auf sehr verschiedene Weise begeben, und alle Liebe kann unmöglich auf einerley Fuss behandelt werden.. §. 62. Ein Verfasser verliebter Sätze muss seine eigene Erfahrung, sie sey gegenwärtig oder verflossen, allerdings hierbey zu Rathe ziehen, so wird er an sich, und an seinem Affect selber, das beste Muster antreffen, darnach er seine Ausdrücken in den Klängen einrichten könne. Hat er aber von sothaner edlen Leidenschaft keine persönliche Empfindung, oder kein lebhaftes Gefühl, so gebe er sich ja nicht damit ab: denn es wird ihm eher in allen andern Dingen glücken, als in dieser gar zu zärlichen Neigung." (80)

schreibt Johann Mattheson in seinem Vollkommenem Capellmeister.

Sechs Jahre später, veröffentlicht der später an der Universität Jena zu Namen kommende Mediziner Ernst Anton Nicolai (1722-1802) in Halle 1745, im Jahr seiner Promotion, eine Abhandlung über Die Verbindung der Musik mit der Artzneygelahrtheit. In seinem Vorwort begründet der Autor sein Vorhaben damit, das er sich habe „belehren lassen, dass alle Fäserchen des menschlichen Körpers ihre Töne hätten, die sich entweder wie die Consonantien oder Dissonantien in der Musik verhielten. […] Mein Gott! wird man sagen, wenn es mit dem menschlichen Körper eine solche Beschaffenheit hat, dass sich die Tone der Fäserchen entweder wie die Consonantien oder Dissonantien verhalten; was sollte zwischen ihm und einem musicalischen Instrumente vor ein Unterschied seyn? und würde er wohl derselbe Körper, der er ist, oder nicht vielmehr in eine Violine verwandelt werden? […] Wer es nicht glauben will, dass ein iedes Fäserchen seinen Ton habe, der lese nur die Schriften der Artzneygelehrten nach. Da wird er finden, dass sie sehr ofte von dem Ton des menschlichen Körpers reden, zum klaren Beweise, dass derselbe nicht erdichtet sey. Der Ton von diesem und jenem Theile, heisst es, ist sehr schwach, man muss denselben wiederherstellen. Niemand wird zweifeln, dass diese Redensart aus der Musik hergenommen ist. Ich will mich also bemühen, diese Sache weiter aus einander zu setzen. Unser Körper ist aus lauter Fäserchen zusammengewebt, und ich will sie mit den meisten Artzneygelehrten in drey Arten eintheilen, nemlich in Arterien-Muskel- und Nerven-Fäserchen. Alle diese befinden sich in eben den Umständen, darinnen wir eine gespannte Saite auf einem musikalischen Instrumente antreffen. Sie sind elastisch und gespannt so, wie diese. Nun ist bekannt, dass eine gespannte Saite mit einer gewissen Geschwindigkeit zittern kan, und folglich einen Ton habe. Derowegen werden auch alle diese Fäserchen geschickt seyn mit einer gewissen Geschwindigkeit zu zittern und einen Ton haben. Aber das schlimmste ist, dass sie keinen Schall von sich geben. Doch das thut der Sache keinen Eintrag. Genug, sie sind in Ansehung ihrer zitternden Bewegungen eben so, wie die Tone unterschieden. Will man es noch nicht glauben, so nehme man an, eine gewisse Art von Fäserchen, als die Nervenfäserchen hätten keinen Ton, was würde daraus folgen? Nichts anders, als dass der Mensch keine Empfindung haben würde, und was wäre denn das für ein Mensch? Es folgt dieses ganz natürlich. Denn hätten die Nerven keinen Ton, so könnten sie nicht in eine zitternde Bewegung gerathen, und es würden keine Empfindungen entstehen, indem diese lediglich davon herrühren. [...] Aber das ist noch nicht alles, ich bilde mir sogar ein, das der Mensch gesund sey, wenn alle Fäserchen eine ihrer Dicke und Länge dergestalt proportionirte Spannung besitzen, dass sich ihre Tone wie die Consonantien in der Musik verhalten, und kranck, wenn sie sich wie die Dissonantien verhalten […] Da nun aus vielen Consonantien zusammengenommen eine Harmonie, und aus den Dissonantien, wenn sie bey einander sind, eine Disharmonie entsteht, so müssen die Tone der Fäserchen, wenn sie sich wie die Consonantien verhalten, eine Harmonie machen, und eine Disharmonie, wenn sie sich wie die Dissonantien verhalten. Solchergestalt bestehet die Gesundheit in einer Harmonie der Fäserchen, und die Kranckheit in ihrer Disharmonie." (81)

Nicolais Schrift muss den Anhängern der Empfindsamkeit in der Musik aus der Seele gesprochen haben. Musik wirkt auf die Nerven und der Schall des Tones verursacht einen Schall der Nerven, die Empfindung. So könnte man Nicolais Idee zusammenfassen. Es ist eine Art medizinische Beweisführung für die Fähigkeit, dass Musik beim Menschen Empfindungen hervorrufen könne. Im Kapitel Die Musik bringt in der Seele und dem Körper Veränderungen hervor schreibt Nicolai:

„Wer in den Opern gewesen ist, der wird vielleicht an sich selbst wahrgenommen haben, wie starck die Musik in das Gemüth wircken kan. Sie macht nach ihrer verschiedenen Beschaffenheit die Zuhörer bald traurig, bald frölich. Bald treibt sie dieselben bis zur äussersten Wuth, und bald bewegt sie dieselben zum Mitleiden, dass sie sich bisweilen des Weinens kaum enthalten können. Auch so gar in dem Körper ereignen sich alsdenn viele Veränderungen. Man empfindet öfters einen starcken Schauer in der Haut, wenn man eine Musik anhöret. Die Haare richten sich in die Höhe, das Blut beweget sich von aussen nach innen, die äussern Theile fangen an kalt zu werden, das Hertze klopft geschwinder, und man hohlt etwas langsamer und und tiefer Othem. Alle diese Veränderungen werden stärcker, schwächer und hören entweder auf, oder es kommen andere an ihre Stelle, nachdem die Musik verändert wird." (82)

Man kann Nicolais Welt nur verstehen, wenn man die medizinischen Auffassungen des 18. Jahrhunderts kennt. Keinesfalls gehört Nicolai als aufgeklärter Mediziner zu denen, die Medizin im Zusammenhang mit Aber- oder Wunderglaube und den damit verbundenen Ritualen sehen. Im 26. Kapitel kritisiert Nicolai

„Aberglauben und Betrügerey […] Es ist ja heut zu Tage der Aberglaube noch nicht völlig aus der Medizin verbannet […] Wie viel sind nicht noch ietzo so gewissenhaft, dass sie alten Frauensperonen niemahls nicht als im abnehmenden Monde die Aderlass raten, wenn auch gleich mit der Verzögerung die Lebensgefahr verbunden ist? […] Die Wurtzeln, welche in die Artzneyen kommen, müssen an gewissen Tagen ausgegraben werden, denn sonst thun sie keine Wirkung, anderer Alfantzereyen mehr zugeschweigen." (83)

Zur Zeit, da Nicolai seine Schrift veröffentlichte, existierten drei Hauptströmungen, die sich zwar, historisch gesehen, chronologisch succesiv entwickelten, aber in gleicher Weise wie die Affekten-, Nachahmungs- und Malereitheorie und der damit verbundenen Verwendungen der Wörter Affekt, Leidenschaft, Empfindung zeitgleich ihren Fortbestand hatten. Es handelt sich um die Humoralpathologie, die Solidarpathologie sowie die Tonuslehre. Erstere beruhte auf der antiken Viersäftelehre (humores=Säfte), die als Ausgangspunkt der Krankheiten die Mischung der vier Kardinalsäfte, Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, sahen, derer richtige Mischung (Eukrasie) Gesundheit oder falsche Mischung (Dyskrasie) Krankheit garantierten. In diesem Zusammenhang wurde auch das Wort Katarrh verwendet, das soviel wie Herabfliessen bedeutet und beschrieb die dem Körper wohltuende Entfernung des krankmachenden Schleims (Phlega).

Im Gegensatz zur Humoralpathologie stand die Solidarpathologie, die sich auf die festen Teile des Körpers (solida) konzentrierte wobei den Nerven eine besondere Bedeutung zukam, die bei jeder Krankheit zuerst angegriffen werden und hierdurch die krankhafte Veränderung der Säfte hervorrufen. Jedoch stellte sich die Solidarpathologie jedwegliche Bewegung als mechanischen Ablauf vor, weswegen man die Solidarpathologen auch als Iatrophysiker bezeichnete, während die sich die Neuerungen der gerade aufblühenden Chemie zu Nutzen machenden Humoralpathologen als Iatrochemiker benannt wurden.

Eine dritte und für Nicolai weit bedeutendere Auffassung ist die in den 40er Jahren (schon wieder dieses Jahrzehnt!) an Popularität gewinnende Tonuslehre. Nicolai hatte ja in Halle bei Friedrich Hoffmann studiert, der als Begründer dieser Lehre angesehen werden muss, welche, aus der Solidarpathologie hervorgehend, dieser eine gewisse Dynamik (in jene Zeit fallen auch die ersten Forderungen einer musikalischen Dynamik) zugesteht, d.h. jede Faser kann sich zusammenziehen oder ausdehnen, hat also einen ihr eigenen Tonus. Dies genau beschreibt Nicolai in seiner Vorrede, eben dass eine Beziehung zwischen den drei Fasersorten (Arterien, Nerven, Muskeln) bestünde und das Verhältnis dieser zueinander gleich den Saiten eines Instrumentes darüber entscheide, ob der Mensch gesund oder krank sei. Der Mensch - nicht der Körper. Das ist im Grunde das Revolutionäre dieser neuen Theorie, die besagt, dass der Tonus der Fasern Empfindungen hervorrufe, Leidenschaften wecke und somit eine Verbindung von Köper und Seele sieht. Dies bedeutet eine Abwendung vom somatischen Blickwinkel auf den psychologischen und entspricht dem der Iatromusik diametral entgegengesetzten Prinzip des Animismus, wie ihn Georg Ernst Stahl definiert. Hier steht die Seele (anima) im Vordergrund, der Einfluss der Affekte auf den Körper spiegelt sich in der Beziehung Körper-Seele wider. Im Gegensatz zu den Iatromusikern, welche durch Musik ausgelöste Veränderungen im Körper auf rein mechanischer Basis sahen, kommt es bei Nicolai zur Ansicht, Musik riefe Leidenschaften hervor, greife die Seele an, infolge dessen der Körper reagiere. Und auf dieser Basis kommt er zu einem Schluss, der in der Theorie der Empfindsamkeit sein Gegenstück hat:

„Der Einfluss der Affecten in die Gesundheit und Kranckheit eines Menschen ist so gewiss und offenbar, dass er von niemanden in Zweifel gezogen werden kan. Sie werden in angenehme, unangenehme und vermischte eingetheilet, und die Erfahrung lehret, dass die Bewegungen im Körper, welche mit denselben verknüpft sind, entweder die zum Leben und Gesundheit nöthigen Verrichtungen verhindern, oder dieselbe befördern. Die erstern sind dem Körper schädlich, die andern aber nützlich und heilsam. Die Leidenschaften, welche die erstern Bewegungen, nemlich die, so die Gesundheit befördern, verursachen, sind die angenehmen, wenn sie nicht allzuheftig sind, als das Vergnügen, eine mässige Freude, Zufriedenheit, Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Die andern Gemüthsbewegungen aber, welche schädliche Bewegungen im Körper hervorbringen, sind die unangenehmen, vornemlich, wenn sie starck sind, als Traurigkeit, Zorn, Schrecken u.s.w." (84)

Und bezogen auf die Musik stellt Nicolai unter Berufung auf Gottscheds Kritische Dichtkunst fest, „dass die Leidenschaften verschiedene Tone haben, dadurch sie sich an den Tag legen. Da nun einige Tone diese oder jene Gemüthsbewegung ausdrucken so werden auch einige Tone geschickter seyn, eine gewisse Leidenschaft zu erregen, als andere. Die Herrn Componisten werden dieses am besten wissen, was vor Tone und wie man sie vermischen müsse, wenn sie eine Leidenschaft hervorbringen sollen. Ich kann mich in diese Betrachtung nicht einlassen, weil ich die Kunst zu componiren nicht verstehe. Mir ist genug, dass ich weiss, dass dieses so seyn müsse. Die Erfahrung kan auch dieses alles rechtfertigen. Die weichen Töne klingen sittsam und traurig, die harten munter scharf und lustig. Jene können leichter die Traurigkeit, Demuth, Liebe und Zärtlichkeit erregen, diese aber sind mehr geschickt die Freüde auszudrucken. Die kleine Tertie macht traurig, die grosse aber frölich. Eine Musikleiter ist an sich schon geschickter vielmehr diese als eine andere Leidenschaft zu erregen." (85)

Das liest sich ja genauso, wie mehr als dreissig Jahre später Johann Philipp Kirnberger, ehemaliger Schüler Johann Sebastian Bachs, in seinem Lehrbuch Die Kunst des reinen Satzes (1776) schreibt: „Die kleine Terz traurig, wehmüthig; die grosse vergnügt." (86) Und hinsichtlich der Tonarten sei auf das Kapitel Ton- und Spielarten der Empfindsamkeit verwiesen.

Im 20. Kapitel setzt sich Nicolai mit der Frage auseinander Ob die Musik die Gesundheit befördern und Kranckheiten verursachen kan. (87) Er setzt gleich zu Beginn voraus, dass diese Überlegung „vielen sehr lächerlich und ungereimt vorkommen wird. […] es ist einmahl für allemahl eingeführt, dass man den Patienten Tropfen und Pillen giebt, und jetzt will man auch so gar darinnen eine Änderung machen, und den Krancken statt der Pillen und Tropfen ein gewisses musicalisches Stück vorspielen lassen. In Wahrheit, das sollte recht artig ausehen, wenn ein Medicus vordem Bette des Patientens musiciren müsste". Dieses Bild greift (bewusst?) Wilhelm Ludwig Gleim in jener Anekdote auf, in welcher er selbst den infolge eines Duells verwundeten Ewald Christian von Kleist durch den Vortrag eines eben erdichteten Liedes so zum Lachen gebracht haben soll, dass diesem die Pulsader aufsprang und seinen verwundeten Arm vor dem „kalten Brande" bewahrte. „Der Wundarzt rühmte scherzend die Wirkung der Poesie" (88)

Da aber, so Nicolai, nun einmal bewiesen sei, dass Leidenschaften auf den Menschen Einfluss haben, könne man diese Dank der Musik erregen und so einen psychisch kranken Menschen heilen, etwa einen der tiefen Melancholie Verfallenen durch das Anhören freudiger Musik. Auch in Leopold Mozarts Versuch einer gründlichen Violinschule findet sich 1756 die Ansicht, das Temperament eines Schülers könne durch richtige Musikwahl korrigiert werden:

„Manchesmal verstehet zwar der Lehrling die Eintheilung; es ist aber mit der Gleichheit des Tactes nicht richtig. Man sehe hierbey auf das Temperament des Schülers; sonst wird er auf seine Lebenstage verdorben. Ein fröhlicher, lustiger, hitziger Mensch wird allezeit mehr eilen; ein trauriger, fauler, und kaltsinniger hingegen wird immer zögern. Lässt man einen Menschen der viel Feuer und Geist hat gleich geschwinde Stücke abspielen, bevor er die Langsamen genau nach dem Tacte vorzutragen weis; so wird ihm das Eilen lebenslänglich anhangen. Legt man hingegen einem frostigen und schwermüthigen Maulhänger nichts als langsame Stücke vor; so wird er allezeit ein Spieler ohne Geist, ein schläfriger und betrübter Spieler bleiben. Man kann demnach solchen Fehlern, die von dem Temperamente herrühren, durch eine vernünftige Unterweisung entgegen stehen. Den Hitzigen kann man mit langsamen Stücken zurück halten und seinen Geist nach und nach dadurch mässigen: den langsamen und schläfrigen Spieler aber, kann man mit fröhlichen Stücken ermuntern, und endlich mit der Zeit aus einem Halbtoden einen Lebendigen machen." (89)

Natürlich findet sich bei Nicolai kein Rezeptbuch, welche Krankheit wie geheilt werden soll, mit Ausnahme der Behandlung des Tarantel-Bisses, der, wie in vielen Schriften behandelt, durch langes Tanzen geheilt wurde, sowie der Melancholie. Nicolai geht es darum nachzuweisen, dass die Tonuslehre und deren Spezifikum, der Animismus, in direktem Zusammenhang mit der Musik gesehen werden müssen und sich so neue Wege öffnen.

Leseprobe

Braun. Alles richtig, Dokterchen: jeder Mensch ist eine Welt für sich: eine Reihe von Vorstellungen, die von seinen Empfindungen so oder so, schwarz oder hell, schön oder hässlich gefärbt wird.

Webson: Wie sehr zwingt mich meine kleine Erfahrung, Ihnen Recht zu geben! Einen Gegenstand, einen Gedanken, den in dieser Minute Traurigkeit begleitete, dachte ich in einigen darauf mit Gleichgültigkeit oder gar mit Vergnügen -

Braun. Wenn das Wasser aus dem Kopfe herausgeweint, herausgeniest war, oder sich sonst abgeleitet hatte -

Irwing: Mit einem Worte, wenn der Reiz aufhörte, der das Gleichgewicht der Lebensgeister unterbrach. Schärfe und Säure in den Säften giebt auch den Gesinnungen Schärfe, Bitterkeit, Säure. Vor unsern Augen mag die schönste Welt stehen, die schönste Musik unsere Ohren rühren, das vortreflichste Buch unsere Einbildung beschäftigen: wenn unsere flüssigen Theile nicht eben die gehörige Mischung und den Fluss haben, den Jeder nach seiner besondern Beschaffenheit braucht, um eine angenehme Empfindung zu haben, so kommt ihm die schönste Welt wie ein Grab oder wie ein langweiliges Ding, die schönste Musik geschmacklos, und das vortreflichste Buch ekelhaft vor." (90)

Johann Carl Wezel, Wilhelmine Arend, oder die Gefahren der Empfindsamkeit, Erster Band, Leipzig 1782

Zurück zum Text  79. zitiert nach: Mozart, Dokumente, S. 145. Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin.

Zurück zum Text  80. Johann Mattheson: Der vollkommene Capellmeister, Hamburg 1739, S. 16

Zurück zum Text  81. Ernst Anton Nicolai: Die Verbindung der Musik mit der Artzneygelahrtheit, Halle 1745, Faksimile Leipzig 1990, Vorrede

Zurück zum Text  82. ibid, S. 20f.

Zurück zum Text  83. ibid, S. 52f.

Zurück zum Text  84. ibid, S. 37f.

Zurück zum Text  85. ibid, S. 31f.

Zurück zum Text  86. Johann Philipp Kirnberger: Die Kunst des reinen Satzes, Berlin und Königsberg 1776-1779, Faksimile Hildesheim 1968, S. 103

Zurück zum Text  87. Nicolai, S. 34f.

Zurück zum Text  88. zitiert nach: Ewald Christian von Kleist: Ihn foltert Schwermut, weil er lebt, Berlin 1982, S. 303

Zurück zum Text  89. Leopld Mozart: Violinschule, §10, S. 32

Zurück zum Text  90. zitiert nach Sauder, Band III, S. 304

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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