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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


5.1 Fantasie!

Und die Musik steht dem keinesfalls nach. Weg mit dem Taktstrich! scheint das neue Motto als Entsprechung zur Literatur zu lauten. Als Beispiel sei nur das letzte Stück am Ende des zweiten Teils von Carl Phlipp Emanuel Bachs Klavierschule erwähnt!

Dass hier an ein Beispiel aus der Werkstatt C.Ph.E. Bachs gedacht wird, ist nicht ohne Grund, denn wenngleich sicher nicht Erfinder der Fantasie, so hat er diese doch als erster in Form eines Druckes verbreitet. Das letzte der Achtzehn Probe-Stücke in sechs Sonaten, die er seinem Versuch anhängte, ist eine Fantasie c-moll die er erst später als „freye Fantasie" benannte. Mit der Verbreitung einer gedruckten Fantasie ging Bach neue Wege, schloss doch allein der Begriff des Fantasierens jedwegliche Dokumentation aus, war spontanes Ichbewusstsein der von Mattheson in seinem Das Neu-Eröffnete Orchestre mit „stylus phantasticus" bezeichneten Ausdrucksmöglichkeit des Künstlers, welcher die Möglichkeit des Nachahmens und somit des Gedankenraubs fremder Ideen von sich selbst ausschloss. Bach übergibt dem Spieler seine Idee, einerseits um den Ausdruck an einem klaren Beispiel zu erläutern, andererseits um Anweisung, Inspiration und Mut für den eigenen Versuch zu sein. Bachs Vater Johann Sebastian hatte ja mit seiner Chromatischen Fantasie bewiesen, dass ein fantasierender Gedanke auch schriftlich festgehalten werden kann, der Weg zum allgemein zugänglichen Druck ist jedoch etwas neues, in gewisser Weise Apell zur Freiheit - ob das Friedrich II. auch so verstand?

Man geht jedoch fehl, wenn man dies für eine deutsche Neuerung halten würde. Schon die französiche barocke Cembalomusik kannte solche Kompositionen, so etwa von Louis Couperin (1626-1661) in der mit non mesuré bezeichneten Notationsweise.

Beim Blick auf die oben aufgezeichte Fantasie Bachs darf man keinesfalls vergessen, dass es sich bei dem Weglassen des Taktstriches um eine formale Angelegenheit handelt. Auch muss ich betonen, dass dies eine, wenngleich wichtige, so jedoch nur optische Angelegenheit ist. Zwar schreibt Carl Philipp Emanuel Bach

„Das Fantasieren ohne Tackt scheint überhaupt zu Ausdrückung der Affekten besonders geschickt zu seyn, weil jede Tackt-Art eine Art von Zwang mit sich führet."

doch würde man fehl gehen zu glauben, nur diese optische Richtlinie sei Freibrief für eine freie Spielweise, wie ich weiter unten im Kapitel Empfindsame Spiel- und Tonarten nachweisen werde. Lesen wir, was Mattheson noch 1737 über die Fantasie schreibt:

„Fantasies, oder Fantasie, deren Arten sind: die Bouraden, Capricci, Toccate, Preludes, Ritornelli etc. Ob nun gleich diese alle das Ansehen haben wollen, als spielte man sie aus dem Stege-Reiffe daher, so werden sie doch mehrentheils ordentlich zu Papier gebracht; halten aber so wenig Schrancken und Ordnung, dass man sie schwerlich mit einem andern Nahmen, als gute Einfälle, belegen kann. Daher ihr Abzeichen die Einbildung ist." (105)

Dabei ist sich Mattheson nicht sicher, ob die Fantasie „eine gewisse Gattung, ich weiss nicht, ob ich sagen soll, der Melodien, oder der musicalischen Grillen" (106) ist. In den Augen C. Ph. E. Bachs bezeichnet man die Fantasie 1762, also ein Viertel Jahrhundert später, als „frey, wenn sie keine abgemessene Tacteintheilung enthält, und in mehrere Tonarten ausweichet" (107).

Auch Kleist liess den ihn einengenden Reim weg, da er ihn als einzwängend empfand. Insofern ist dies ein formales Ausbrechen, die wirkliche Neuerung ist jedoch der sich nun frei ergiessen könnende Inhalt.

Reflexion VII.

Sobald ich Kompositionen ohne Taktstrich sehe stellt sich mir die Frage - und dies wäre Thema einer eigenen Untersuchung - wann sich eigentlich in Deutschland das Wort „taktlos" etabliert und wann es eine negative Konotation bekommt im Sinne von einem Verstoss gegen den guten TON, den auch jemand angibt. Ist das ein Aufbegehren gegen das Sich-zu-frei-zeigen? Hierzu kenne ich nur ein Zitat:

„Wenn in französischen Schriften das Wort Tact vorkömmt, so wird dadurch nicht der musikalische Tact, […] sondern dasjenige verstanden, was wir durch musikalisches Gefühl, Empfindung u.s.w. sagen."

Friedrich Wilhelm Marpurg: Anleitung zur Musik überhaupt, und zur Singkunst besonders, Berlin 1763, S. 68

Zurück zum Text  105. Johann Mattheson: Kern melodischer Wissenschafft, Hamburg 1737, Faksimile Hildesheim 1990, S. 122f.

Zurück zum Text  106. ibid. Die gleiche Definition findet sich zwei Jahre später in Matthesons Der Vollkommene Capellmeister

Zurück zum Text  107. Carl Philipp Emanuel Bach: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, 2. Bd, Berlin 1762, Faksimile Wiesbaden 1986, S. 325

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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