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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


5.2 Rezitativ

Wie bei Darstellung der chronologischen Entwicklung der Wortverwendung „Empfindung" gezeigt wurde, spielte das Recitativ bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle, wo es ja zu einer detaillierten Auflistung der reinen und vermischten Empfindungen gekommen war. Dass man diese Auflistung gerade in einer Abhandlung vom Rezitativ unterbrachte, beweist die Bedeutung dessen für die Musik der Empfindsamkeit. Man denke nur an Grauns Gethsemane-Rezitativ in dessen Tod Jesu. Später, bei Untersuchung des Melodramas, wird noch von Mozarts Plänen einer Vermischung von Rezitativ und gesprochenem Text die Rede sein. Denn das Rezitativ bot - mit Ausnahme Frankreichs - von jeher grosse Freiheit in Rhythmik und Ausdruck. Der rezitativische Stil wird aus diesem Grunde in jeder ästhetischen Phase der Musikentwicklung bis weit ins 19. Jahrhundert diskuttiert, modernisiert aber nie als altmodisch empfunden. Mit Aufkommen der Instrumentalmusik nimmt sich auch diese dem Rezitativ an, da fällt mir die Assoziation Lieder ohne Worte ein. Denn durch die Übertragung rezitativischer Figuren in eine Instrumentalstimme wird die Bedeutung der Musik über den Text gestellt, man versteht, was gar nicht in Worten klingt. Zudem bietet das Rezitativ etwas, das in der melodischen Kunst als verpönt gilt, oder, wenn eingesetzt, seine besondere Bedeutung hat: die Tonwiederholung. Denn beim Sprechen verändert sich die Intonation weit weniger, als beim Singen. Betrachtet man Werke der Empfindsamkeit, fallen häufige Tonwiederholungen ins Auge, das Sein-Innerstes-Ausdrücken kann ja auf einem Tone weit besser erfolgen, als auf einer Folge von verschieden hohen Tönen, deren Harmonie vom Inhalt ablenkt. Als ein bemerkenswertes Beispielen sei der Dialog zwischen Flöte und Cembalo in Johann Christoph Friedrich Bachs Sonate D-Dur erwähnt, die 1777 in Riga, jener Stadt, wo Johann Gottfried Müthel als empfindsamer Komponist lebte, im Druck erschien.

Die Aktualität des Rezitatives beweisen auch die sich mit diesem beschäftigenden Abhandlungen, eingangs erwähnte Studie in den Kritischen Briefen ist nur eines von vielen Beispielen, wie ein Blick auf Jií Bendas kritische Überlegungen Über das einfache Rezitativ, veröffentlicht im Band I (1783) des Magazins der Musik (108) Carl Friedrich Cramers beweist. In seinem Beitrag kritisiert Benda das Rezitativ als langweilig, unnatürlich und unverständlich. Besser sei es, diese Worte zu sprechen, Überlegungen, die eben seine melodramatische Arbeit begründen. „die Music verliehrt selbst,wo man ihr alles aufopfert. [...] Die Seele, wenn es auf die Sprache ankommt, hat ihre eignen Töne, die sich durch musicalische nicht abmessen lassen". Somit verwirft Benda das recitativo secco, allein das recitativo d´accompagnato mit Orchesterbegleitung kennt er an, wohl da es die Ideale der Parakataloge realisiert.

Ein weiteres Beispiel ist Über das Harmonische Silbenmass Dichtern melodischer Verse gewidmet von Joseph Riepel (109), in welchem er dem Rezitativ mit 66 Seiten ebensoviel Raum gönnt, wie den danach besprochenen Arien.

Das Rezitativ wurde wie die Fantasie und andere freie Formen zu einem Symbol der Freiheit, hier fühlten sich Komponist wie Interpret weniger gebunden. Die Freiheit ist ja ein wichtiges Symbol der Empfindsamkeit - man denke allgemein nur an die Anglomanie oder konkret an das „Viva la libertá"-Zitat in der 20. Szene von Mozarts Don Giovanni, die bis heute vielen Deutungsversuchen die Stirn bietet. Ich denke, auch hier kann die Empfindsamkeits-forschung eine ganz andere Erklärungsmöglichkeit bieten. Freiheit bedeutet nicht nur Freiheit im Kopf, sondern auch Freiheit auf dem Kopf, das Ende der Perückentürme, die immer kleiner werden, bis man sich auf seine eigenen Haare besinnt. Und das Korsett verliert auch zunehmend an einengender Bedeutung!

Der Begriff der freien Form wird nach 1800 zu einem Begriff des Romantischen. Wie oft stösst man heute auf Kritik (110) an Antonín Rejchas in seiner L´art du compositeur dramatique (Paris 1833) beschriebenen Definition von romantischer Musik, die er in Fantasien, Capriccien, Improvisationen und Rezitativen verwirklicht sieht. Romantisch steht hier nicht, um unserem heutigen Musikverständnis zu entsprechenden, diesem Anspruch kann keine Quelle genügen, das Wort romantisch entwickelt sich aus dem wohl von Hiller 1767 erstmals verwendeten Wort „romanisch", was im Sinne von romanhaft gedacht war, und bis zur Jahrhundertwende mutiert dieses Wort - wohl aus Angst vor Verwechslung mit dem romanischen Stil - zum „romantisch", etwa wenn 1800 Wilhelm Gottlieb Becker in seinem Seifersdorfer Thal (111) vom „Landschaftsmaler romantischer Gattung" spricht, dies also noch lange vor der heute definierten Epoche der Romantik. Romanhaft war alles was empfindsam, frei, ungebunden, melancholisch war, also ganz im eigentlichen Sinne der „romantischen Definition" Rejchas. So nimmt es auch kein Wunder, dass Themen, die uns heute romantisch dünken, in der Zeit der Empfindsamkeit ausgeprägt waren, wie etwa die 1779 von Johann Georg Jacobi verfasste Winterreise, um nur ein typisches Beispiel zu nennen.

Zurück zum Text  108. S.750-755

Zurück zum Text  109. Faksimile: Wien 1996

Zurück zum Text  110. z.B. Zdeka Pilková, Theoretische Ansichten Antonín Rejchas über die Oper, in: Colloquium musicologicum, Brno 1984, S. 159-168

Zurück zum Text  111. Wilhelm Gottlieb Becker: Das Seifersdorfer Thal, Leipzig 1800, Auszüge in: Sauder I, S. 117

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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