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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


5.9 Lieder

„Je mehr der Künstler die besondern Verhältnisse seiner Zeit und seines Orts vor Augen hat, je gewisser wird er die Sayten treffen, die er berühren will. Am allerwenigsten sollten sich die Künstler einfallen lassen, Gegenstände, die blos auf einen fremden Horizont abgepaßt sind, auf dem unsrigen aufzustellen. [...] Der Künstler trifft am gewissesten den Weg zum Herzen, der einheimische Gegenstände schildert, und der das Allgemeine der Empfindung durch Localumstände fühlbarer und reizender macht." (165)

Hier definiert Sulzer im Grunde alle Züge des Volksliedes, das im 18. Jahrhundert zum Kunstwerk stilisiert wird. Gerade bei Betrachtung des Liedes, die hier nur auf das Thema meiner Untersuchungen beschränkt sein muss, fällt eine Divergenz zwischen süddeutschen und norddeutschen Empfindungsmodellen auf. Während das norddeutsche Lied aus dem noch recht choralverbundenen Kirchenlied hervorgeht und dank der Oden und Melodien der Berliner Liederschule gewisse Glättungen und Vereinfachungen erhält, um zum Kunstlied zu formieren, orientiert sich das süddeutsche Lied am Volkslied, wie überhaupt die Orientierung an volksmusikalischen Elementen immer eine Vorliebe des Südens war. Als Grenze Nod-Süd muss die Mainlinie gesehen werden, was dmals auch so empfunden wurde (siehe Kapitel Nordismo). Volkslied war aber ursprünglich nicht kontemplative Idylle, sondern kommt in vielem den Protestsongs der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nahe. Es war ein Aufbegehren, wenngleich meist nur musikalischer Art, gegen Zwänge der Feudalherrschaft (Militäreinzug, Existenznot, Schulpflicht, u.a.). „So wirst du oft in einem ächten Volksliede, das Jahrhunderte überlebte, mehr wahren Kunstsinn finden, als in mancher grossen Oper" schrieb Reichardt 1782 auf Seite 2 des ersten Bandes seines Musikalischen Kunstmagazins. Tiefster Ausdruck vaterländischer Empfindung bot dann das vaterländische Lied, das Lied im Volkston. Mit Liedüberlieferung war zumeist die Textdokumentation gemeint, um welche sich Johann Gottlieb Herder sehr verdient gemacht hat. 1774 erschien seine Sammlung Alte Volkslieder, 1778/79 das umfangreiche Kompendium Volkslieder. Somit war es jedem Musiker möglich, auf Textvorlagen zurückzugreifen.

Hinter Herders Liedsammlungen verbirgt sich der Glaube, dass nur durch tradierte Kunst ein Volk erzogen werden könne, natürlich besonders zur Vaterlandsliebe. Und dieses patriotische Gefühl konnte in Herders Augen durch die hohe Kunst nicht gefördert werden, denn diese mache „Romanzen, Oden, Heldengedichte, Kirchen-und Küchenlieder, wie sie niemand versteht, niemand will, niemand fühlt." (166) Und mit der Vorgabe eines die Empfindung ermöglichenden, deutschen Textes war es ein weiterer Schritt zu einer deutschen Musik. „jetzt, da wir das Glück geniessen, dass deutsche Höfe schon anfangen, deutsch zu buchstabieren und ein paar deutsche Namen zu nennen - Himmel, was sind wir nun für Leute!" (167) schreibt Herder sarkastisch 1777.

Keinesfalls war das Lied, wie heute oft dargestellt, nur für den privaten Gebrauch bestimmt. Bei Liedern, wie dem Nationallied Gott erhalte Franz den Kaiser (1797) mag das einleuchten, wie eine Zeitungsnotiz aus Prag bestätigt, die das Konzertprogramm im Nationaltheater referiert:

„[...] Dann folgte ein Konzert auf der Posaune vom Herrn P. Stolle, und endlich ein Volkslied, betittelt: Gott erhalte den Kaiser, welches die Universität Wien erhalten hat. Allgemein war die Teilnahme an dieser Festlichkeit, allgemein die Rührung u. der lebhafteste Beifall." (168)

Offenbar war es in Prag (und nur dort?) üblich, mit Hilfe eines Volksliedes am Abschluss eines Konzertes das Publikum in den Prozess der Musikproduktion einzubeziehen, wie eine weitere Pressenotiz beweist:

„Herr Maschek und Herr Brauptner der ältere mussten hervortreten, um den allgemeinen Beifall zu benehmen, [...] Zum Schlusse ward wieder das beliebte Volkslied von allen Anwesenden abgesungen." (169)

Reflexion XI.

Somit war dem Publikum die Möglichkeit gegeben, sich an den Empfindungen der Musik aktiv zu beteiligen, zu einem Gesamtempfinden beizutragen, welches die Einheit der Anwesenden stärkte. In unserer heutigen Zeit, wo nicht einmal Fussballspieler trotz ständigen Wiederholens eine Zeile ihrer Nationalhymne mitzusingen wissen, von derer intonatorischen Leistung ganz zu schweigen, mögen solche Zeitungsnotizen nicht verstanden werden. Das gemeinsame Singen zum Abschluss des Konzertes war wohl auch nur aufgrund einer gewissen musikalischen Bildung des Publikums möglich, welches solche Veranstaltungen der Musik wegen besuchte. Besondere Bedeutung kommen solchen Schritten sicher bei Stärkung des Nationalbewusstseins zu, was ein Feld weiterer Forschungen wäre.

All dies führt zur Simplifizierung der Musik, was eine neue Musiksprache selbst in den Opern zur Folge hat, die dann ab Jahrhundertmitte mit der auf einmal so polulären Operette konkurrieren musste.

Zurück zum Text  165. Sulzer, Sp. 57ff.

Zurück zum Text  166. J.G. Herder: Von Ähnlichkeit der mittleren englischen und deutschen Dichtkunst, in: Deutsches Museum 1777, zitiert nach: J.G. Herder, Stimmen der Völker in Liedern, Neuausgabe Leipzig 1945, S. 9

Zurück zum Text  167. ibid, S. 8

Zurück zum Text  168. K.k. Prager Oberpostamtszeitung, 14.2.1797, zitiert nach: Musicalia v praském periodickém tisku 18. století, Prag 1989

Zurück zum Text  169. Prager Neue Zeitung, 2.12.1796

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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