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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


5.10 Kirchenmusik

Wenngleich man all den Quellen nach den Eindruck haben könnte, die einzige Neuerung in der Kirchenmusik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sei der Durchbruch des dramatischen Stils, zeigt sich mit Blick auf Berlin noch eine Neuerung in Form der als Cantate bezeichneten Passionsmusik Der Tod Jesu Carl Heinrich Grauns,

„der Mann, der sich mit nichts als mit unserm Herzen unterhielte, zärtich, sanft, mitleidend, erhaben, prächtig, donnernd; der Tränen, Freude und Verwundrung aus uns presste, ein Künstler , dr die Kunst nur dazu gebrauchte, um die Natur, die reizende Natur, desto glücklicher, desto ausdrückender nachzubilden, [...] empfindungsvoll, gedankenreich, ein Muster in der heiligen Musik [...] der rechtschaffendste Weltbürger, der Patriot",

wie ihn in einem Nachruf F.U. Zachariä mit allen Attributen der Empfindsamkeit betitelt. (170) Grauns Tod Jesu, nach einem Libretto Ramlers 1755 entstanden, brach die Konventionen der herkömmlichen Passionsmusik, welche die ganze Leidensgeschichte bislang unermüdlich erzählt hatte. Graun bietet nur Auszüge aus dieser an, setzt somit die aktive Kenntnis beim Hörer voraus und beschränkt sich auf die Darstellung der Empfindung des Mitleidens, die in den Rezitativen und Arien ausgedrückt werden. Hier gibt es auch keine Rollen (Evangelist, Petrus, usw.), lediglich je ein anonymer Sopran, Tenor und Bass bieten dem Publikum bei Beschreibung dessen, was der Erlöser zu erdulden hat, eine Identifikationsebene des Mitleidens an - Man erinnere sich an Abbts/Mendelssohns/Nicolais Vergleich des die Operation seines Freundes Mitfühlenden.

Schon der nach dem Eingangschoral den Zustand des Heilands beschreibende Choral „Sein Odem ist schwach" verbindet Seufzermotivik mit barocker Fugenkunst („Seine Tage sind abgekürzet"), wobei die die Abkürzung ausdeutende Sospiren (so nannte man damals kleine Pausen) mit den ihnen entgegenstehenden Orchsterakkorden vieles der Wiener Klassik vorwegnehmen. Ebenso von der barocken Figurenlehre beinflusst zeigt sich die Ausdeutung des Jammers mit Chromatik und Kreuzmotiv.

Nach diesem, sich sehr der Sprechweise des Barock anlehnenden Chor schockt Graun durch ein Rezitativ, das in der Musikliteratur lange von sich reden machen sollte. Es ist das „Gethsemane, Gethsemane" von welchem auch im 100. Kritischen Brief über die Tonkunst die Rede ist, wobei sich auch der CXIII. Brief vom 2. Oktober 1762 mit verschiedenen Rezitativabschnitten dieses Werkes beschäftigt. Hier verbindet Graun kontemplative Abschnitte („Wer ist der peinlich langsam sterbende? Ist das mein Jesu? Bester aller Menschenkinder, du zagst, du zitterst gleich dem Sünder") mit theatralisch impulsiver Gestik („Sein Herz in Arbeit fliegt aus seiner Höhle"), wobei Graun hier gänzlich auf figurale Ausdeutung verzichtet und damit der barocken Musiksprache den Rücken kehrt, Wörter wie „fliegt" werden nicht durch Tiraten und dergleichen Figuren gezeichnet, das Orchester kommentiert nur harmonisch, ist Ausdrucksebene der Empfindungen, ein 1755 sehr modern anmutender Schritt, der erst zwanzig Jahre später im Melodram Bendas zuende geführt werden soll. Die erste Hälfte des Rezitatives dominieren Fragezeichen, die Graun mit vergrösserten Sextakkorden verbunden mit phrygischen Kadenzierungen zeichnet. Die das erste Sechzehntel auslassende Vibratobegleitung kannte Graun von der Oper her, als deren grösster Vertreter er neben Hasse gefeiert wurde.

Dem entgegengesetzt finden sich zwei Arientypen, die virtuose Opernarie (z.B. „Du Held!") und die liedförmige Arie (z.B. „Ein Gebet um neue Stärke"). Gerade diese dem Operntyp sich anlehnende Arien wurden von einigen Zeitgenossen Grauns kritisiert (171), ohne sie wäre aber einerseits der Spannungswechsel zwischen expressiver und introvertierter Ausdruckskunst verloren gegangen, was zu einer Einseitigkeit in einer so grossen und langen Komposition geführt hätte. Johann Christoph Friedrich Bach konnte sich das in seinen als „biblisches Gemählde" bezeichneten Kurzwerken Die Kindheit Jesu oder Die Auferweckung Lazarus erlauben. Andererseits sieht Schubart gerade in der Verwendung weltlicher (der Oper entliehener) Elemente die einzige Identifikationsmöglichkeit für den Menschen:

„Allein Graun that diess aus tiefen Gründen: der Engel nimmt Pilgergestalt an, um mit Staubbewohnern reden zu können." (172)

Grauns Passion, 1760 in Leipzig als Partitur gedruckt und auch 1785 in einem Klavierauszug erschienen, war d i e Passionsmusik Berlins schlechthin und wurde bis zur Etablierung der Mattäuspassion J.S. Bachs durch Felix Mendessohn-Bartholdy alljährlich aufgeführt, war somit eines der ersten Musikdenkmäler. Die Neuerungen, die Graun hier einführt, wurden vom Publikum und der Kritik positiv aufgenommen und fanden in C.Ph.E. Bachs Kirchenkompositionen, vor allem in Die Israeliten in der Wüste Wq 238 (Hamburg 1775) ihre Nachfolge.

Zurück zum Text  170. zitiert bei Burney 1773, Ausgabe 1980, S. 433f.

Zurück zum Text  171. z.B. Sulzer im Artikel „Oratorium"

Zurück zum Text  172. Schubart: Ideen, S. 81

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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