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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


6.1 Schubart

Liest man Schubarts Autobiographie Leben und Gesinnungen fühlt man sich sehr an Friedrich von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts erinnert. Schubert, der an verschiedenen süddeutschen Höfen Stellung suchende und aufgrund seiner scharfen Zunge immer wieder eingesperrte, hinausgeworfene, letztendlich grundlos zehn Jahre (1777-87) auf dem Hohenasperg in Haft sitzende Musiker und Literat, der sich nie beugen liess und es als Einzelerscheinung im Süden Deuschlands viel schwerer hatte als ähnliche Freigeister im Norden. (Man denke nur an August Friedrich Cranz, den Berliner Autor der Chalatanerien.) Wie im abschliessenden Kapitel Nordismo aufgezeigt wird, traf eine intensiv emfindsame Lebensauffassung im Süden nicht auf ein solches Verständnis, wie dies im Norden der Fall war, was sich letztendlich in stilistischen Diskrepanzen ausdrückt.

Schuld daran war sowohl die katholische Macht wie auch die Feudalherrschaft des Württembergischen Herzogs Carl Eugen, die ein grasses Gegenstück zum Berliner Hof darstellt. Dazu kam, dass verschiedene, unter kirchlicher Regierung stehende Kleinstaaten, wie etwa die Klosterherrschaft Wiblingen, eine eigene, vom Herzog allerdings tolerierte Rechtssprechung hatten, die man getrost als mitteralterlich bezeichnen kann und wo es 1776 noch möglich war, dass ein junger Student namens Joseph Nickel die Unvorsichtigkeit beging „einige Voltairische Maximen, die er vielleicht in Tübingen gehört haben mochte, in einem katholischen Wirthshause herauszuplaudern. Er ward [...] als ein Lästerer Gottes und der Heiligen enthauptet, verbrannt und seine Asche auf die Iller gestreuet." (173). Schubart hat im „finstersten Winkel des katholischen Schwabens" (174) sehr gelitten, kam aber aus den südlichen Gefilden nicht weg. Ohnehin stellt sich die Frage, wo Schubart mit seiner Auffassung uneingeschränkt hätte leben können. Der Druck seiner Umgebung verhalf immerhin, dass er seine Freiheits- und zugleich Vaterlandsliebe in der Zeitschrift Deutsche Chronik destillierte, was ihm auch eine Reihe von Problemen wie Änderungen des Erscheinungsortes eintrug. In Schubarts Briefen wie der „am 819ten Tage meiner Gefangenschaft den 21ten April 1779" (175) endenden Autobiographie wird immer deutlich, welch grosse Oase ihm die Musik war, der er sich 1763-68 als Präzeptor, Musiklehrer und Organist in Geislingen und danach 1769-73 als Musikdirektor in Ludwigsburg gänzlich widmen konnte und die ihm später, vor allem Dank seines Klavierspiels, die Freundschaft und Unterstützung einiger Adligen eintrug. Wie stark muss sein Drang gewesen sein, all das ihn Bedrückende in der Musik hinter sich zu lassen.

Musikalisches Ideal war ihm C.Ph.E. Bach, wie in seinen Briefen zum Ausdruck kommt. „Bach ist mir in der Musik, was mir Klopstock in der Poesie ist." schreibt er am 3. Juli 1783 seinem Sohn Ludwig. (176) Auch schätzte er Bachs Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen und empfiehlt sie seinen Schülern. „Bach ist im Klavier klassisch. Er kostet 12 fl. und ist in Tübingen zu haben." (177) heisst es am 7. Dezember 1771 und noch 1783 lässt er seinem Schüler Abeille, den er offenbar in seiner Haft unterrichtete, ausrichten: „Sag ihm, er soll ja Bachs wahre Art, das Klavier zu spielen sich eiligst kaufen und studieren." (178) Obgleich im Süden heimisch, lehnt er den dort gepflegten italienischen Geschmack ab,

„ich studierte den welschen Geschmack, der schon damals statt des ehemaligen altwelschen Herz und Geist stärkenden Geschmacks meist in wollüstigen Honigtropfen zerrann, zwar kitzelte, aber nicht stärkte." (179)

und auch in der Kirchenmusik gepflegt wurde:

„man nahm Jomellis Opernarien, presste erbärmlich deutsche Texte drunter und führte sie meist elend auf. [...] Indessen behalf ich mich mit Graun, Telemann, Benda, Bach und anderen Kirchenstilisten [also lauter norddeutsche Meister], und meine Freunde von der Hofmusik halfen mir dazu, dass ich oft eine Kirchenmusik aufführen konnte, wie man sie wohl damals in Deutschland - sonderlich unter den Protestanten schwerlich gehört haben mochte." (180)

Schubart, „der erste wahre grosse Flügelspieler, den ich bisher in Deutschland angetroffen hatte" (181) bildet sich von früh auf im Klavierspiel, welches in Ludwigsburg seinen Höhepunkt erreicht. Er avanciert zu einem gefragten Klavierlehrer und immer wieder wird seine Vorliebe für die Fantasie laut: „Ich gab den ersten Damen des Hofes, auch einigen Italienern, Unterricht im freien und begleitenden Vortrage" (182) erinnert er sich an Ludwigsburg, und auf seiner Reise nach Heidelberg begeistert er in einem Kasteller Landhaus die Baronin von Kastell:

„Als die Baroness vom Flügel aufstand, so setzt´ ich mich und fing an zu phantasieren. Alles lauschte, flüsterte Beifall [...] denn ich hatte damals meine höchste Zeitigung erreicht, spielte äusserst schwer und doch mit Geschmack." (183)

In Ludwigsburg besucht ihn auch Burney, leider ist das Hoforchester in Gravenbeck, und mit dem Vorsatz, dem Engländer echt deutsche Musik zu präsentieren, lässt er diesem

„schwäbische Schleifer und Dreher vorgeigen, Nationalgesänge vorsingen, spielte ihm selbst Choräle und alles vor, wovon ich wusste, dass es mit welschem oder französischem Geschmacke nicht kandiert, sondern echt deutsch war." (184)

Wie kam das bei Burney an?

„Und gegen Abend war er [Schubart] so gefällig, drei oder vier Bauren in seinem Hause zu versammlen, um solche Nationalmusik singen und spielen zu lassen, nach welcher ich ein grosses Verlangen bezeigt hatte." (185)

Burney, der Deutschland im Eilflug durchreiste „nicht, wie ein Musikus gemeiniglich zu reisen pflegt, um Geld zu verdienen, sondern es zu verzehren" (186) und das ohne Deutsch-kenntnisse, hielt es wirklich für Nationalmusik. Die Schwaben können stolz sein.

Schubart ist in Süddeutschland eine Ausnahmeerscheinung und um die Pflege des empfindsamen nordeutschen Stils macht er sich dort in ähnlicher Weise wie Baron van Swieten in Wien verdient. Seine Biographie bietet genaueste Beschreibungen der damaligen süddeutschen Verhältnisse sowie verschiedener Persönlichkeiten. Besonders ist sein Dialog mit Kurfürst Carl Theodor von Mannheim zu nennen, der Schubart angeblich in Dienste nehmen wollte, dann aber doch hiervon absah. Schubart war für die Mannheimer Schule sicher zu empfindsam, zu norddeutsch.

Zudem ist Schubart für die schriftliche Verbreitung des empfindsamen Stils in Wien bedeutend, wo erst 1806 - was deren Bedeutung nur unterstreicht - seine 1784/85 entstandenen Ideeen zu einer Ästhetik der Tonkunst erscheinen. Neben einer Beschreibung der Musik in verschiedenen deutschen Stätten, sowie der einiger ausländischer Länder, sind in den Ideen besonders die Charaktere brühmter Tonkünstler einzigartig, wobei hier einer ganzen Reihe heute vergessener Meister gedacht wird. Schubarts Ideen schliessen mit einer Charakterisierung der Instrumente (vgl. Kapitel: „Instrumente der Empfindsamkeit") sowie allgemeinen Erörterungen über „Colorit", Genie und Ausdruck.

Zurück zum Text  173. Christian Friedrich Daniel Schubart: Leben und Gesinnungen, Stuttgart 1791, Neuausgabe Leipzig s.a., S. 128

Zurück zum Text  174. ibid

Zurück zum Text  175. ibid, S. 171

Zurück zum Text  176. C.F.D. Schubart: Briefe, Leipzig 1984, S. 183

Zurück zum Text  177. ibid, S. 130f.

Zurück zum Text  178. ibid, S. 183

Zurück zum Text  179. Schubart: Gesinnungen, S. 55

Zurück zum Text  180. ibid, S. 55f.

Zurück zum Text  181. Burney: Tagebuch II, S. 232

Zurück zum Text  182. Schubart: Gesinnungen, S. 56

Zurück zum Text  183. ibid, S. 73

Zurück zum Text  184. ibid, S. 57

Zurück zum Text  185. Burney: Tagebuch II, S. 233

Zurück zum Text  186. ibid, S. 232

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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