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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


7.2 Tasten- und "Finger"-Instrumente

Das Tasteninstrument der Empfindsamkeit schlechthin aber war das Clavichord, „dieses einsame, melancholische, unaussprechlich süsse Instrument", welches im Gegensatz zu Fortepiano und Cembalo auch Vibratospiel, das sogenannte Beben, erlaubte. Schubart spricht sogar von dem „unter den Fingern verathmenden Triller" und spricht dem Clavichord die Fähigkeit zu, „alle Züge [...], aus denen das Gefühl zusammengesetzt ist" ausdrücken zu können. Das Clavichord wurde in seiner Bauweise zudem, im Gegensatz zum Fortepiano, als vollkommen betrachtet. Der Musiker im Zwiegespräch mit seinem Clavier, dem er sich und seine Empfindungen ganz anvertrauen konnte. Dies symbolisiert C.Ph.E. Bachs Werkbezeichnung Abschied vom Silbermannschen Clavier.

Die Suche nach dem esoterischen Ton brachte Instrumente hervor, die sich ohne das Phänomen der Empfindsamkeit wohl nie durchgesetzt hätten. So die Glasharmonika, „diess tief rührende melancholische Instrument" (199), wie es Schubart nennt, welche eine technische Verbesserung des Spielens auf Weingläsern darstellt. Gerade bei der Glasharmonika trifft man heute immer wieder auf das Argument, es handle sich um einen Versuch, der eine Einzelerscheinung darstellt. Das mag angesichts der wenigen erhaltenen Instrumente so aussehen, ein Blick auf die Musizierpraxis dieser Zeit lehrt uns ein anderes. Zwar war es den Anhängern der Iatromusik ein Dorn im Auge, dass der Spieler aufgrund des ständigen direkten Nervenreizes der auf den sich drehenden Glasschalen ruhenden Fingern einem ständigen Gesundheitsrisiko ausgesetzt sei, doch an einem Blick auf Prag sei die dortige Vorliebe für dieses Instrument bewiesen, was darin zum Ausdruck kam, dass jede Verbesserung an der Glasharmonika in Prag augenblicklich im periodischen Druck referiert wurde. Einer der Gründe ist sicher die Tatsache, dass gerade in Prag Anton Renner die Antriebsmechanik der Glasharmonika verbesserte, um diese vom Takt unabhängig zu machen und die Geschwindigkeit der sich drehenden Glasglocken beeinflussen zu können, was die dynamischen Möglichkeiten des Instrumentes förderte, „folglich einen anwachsenden, fallenden, oder immer gleich starken Laut hervorgebracht werden konnte" (200), wie die Kaiserl. Königl. Prager Oberpostamts-Zeitung am 19. Mai 1781 berichtet. Dieselbe Quelle berichtet am 7. September 1784, dass Kapellmeister Schmittbauer in Karlsruhe den Umfangs auf mehr als drei Oktaven erweitert habe. Die Prager interessanten Nachrichten berichten am 8. März 1787, dass in Berlin im Oktober des Vorjahres Professor Burja eine Glasharmonika vorgestellt habe, die mit zwei, in beiden Händen zu haltenden Violinbögen gespielt wurde. Und am 5. April 1797 berichtet die gleiche Zeitung von einer Verbesserung der Glasharmonika durch den Wiener Mathematikprofessor Konrad Bartl, welche im Zufügen eine Klaviatur bestand, wodurch, wie der Zeitungsbericht hervorhebt, gerade die Basstöne, die „für eine unbeschreibliche und nie gehörte Schönheit gehalten" (201) wurden, gewannen.. Die Tastatur trage zudem zur vollkommenen Gleichheit aller Töne bei.

Ziel dieser Erfindungen war es auch, das Spieltempo des an und für sich nur zum Adagiospielen geeigneten Instrumentes zu erhöhen.

Ein gefeierter Virtuose auf der Glasharmonika war der Prager Pianist und Komponist Vincenz Maschek, der dieses Instrument auch in das Prager Konzertleben einführte. Vielleicht hatte er all jene Eigenschaften, die Schubart von einem Spieler der Glasharmonika fordert:

„Der gefuhlvolle Spieler ist für dies Instrument ganz geschaffen. Wenn Herzblut von den Spitzen seiner Finger träuft; wenn jede Note seines Vortrags Pulsschlag ist; wenn er Reiben, Schleifen, Kitzeln übertragen kann, dann nähere er sich diese Instrument und spiele." (202)

Der offenbar nicht nur zum Ausdruck der Empfindungen sondern auch zum Mitreissen der Zuhörer geeignete Ton der Glasharmonika wurde schon 7. September 1782 in den Prager interessanten Nachrichten beschrieben:

„Der Ton ist für jeden, der nur das mindeste musikalsiche Gefühl hat, beim schwächsten Piano so durchdringend sanft, und reisst im allmählichen Wachsen bis zum Fortissimo das Gefühl so mit sich fort, dass sich niemand wird erinnern können einen ähnlichen, und so angenehmen Ton jemals gehört zu haben. [...] da hingegen der Ton der Glocke in einer Harmonika unzählige Modifikationen von Crescendo und Decrescendo ausdrückt, und augenblicklich neue Bewegungen in der Seele des aufmerksamen Zuhörers verursacht."

Und Schubart ergänzt:

„der ewig heulende, klagende Gräberton - machen das Instrument zu einer schwarzen Tinte, zu einem grossen Gemählde, wo in jeder Gruppe sich die Wehmut über einen entschlafenen Freund beugt."

Zurück zum Text  199. ibid, S. 224

Zurück zum Text  200. zitiert nach Musicalia v praském periodickém tisku 18. století, Praha 1989, S. 171

Zurück zum Text  201. ibid, S. 181f.

Zurück zum Text  202. Schubart: Idee, S. 290

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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