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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


7.3 Augeninstrumente

Engels Begriff der Malerei in der Musik ist wohl ohne die Farbe-Intervall-Verbindungen, die seit Isaac Newtons 1675 formulierten Siebenteilung der Farben und den hierzu gehörenden Tönen (203) diskuttiert wurde, undenkbar. Auf Newtons Grundlage verbunden mit der bereits 1646 von Kircher festgestellten Farbe-Intervall-Verbindungen (204) schaffte Pre Castel ein Ton-Farbe-System und darauf gründend sein clavecin pour les yeux (1725), das bald als clavecin pour tout les sens (1726) umgetauft sich schliesslich als clavecin oculaire (1726) präsentierte. 1739 berichtet in Deutschland Telemann von dieser Erfindung (205). 1755, im Jahr von Mendelssohns Empfindungen, versucht Polycarp Poncelet eine Geschmackstonleiter zu definieren (206) In Deutschland wurde Castels Idee von Johann Gottlob Krüger weiterentwickelt und ein Clavichord mit Prismavorrichtung geplant, welches die Farbmischungen durch Linsen auf eine Wand werfen sollte (207). Die Tatsache, dass sich mit Castels Überlegungen die grössten Denker (Voltaire, Rousseau, Diderot, Mendelssohn u.a.) auseinandersetzen beweist, welchen aktuellen Ton Castel angeschlagen hatte. Mendelssohn übt in seinen Empfindungen an diesen Versuchen starke Kritik. Die Wahrnehmung der Farben kann nicht mit der des Hörens verglichen werden.

„Die Augen haben, unter allen sinnlichen Gliedmaassen die ältesten und gerechtesten Ansprüche auf unsere Erkenntnis so wohl, als auf unsere Glückseligkeit. Ein Blinder muss weit seligere Güter der Natur entbehren, als ein Taubgebohrener. Die Augen fühlen deutlicher, schärfer, und in einer grössern Entlegenheit, als das Ohr.[...] Man ist aber noch so glücklich nicht gewesen diese Harmonie der Farben auf ihre wahre Stufe zu erheben, und zu der Mutter so vieler Ergötzlichkeiten zu machen, als die Harmonie der Töne. Die Farbenclaviere scheinen mehr zu versprechen als sie in der That leisten. Ich räume ihnen die harmonische Vermischung und Abwechslung der Farben, die Quelle der sinnlichen Schönheit, ein. Auch die sinnliche Wollust, die Verbesserung unserer Leibesbeschaffenheit, kann ihnen schwehrlich streitig gemacht werden. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die nervigten Theile des Auges und ihre harmonische Spannungen auf eben die Art von den Farben, wie die Gefässe des Gehörs, von den Tönen verändert werden. Allein die Quelle der Vollkommenheit, die Nachahmung der menschlichen Handlungen und Leidenschaften? Kann uns eine Farbenmelodie mit diesem Vergnügen seegnen? Die Leidenschaften werden natürlicher weise durch gewisse Töne ausgedrückt, daher können sie durch die Nachahmung der Töne un unser Gedächtnis zurück gebracht werden. Welche Leidenschaft aber hat die mindeste Verwandschaft mit einer Farbe?

Noch mehr; Farben können ohne Grössen nicht vorgestellt werden.Man muss die entweder alle auf eine eintzige Figur spielen lassen, oder es müssen mit den verschiedenen Farben zugleich verschiedene Figuren abwechseln. Hat man aber eine Harmonie der Grössen schon gefunden? Weiss man den verschiedenen Figuren, die die abwechselnden Farben vorstellen, eine Einheit im Mannigfaltigen zu verschaffen? Geschiehet dieses nicht; so muss entweder die Disharmonie,oder das Einerley der Figuren nothwendig die Lust stöhren, mit welcher uns die, wenn ich so reden darf, wohllautende Farben zu erfreuen versprechen.Sollte es aber nicht möglich seyn die Linie der Schönheit, der des Reitzes, die in der Mahlerey tausendfaches Vergnügen gewehrt, mit der Harmonie der Farben zu verbinden?" (208)

Heydenreich schliesslich verwarf in seinem System der Aesthetik alle Versuche. Ihm reichte das Farbenklavier nicht bis an das Zentrum der Empfindungen, das Herz. Auch Koch schreibt in seinem Lexicon:

„Weil die Frabe kein so leidenschaftliches Ausdrucksmittel abgeben kann, wie der Ton, so ist leicht einzusehen, dass durch ein solches Farbenspiel die Absicht des Erfinders nicht erreicht werden konnte; daher man auch diese Erfindung nicht weiter zu benutzen gesucht hat." (209)

Letztendlich beweisen all jene Überlegungen, welche Bedeutung der Musik zur Darstellungen der Empfindungen zukam.

Zurück zum Text  203. Isaac Newton: An Hypotesis Explaining the Properties of Light, 1675

Zurück zum Text  204. Athanasius Kircher: Ars magna lucis et umbrae, Rom 1646

Zurück zum Text  205. Telemann: Beschreibung der Augenorgel, Hamburg 1739

Zurück zum Text  206. Poncelet: Chimie du gout et de l´odorat, Paris 1755

Zurück zum Text  207. Krüger: De novo musices, quo oculi delectantur, in: Miscellanea Berolinensia, Berlin 1743

Zurück zum Text  208. Mendelssohn: Empfindungen, S: 118ff

Zurück zum Text  209. Koch: Lexikon, Sp. 557

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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