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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


7.6 Was ist Melancholie?

Übereinstimmend spricht Schubart bei der Beschreibung empfindsamer Instrumente von süssem Ton, meist in Assoziation mit Melancholie. Da wusste Schubart sehr gut wovon er sprach, schildert er doch in seiner Autobiographie Leben und Gesinnungen mehrere Melancholieanfälle, die stest mit Suizidgedanen verbunden waren. (siehe Kapitel: Literatur und Musik). Diese Wortverbindung der süssen Melancholie ist eine typische, aus den grossen englischen Romanen übernommene Sprachfloskel der Empfindsamen. Melancholie, oder Schwermut, ist in der Literatur oft Ausdruck der Empfindsamkeit. Eine schöne Definition von Schwermut, die zugleich die Theorie des Mitleidens unterstreicht, gibt Carl Theodor Beck in seiner 1784 in München erschienenen Schrift Ernst, Gefühl und Laune:

„Wie unglücklich und bedaurenswürdig ist der Mann, dess Seele trauert, und der keinen Freund um sich hat, dem er sein Herz entblössen, dem er sagen könnte: Sieh! da blutet´s! - Würde ein Freund eine Thräne ihm auf seine Wunde hinweinen - o die Thräne wäre Balsam! - Nun aber der Freund, der die Thräne hinweine, nicht da ist: ach! das Gefäss ist voll heisser, fressender Materie, es kann sich nicht ergiessen, und verzehret sich selbst." (216)

Melancholie wurde nicht als Krankheit aufgefasst, stellvertretend für diese Auffassung sei nur an Diderots Artikel mélancolie in der Enzyklopedie erinnert, in welchem er über Gehirnuntersuchungen von Melancholikern berichtet, wobei sich keine Veränderung zum gesunden Gehrirn gezeigt hatten. Damit war eine pathologische Sichtweise ausgeschlossen. Melancholie konnte jedoch zur Hypochondrie (217) ausarten, was dann eben als Verhärtung der Gegend unter den Rippen, den Hypochondern oder, der Humoraltheorie nach, eine Pfortaderverstopfung der Milz (eng. spleen, daher der im Deutschen übliche Gebrauch des Spleens!)) zum Auslöser hatte und somit pathologisch betrachtet wurde. Die Verdickung des Blutes wurde meist mit Aderlass behandelt.

Dass Nicolai in seiner Verbindung der Musik mit der Artzneygelahrtheit der Heilung der Melancholie durch Musik ein eigenes Kapitel widmet beweist, in welchem Masse diese schon 1745 verbreitet war.

Hypochondrie wurde auch als englische Krankheit bezeichnet, da sich englische Ärzte um deren Erforschung bemühten, auch kam das Wort 1668 erstmals in England vor und wurde, wie das Wort sentimental, über Frankreich nach Deutschland gebracht.

In der Musik wird das Wort selten verwendet, eine Ausnahme ist Beethovens Quartett op18/6, dessen Adagio-Satz mit „La malinconia" betitelt ist.

Spleen wurde dann in Deutschland schnell zu einem bis heute gängigen Modewort, Cranz beschreibt die Laune als „Sohn des englischen Spleens", der sich mit dem „französischen petillierednen Esprit [vermählte] und beyde zeugten eine Tochter [...] ein gutes, loses, empfindsames Mädchen" (218).

Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang das Stichwort Trauer im zweiten Kapitel der Bildergalerie weltlicher Missbräuche (1785) von Joseph Richter, wo - und nur hier - ein Konzert dargestellt ist.

Bedenkt man, dass Musik als Unterhaltung zu Zeiten der Trauer verboten war, ist sie hier als weltlicher Missbrauch Ausdruck der empfindsamen Teilnahme! - wie überhaupt Karikatur der falschen Empfindsamkeit sowie des adeligen Konzerts. Jede der Bildertafel hat allegorischen Charakter, Richter liefert hierzu folgende Erklärung:

"(1) Ein grosser Saal.

(2) Verschiedene Dilektanten geben ein Konzert, und sind so wie die Zuhörer in der Hoftrauer (3) Die Tochter vom Haus lässt sich solo auf dem Klavier hören. Die Zuhörer klatschen, weil es so Mode ist, maschinenmässig die Hände.

(4) Auch eine junge Witwe klatschet mit, und ist ganz Ohr: aber nicht für die schöne Musik, sondern für die schönen Worte, die ihr ein galanter Herr hinter ihrem Stuhl ins Ohr flüstert.

(5) Im Hnitergrund stehen zween Herren, die sich das Gefrorne schmecken lassen, und den Hausherrn kritisieren.

(6) In einem Armstuhl sitzt ein dicker Herr, der sich bei dem schöe Solo an seinen Solohund erinnert, ud es seinem Nachbarn erzählt, dass er gestern drey Hasen Solo gefangen habe.

(7) Auf dem grossen Sopha sitzen zwo Damen die sich, weil sie nahe Blutsverwadte sind, den Rücken zeigen.

(8) Die Frau Baronesse fällt in Ohnmacht, weil sie unter den Zuhörern einen Herrn erblickt, der nicht in Hoftrauer ist.

(9) Der Hausfreund hält der Frau vom Haus den Flakon unter die Nase, und winkt dem Herrn im bunten Kleid, sich zu entfernen."

Zurück zum Text  216. Carl Theodor Beck: Ernst, Gefühl, Laune, München 1784, S. 75, zitiert nach Sauder III, S. 47

Zurück zum Text  217. vgl. Sauder I, S. 152f

Zurück zum Text  218. Cranz: Chalatanerien, S. 22

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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