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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


8 Das Bildnis ist bezaubernd schön

heisst es in Taminos Bildnis-Arie im ersten Akt der Zauberflöte. Damit spielt Mozart auf die Portraitbegeisterung dieser Jahre an. Schon zuvor hatte ein Portrait in einer unvollendeten Mozart-Oper eine entscheidende Rolle gespielt: Zaide legt dem schlafenden Sklaven Gomatz ihr Portrait in den Schoss und der aufwachende Sklave verliebt sich sofort in dieses Bild, ohne kurz darauf die verschleierte Zaide in diesem zu erkennen. (219)

„Der Charakter des Menschen ist ihren Gesichtern eingepräget. Alle Leidenschaften verursachen besonderer Züge in dem Gesicht. Sind sie von langer Dauer, so werden die Züge unauslöschlich." (220)

schreibt Ewald Christian von Kleist in seinen Gedanken über verschiedene Vorwürfe

Sobald sich der Mensch als subjektiv Fühlender empfand, wurde dessen Temperament und Charakter zu einem neuen Untersuchungsfeld. Dies entspricht der Definition der Empfindsamkeit als Selbstgefühl der Vollkommenheit, wobei in Blick auf den ganzen Menschen bei diesem innere und äussere Vollkommenheit unterschieden wird. Dies macht die Begriffe Moral und Ästhetik nötig und schafft Versuchsmodelle, von der äusseren auf die innere Vollkommenheit zu schliessen Hier ist in erster Linie Johann Kaspar Lavater zu nennen, der die Physiognomik zwar nicht erfunden, so doch aussergewöhnlich populär gemacht hatte. Goethe und Herder arbeiteten an dessen Hauptwerk Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe (1775-78) mit, das eine enorme Sammlung von Bildnissen durch einige Jahrtausende darstellt. Lavaters Versuche wurden geschätzt, gelesen, diskutiert und belacht. Damit einhergehend kam die Vorliebe für Schattenrisse und Scherenschnitte auf. Je nach Beschaffenheit von Kinn, Nase oder anderer Partien wollte man auf den Charakter des jeweiligen Menschen schliessen, und dies nicht nur um diesen zu enthüllen, sondern auch um gute Verbindungen einzugehen. Damit verbunden ist die bis dahin nicht existierende Liebesheirat, Hochzeiten waren - noch weit bis ins 19. Jahrhundert - rechtskräftiger Akt, an dem beide Familienkreise Anteil hatten. Jetzt wollte das Individuum seinen Lebenspartner suchen und finden. Physiognomische Studien und Gesellschaftsspiele, wie Die Kunst in der Liebe und Freundschaft eine glückliche Wahl zu treffen, Pest 1816 (221) sollten bei der Wahl des/der Zukünftigen helfen.

Auch in der Musik gibt es einige Versuche physiognomische Studien in Töne umzusetzen, schon Mattheson vergleicht 1739 die richtige Form eines Musikstücks mit einer Charakterzeichnung:

"Wir mögen bei Gelegenheit der Mahlerey noch dieses bedencken, dass eines geschickten Künstlers Vorhaben nicht etwa bloss dahin gehe, ein Paar schwartze oder blaue Augen, eine erhabene Nase, und einen kleinen rothen Mund zu mahlen; sondern er trachtet immer in solchen Gesichtszügen eine oder andere innerliche Regung vorzustellen, und wendet alle seine starcke Gedancken dahin an, damit z.E. der Zuschauer sage: in den Augen steckt was verliebtes; an der Nase ist was grossmüthiges, und am Munde recht was höhnisches." (222)

Eine Charakterkomposition stammt aus der Potsdamer Zeit C.Ph.E. Bachs. Es ist das Gespräch zwischen einem Sanguineo und Melancholico, Wq 161a, in Form einer Sonate für zwei Violinen und Basso continuo in c-moll (!) aus dem Jahre 1749. Noch fünfzig Jahre später erinnert sich Türck in seiner Klavierschule:

„So hat Bach eine vortreffliche Sonate geschrieben, "welche gleichsam ein Gespräche zwischen einem Melancholicus und Sanguineus unterhält." Auf ähnliche Art schildert E.W. Wolf in den sechs kleinen Sonaten v. J. 1779. Seite 10 ff. das entzweyte Ehepaar gemeiner Leute."

Für Bach war dies anscheinend nur ein Versuch, später hat er sich von ähnlichen Plänen distanziert, wie Matthias Claudius in einer Briefbeschreibung eines Gesprächs mit Bach in dessen erstem Hamburger Jahr 1768 berichtet:

„ - Sie haben einige Piecen gesetzt, darin Charaktere ausgedrückt sind. Haben Sie die Arbeit nicht fortgesetzt?

+ Nein, die Stücke habe ich gelegentlich gemacht und vergessen.

- Es ist doch gleichwohl ein neuer Weg.

+ Aber nur ein kleiner, mann kanns näher haben, wenn man Worte dazu nimmt." (223)

Bach hat diese Charakterstücke Wq 117 auch nicht drucken lassen. In Lavaters Physiognomischen Fragmenten war C.Ph.E. Bach neben Jean-Philippe Rameau und Niccoló Jomelli der einzige Musiker!

"Man kanns näher haben, wenn man Worte dazu nimmt." sagte Bach, der Dichter und Kritiker Heinrich Wilhelm von Gerstenberg nahm sich diese Ansicht offenbar zu Herzen und unterlegte Bachs c-moll Fantasie mit Zitaten aus Shakespeares Hamlet.

Das Schreiben von Charakterstücken ist natürlich keine deutsche Spezifik, vor allem in Frankreich entstanden im 18. Jahrhundert zahlreiche musikalische Portraits, ja ganze Suiten waren aus Portraits zusammengesetzt, (nur als Beispiel: Jean-Philippe Rameau, Pices de clavecin en concert, 1741). In diese Zeit fällt auch Bachs früher Versuch, wobei das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Charaktere eine Besonderheit darstellt und Bachs Idee der gegensätzlichen Affekte entspricht.

In Lavaters physiognomischen Studien spürt man auch die Idee der vermischten Empfindung. Wenn man aus der äusserliche Physiognomie auf den inneren Charakter eines Menschen schliessen kann, so muss auch der vermischte innere Charakter in einem vermischten Äusseren zum Ausdruck kommen. So formuliert, habe ich dies bei Lavater nicht gefunden. Er hatte dazu auch keinen Anlass, Schriften über Empfindsamkeit waren weit verbreitet. Aber man fühlt sich an diese moralästhetischen Überlegungen erinnert, wenn man im dritten Kapitel liest:

„Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen und zu behaupten, ein Mensch sei entweder cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine dieser Gemütsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modifiziert würde, da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen Nuancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen, so ist doch mehrenteils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Ozean dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntnis über die vier Haupttemperamente ablegen, so muß ich aus Überzeugung folgendes sagen:

Bloß Cholerische Leute flieht billig jeder, dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehrt, ohne zu wärmen. Bloß Sanguinische sind unsichre Weichlinge, ohne Kraft und Festigkeit. Bloß Melancholische sind sich selbst, und bloß Phlegmatische andern Leuten eine unerträgliche Last."

Daraus schliesst Lavater auf verschiedene Mischungen:

Cholerisch-sanguinische Leute sind die, welche in der Welt sich am mehrsten bemerken, gefürchtet, welche Epoche machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher, der Despotencharakter; aber noch ein Grad von melancholischem Zusatze, und der Tyrann ist gebildet.

Sanguinisch-Phlegmatische leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser Charakter im höchsten Grade artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.

Cholerisch-Melancholische richten viel Unheil an; Blutdurst, Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemütsart.

Melancholisch-Sanguinische zünden sich mehrenteils an beiden Enden zugleich an, reiben sich selber an Leib und Seele auf.

Cholerisch-phlegmatische Menschen trifft man selten an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Flut abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu welchen gesunde Vernunft und Gleichmütigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit äußerster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Tiere umher, fallen mit der Tür in das Haus und verderben alles durch rasendes Ungestüm.

Melancholisch-phlegmatische Leute aber sind wohl unter allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden vernünftigen und guten Mann Höllenpein auf Erden."

Es ist nicht Sinn dieser Studie Lavaters Gedanken darzustellen, aber die angeführten Zitate schaffen uns einen Blick auf das Gesamtbild

MUSIK - EMPFINDUNG - CHARAKTER - MENSCH.

Denn die Mischung der äusserlich erkennbaren Charaktere und Mischung der innerlich zum Ausdruck kommenden Empfindungen macht die Unterscheidung von Ästhetik und Moral nötig. Und wie schreibt doch Leopold Mozart, die Bedeutung des Interpreten unterstreichend: „Mancher Halbcomponist ist vom Vergnügen entzückt, und hält nun von neuem erst selbst recht viel auf sich, wenn er seinen musikalischen Galimatias von guten Spielern vorgetragen höret, die den Affekt, an den er nicht einmal gedacht hat, am rechten Orte anzubringen, und die Charakters, die ihm niemals eingefallen sind, so viel es möglich ist zu unterscheiden [wissen]."

Da haben wir Affekt und Charakter in einem Atemzug.

Leseprobe

„Sein vor uns liegendes Gesicht ist unter dem Geschlechte, in das er gehört - eben so original, als sein musikalischer Mensch. Es ist eine Gattung, die immer in der Welt etwas poussiren und vorstellen wird. Zwischen den Augenbrauen, im Blicke der Augen - scheint ein gesitiger Ausdruck seiner produktifen Kraft zu schweben. Er kann, er wird, er muss sich, mit solcher Physiognomie, an vielen Orten, mit Anstand und Vortheil, produciren können. [...] Doch den Fehler am linken Auge in der Natur hat der Mahler aus Höflichkeit vermuthlich und schonender Güte weggepinselt [...] und ganz unfehlbar damit zugleich - ein beträchtliches von Ausdruck. Seele genug bleibt übriens noch in Aug und Augenbrauen übrig. Die Nase, zu sehr abgerundet, lässt indess immer noch genug von Feinheit und würkender Kraft durchscheinen. Der Mund - welch ein einfach gewordener Ausdruck von Feingefühl, Sattheit, Trockenheit, Selbstbewusstsein und Sicherheit; die Unterlippe etwas listig und schwach - aber nur leiser Hauch der Lästigkeit drüber! Die nah an der Lippe gränzende Einkerbung - kräftigt wieder sehr. Feste, Heiterkeit, Muth und Drang ist in der Stirne."

Beschreibung C.Ph.E. Bachs in Johann Kaspar Lavater, Physiognomische Fragmente, Dritter Band, 1777

Zurück zum Text  219. Hoffmann (Kröper): Zaide - bünenreif! Zur Adaption der Texte Sebastianis auf Mozart/Schachtner.In Hudební vda, Praha 2004 : Akademie vd R, XL, 2-3, 20 s.

Zurück zum Text  220. zitiert nach: Kleist, S. 175

Zurück zum Text  221. Faksimile: Dortmund 1980

Zurück zum Text  222. Mattheson: Capellmeister, S. 145

Zurück zum Text  223. zitiert nach: Ottenberg, S.220

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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