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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


10.1 Habe Genie!

ruft Grimm am Ende seines oben zitierten Briefes aus. Was aber ist Genie? Und kann man sich nur auf dieses verlassen? „Wer´s nicht ist, kann nicht; und wer´s ist, wird nicht antworten." schreibt Lavater Rousseau zitierend, der diese Formulierung in seinem Dictionaire de Musique verwand, in seinen Physiognomischen Fragmenten (226) um fortzufahren: „Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, bildet, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, giebt, nimmt - als wenn´s ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktirt oder angegeben hätte, der hat Genie; als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre - ist Genie." Weiter ist Lavater der Ansicht, dass Genie „Ungelerntes und Unlernbares empfand, sprach, dichtete, gab, schuf!" und betont den Aspekt der Unnachhahmlichkeit eines Genies. Diese Definition wurde 1778 veröffentlicht, also zur Zeit der grossen Geniediskussion und Geniebegeisterung.

Wie gross um 1750 die Unterschiede in Auffassung des Geniebegriffs zwischen dem höfischen Johann Joachim Quantz und dem bürgerlichen Telemann waren, verrät ein Blick in deren Autobiographien. Während Telemann proklamiert: „Bey allem ist die blosse Natur meine Lehr-Meisterin, ohne die geringste Anweisung, gewesen, es müsste denn seyn, dass ich anfangs 14 Tage lang auf dem Clavier unterrichtet worden" und sich somit auf sein Talent verlassen konnte, meint Quantz „Ein grosses Hinderniss des Fleisses und weitern Nachdenkens ist es, wenn man sich zu viel auf sein Talent verlässt. [...] Manchen gereichet das besonders gute Naturell mehr zum Schaden als zum Vortheile." (227) Er setzt dieses zwar voraus, mittelmässige Anlage aber scheint zu genügen. Um im Weiteren zu behaupten, dass die sich auf „gute Naturgaben" Verlassende unwissender seien, als jene, „die ihrem mittelmässigen Talente durch Fleiss und Nachdenken zu Hülfe gekommen sind."

Das von Lavater definierte Gefühl, dieser Drang Ungelerntes auszudrücken (im wahrsten Sinne des Wortes), ist Grundlage der Geniedebatte. Ein weiterer Zug ist die als einengend empfundene Nachahmungspflicht, wenngleich diese schon fast ins Transzendentale ausgeweitet schien. Diese Ausweitung ist sicher Verdienst des Geniekultes, Gegenbewegung zur Nachahmungsforderung von Batteaux, der meinte, Genie sei „nicht ein [...] heftiges Feuer, welches die Seele aus sich selbst reisst, und sie auf gut Glück mit sich hinweg führt." (228).

Hinsichtlich des Interessengebietes Musik wird jedoch selbst in den freiesten Schriften betont, wie wichtig die Erlernung des Handwerks, der Harmonie und Setzkunst, sei, um seinen Ideen die richtige Grundlage zu verleihen. Insofern ist die Geniebewegung kein anarchistischer Versuch Regeln zu zerstören, sondern diese kritisch, mit dem Ziel der Ausweitung, in Frage zu stellen.

Ausgangspunkt der Geniediskussion war wiederum England, wo 1759 des Nachtgedanken Autors Edward Young Conjectures on Original Composition veröffentlicht wurden. Young hält die Originalität für eine Fähigkeit eines jeden Menschen, was in Deutschland auf grosse Begeisterung stiess. Wieder ist England in führender Position, was zudem die Rolle Shakespears verständlich macht, der als Ideal des nordischen Genies gefeiert wird. Aus Youngs Überlegungen hervorgehend findet man oft auch den Begriff des Originalgenies. „Ein Originalgenie, wenns auch nur ein mässiges Genie ist, hat mehr Werth, als die beste Kopie." (229) Für die deutsche Geniediskussion war Sulzers Theorie der Schönen Künste wichtig. Unter dem Stichwort Genie setzt er sich mit dem Gedanken auseinander, dass Genie etwas auch den Tieren Angeborenes sei, eine Idee, die sich der Instinktforschung anschliesst. Beim Menschen sei eine starke Reizung, die das Genie aufweckt, nötig, wobei sich Sulzer auf die Empfindsamkeits-Lehre bezieht:

„Seelen von geringer Empfindsamkeit, die durch nichts zu vorzüglicher Würksamkeit gereizt werden, die keine besondere Bedürfnisse haben, solche Seelen sind bey dem größten Verstand ohne Genie; denn dieser große Verstand muß durch das Bedürfniß in Würksamkeit erhalten werden. Die verschiedenen Vermögen der Seele liegen in einer schlaffen Unthätigkeit, bis irgend eine Empfindung sie reizt, und dann würken sie, so lange diese Empfindung vorhanden ist." (230)

Den Künstler sieht Sulzer an erster Stelle einer Genieordnung, wobei er fordert, dass dieser „außer dem seiner Kunst eigenen Genie, ein großes philosophisches Genie besitzen [muss]; muß ein Mann seyn, der, wenn er auch den Geist seiner Kunst nicht gehabt hätte, noch immer ein Genie geblieben wäre."

Dieses philosophische Genie sei Grundlage zur Schöpfungstätigkeit, Quelle der genialen Handlung, ohne die seine Kunst nur schwer existieren kann. Daraus folgert, dass

"das Genie eines jeden Künstlers also nach einem doppelten Maaßstab gemessen werden [muss]: an dem einen mißt man seine Kunst, und dem andern seine Materie."

Damit entspricht er der Forderung Lessing, der sich in seiner Hamburgischen Dramaturgie gegen die Auffassung wehrt, ein Genie müsse keine Bildung haben und betont, wie wichtig die Empfindung für das Genie sei:

„Genie Genie! schreien sie. Das Genie setzt sich über alle Regeln hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!‹ So schmeicheln sie dem Genie: ich glaube, damit wir sie auch für Genies halten sollen. Doch sie verraten zu sehr, daß sie nicht einen Funken davon in sich spüren, wenn sie in einem und eben demselben Atem hinzusetzen: ›die Regeln unterdrücken das Genie!‹ - Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdrücken ließe! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es begreift und behält und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in Worten ausdrücken." (231)

Der Geniekult hatte eben, wie die Mode der Empfindsamkeit, die in der Empfindsamlichkeit ausuferte (siehe Kapitel: Nordismo, Abschnitt: Zuviel ist zuviel), auch seine Modeerscheinung. Cranz kritisiert dies in seinen Chalatanereien sehr bissig:

„Genie, ist eine Seltenheit, deren jedes Jahrhundert nur wenige hervorbringt. Nie aber wird mehr von Genie geplaudert, als wenn die Genies am meisten fehlen, so wie der Arme von nichts lieber spricht als von Reichthümern. Heutigen Tages will alles Genie sein. Sobald jemand alle Regeln des guten Geschmacks verlässt, von der allgemeinen Heerstrasse menschlicher Kenntnisse abweicht und wild über Hecken und Gärten setzt, alles Bizarre heraus sagt, was in seinem wüsten Gehirne sprudelt, eine schwäbische oder baierische Mundart zum Eigenthümlichen seines Stils macht, mit Kerls und platten Ausdrücken, die man nur unter dem Pöbel hört, und sonst nie in guten Büchern gedruckt las, um sich wirft, so beehrt man ihn mit dem Titel eines Genies."

um abschliessend vor Nachahmer wirklicher Genies zu warnen. Ein Beispiel von Genie ist für ihn „Göten", Goethe. Auch unter dem Stichwort „Talent" schreibt er: „Die Seltenheit eines einzigen empfindsamen Talents, welches einem Sterne [gemeint ist Laurence] angeboren wurde, zog nachempfindelnde Affen bey hunderten ihm her." (232)

„Wenn Music eine Sprache der Empfindungen und Leidenschaften ist, wenn die Empfindungen keines einzigen Menschen mit den Empfindungen eines andern vollkommen übereinstimmen; würde dann nicht folgen, dass in Ermangelung gehöriger Vorschriften, und aus Natur und Erfahrung abgeleiteten Regeln, die Kunst dem Eigensinn und der Willkühr eines jeden insbesondere überlassen sein müsste?" (233)

Zurück zum Text  226. zitiert nach: F.M. Klinger: Sturm und Drang, Stuttgart 1970, Beilage Lavater S. 127ff

Zurück zum Text  227. Quantz, S. 12

Zurück zum Text  228. in der Übers. von Marpurg in: Historisch-kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Berlin 1760, S. 24

Zurück zum Text  229. Cranz: Chalatanerien, S. 96

Zurück zum Text  230. Sulzer, Sp. 364re

Zurück zum Text  231. Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie. 96. Stück, ›Den 1sten April, 1768<

Zurück zum Text  232. Cranz: S. 44

Zurück zum Text  233. Johann Nicolaus Forkel in: Cramer, Magazin der Musik, Hamburg 1783, S. 858

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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