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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


12.1 North meets South

Komponisten südlich des Maines, der Deutschland ästhetisch lange Jahrzehnte teilte, wurden dank der Musikdrucke im allgemeinen sowie konkret dank der Bestrebungen des in Wien ansässigen Barons van Swieten von dem informiert, was sich auf der nördlichen Seite tut. Van Swieten wird von der Musikforschung immer die Wiederbelebung barocker Musik im klassischen Wien zugesprochen, dies war jedoch keineswegs sein einziger Verdienst, wie schon am Sinfonienauftrag an C.Ph.E. Bach zur Sprache kam. Ich vermute eher, van Swieten sah (auch in den barocken Meistern) in all dieser Musik den gründlich gearbeiteten norddeutschen Stil, den er dank seinen Gesellschaften bekannter werden lassen wollte. Diese Teilung Deutschlands in Norden und Süden wurde auch von den Musikern so empfunden.

„Scheint aus den Gegenden des Rheins, oder dem südlichern Deutschland zu kommen; und das ist leider genug gesagt. Alle das dortherige Geklimper kennt man den Augenblick an den einförmigen Figuren, den altäglichen Modulationen, abgedroschnen Harfenbässen [gemeint sind die im Süden so beliebten Alberti- und Murkybässe], beständigem Auf- und Herunterrennen der diatonischen Scala, und solchen Kunststücklein, die auf so wenig verschiedne Art in allerley verschiednen Formaten, und gemeiniglich auf sehr weissem Imperial- oder Royalpapier, das noch dazu zu einem gewissen andern Gebrauche, der die wahre Bestimmung solcher Arbeiten wäre, zu steif ist, uns für wahre Musik verkauft wird; und die ächteren Arbeiten besserer Meister aus den dasigen Gegenden verdrängt." (277)

kritisiert 1783 Carl Friedrich Cramer, an der Nordseeküste in Kiel heimisch, das Concert pour le Clavessin eines Komponisten namens Birnbach. Der gerne zur Schwermut neigende, gründlich gearbeitete und dennoch tiefschürfende, von Schubart mit „Kritteln und Grübeln" oder „Kritteley und Steifigkeit" charakterisierte Stil des Nordens stand in grassem Gegensatz zum leichtlebigen, etwas oberflächlichen, aber an Farben reichen Stil des Südens. Cramer und seinesgleichen wurde mit gleicher Münze heimgezahlt. Im dritten Band seiner Betrachtungen der Mannheimer Tonschule (Mannheim 1778-81) veröffentlicht Georg Joseph Vogler die Fragestellung: „Wie verhalten sich die zwei grossen Clavierspieler C.P.E.Bach und Alberti von Rom gegeneinander?", in welcher er über den „im alten Sistem grau gewordenen würdigen Mann", der " in der allgemeinen Dunkelheit der Begriffe, die sein Fach angehen, nicht selbst das Licht angezündet habe" (278), herzieht, da dieser nicht wisse "um wie viel heller es seit 30 Jahren im Tonreiche geworden sei. [...] Doch wünschten wir, dass der grosse Mann im Saze, mehr das rührende, niedliche, einfache, weniger das künstliche (das zu seiner Entschuldigung der nordische etwas trockene Geschmack freilich noch fordert) eingemischet hätte." Auch Benda spricht in seinen Überlegungen über das Rezitativ (siehe Kapitel: Die Suche nach neuen Formen, Absatz: Rezitativ) verächtlich von denjenigen „die nur das für schön halten, was jenseits der Alpen Mode ist". (279)

Ich möchte behaupten, dass allerdings da, wo sich Norden und Süden geographisch trafen, eben in Mannheim, es der Süden dem Norden an Tiefsinnigkeit nicht gleichtun konnte und wollte, dafür aber der Süden neue Klangstrukturen nicht nur in der Form, sondern auch in der Instrumentierung suchte. Klarinetten, Bassetthörner, Posaunen und andere Instrumente wurden erst im Süden, viel später im Norden orchesterfähig. Im Norden scheint kein Bedürfnis nach neuen Klängen bestanden zu haben, das war zu oberflächlich, zu vordergründig (siehe Kapitel: Instrumente der Empfindsamkeit). Man darf auch nicht übersehen, dass die Verbindung von Literatur und Musik im Norden weit grösser war, als im Süden. Während sich, wie wir beim Blick auf Berlin oder Hamburg sehen, dort Musiker und Literaten gemeinsam mit der Entwicklung der Kunst auseinandersetzen, bleibt die Entwicklung der süddeutschen Musik in den Händen der Musiker. An anderer Stelle habe ich auch auf die überraschend kontroversen Tempoauffassungen zwischen Nord- und Süddeutschland aufmerksam gemacht.

Eine weitere, den Nord-Süd-Konflikt bezeichnende Quelle sind die Briefe der komponierenden und musizierenden Wilhelmine von Bayreuth an ihren Bruder Friedrich II., in welchen sie wiederholt um die Zusendung „des kleinen Benda" bittet, um ihren Hofgeschmack aufzufrischen, was offenbar geschah, da sie später berichtet, Kleinknecht spiele jetzt schon viel „bendaischer". Aus Kleinknecht wurde einer der grossen Vertreter der Empfindsamkeit in der Musik - letztendlich hat er František Benda weit übertroffen.

Eine Quelle, die noch 1810 die musikästhetische Zweiteilung Deutschlands bestätigt, ist der in der Gallerie der berühmtesten Tonkünstler in Erfurt herausgegebene Vergleich zwischen Mozart und Haydn. Nach einer Parelle der Kindheit und Ausbildung sowie der stilistischen Entwicklung wird an der Nord-Süd Polarität der eigentliche Unterschied deutlich gemacht:

„Haydn [war], wie Mozart in Süden, in Norden der Schöpfer eines neuen Styls, der die Anmuth des Südens mit der Kraft des Nordens vereinigte.

Mozart gab der Anmuth des Südens die Kraft des Nordens.

Haydn beschänkte die Kraft des Nordens mit südlicher Anmuth.

Beiden bekamen ihre eigene Popularité, die sich in dem Maximum des Idealen umarmte.

Mozart gab der südlichen Popularité nordische Gelehrsamkeit.

Haydn der nordischen Gelehrsamkeit südliche Popularité." (280)

Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass sich Goethe in Italien von der Empfindsamkeit löste. Da hatte der Süden eine Wendung verursacht und manch Nördlichem war der Süden fremd. So berichtet Schlichtegroll (281) über Jií Bendas Italienreise 1765:

„Als er in Italien die erste grosse Oper von Galuppi hörte, ward er, der an die fleissig gearbeitete Berlinische Musik gewöhnt war, so unwillig über das leere Tongeklingel, wie er es nannte, dass er nach dem ersten Akt hinauslief."

Leeres Tongeklingel - leere Ohren. Man erinnere sich an Bachs Formulierung. Wie kritisch aber Benda sich selbst gegenüber war beweist die Fortsetzung dieses Berichts, dass nämlich Benda erneut in die Oper gegangen sei und nach und nach auch die schönen Seiten der Musik erkannt habe. „Emsig suchte er nun alles auf, was er zum Vorteile der Kunst nutzen und erwerben konnte." Es wäre Aufgabe einer stilistisch-empfindsamen Studie, Bendas Werk vor und nach Italien auf diesen Gesichtspunkt hin zu untersuchen (282). Nekrologe sind eben nur Nekrologe.

Es sei am Rande noch die Frage erlaubt, welche Verbindung zwischen dem protestantisch empfindsamen Norden und dem katholisch rationalen Süden bestehen. Eine fächerübergreifende Studie zwischen Theologie-Empfindsamkeitsforschung-Ästhetik könnte Aufschluss geben.

In der Musikkritik der Empfindsamen findet sich eine südliche Ausnahme: Giovanni Baptista Pergolesis Stabat Mater, welches in Deutschland mit neuem, von Klopstock verfasstem Text grosse Beliebtheit erfuhr. Pergolesi, der bereits mit 26 Jahren verstarb, kündigte in diesem seinem letzten Werk einen neuen Ton an, der von den Empfindsamen als der ihrige erkannt wurde:

„Leser, bist du noch nicht verwöhnt vom Schellenklange des Rondos, oder vom Trällern einer comischen Opernarie; so komm, bring dein Ohr und dein Herz mit; ich will dir diess Stabat Mater auf dem Clavier vorspielen. Nur zwey mittelmässige Menschen Stimmen sollen drein singen; und du must von Stein seyn, oder ein Zährchen, so süss, als du jemals ein´s weintest, wird dir im Augenwinkel zittern. Erstaunend ists, mit welcher Kunst Klopstocks Geist in Pergolesis Musik kroch, und Empfindung und Worte just dahin stellte, wo sie hingehören. Pergolesi, wo dein Schatten auch schwebt, habe Dank für dieses Meisterstück der innigsten Andacht!" (283)

Zurück zum Text  277. Carl Friedrich Cramer: Magazin der Musik, Hamburg 1783, S. 1314

Zurück zum Text  278. Georg Joseph Vogler: Betrachtungen der Mannheimer Tonschule, Mannheim 1778-81, Bd. III, Faksimile: Hildesheim 1974, S. 152ff

Zurück zum Text  279. in Cramer, Magazin 1783, S. 755

Zurück zum Text  280. Gallerie der berühmtesten Tonkünstler des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, Erster Theil, Erfurt 1810, Faksimile: Buren 1984, S. 115

Zurück zum Text  281. Schlichtegroll: Nekrologe, S. 16

Zurück zum Text  282. Vladimír Helfert konnte den dritten Band seiner Jií Benda Biographie leider nicht vollenden-vielleicht hätte sie Ansatzpunkte gebracht.

Zurück zum Text  283. Schubart: Deutsche Chronik, 64. Stück, 7. 11. 1774, zitiert nach: Schubart, Gedichte Aus der deutschen Chronik, Stuttgart 1978, S. 92

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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