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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


12.2 Musica dynamica bohemica

Ein verbindendes Glied zwischen Nord und Süd stellen schliesslich auch die böhmischen Musiker da, die sich zahlreich an deutschen Höfen finden, und zwar nicht geographisch aber stilistisch.

„Keine seiner [die Rede ist von Joseph I.] Provinzen, vielleicht keine in ganz Deutschland, that es Böhmen in der Musik zuvor. Man legte daselbst sogar auf den Dörfern Singschulen an, und betrieb sonderlich die blasenden Instrumente mit solchem Eifer, dass die Böhmen hierin bis auf diese Stunde, nicht nur Welschland [Italien] sondern sogar das übrige Deutschland übertreffen. Was aber das Wichtigste ist; so bildeten sich die Böhmen einen ganz eigenen Geschmack in der Musik, der voller Anmuth und Eigenthümlichkeit ist; nur nähert er sich in etwas dem Komischen." (284)

Schubart zeigt mit diesem Zitat, welche Bedeutung der Musik in der böhmischen Pädagogik zugesprochen wurde. Tatsächlich liese sich eine lange Liste all der Musiker aufstellen, die aus Böhmen auswanderten und an ausländischen Höfen in Nord und Süd Anstellung fanden..

Reichard lobt in seinen Briefen alles, was er in Böhmen sieht und hört.

„Welch ein fruchtbares Land ist Böhmen für den musikalischen Beobachter! Kaum bin ich über die Gränze, und schon stosse ich auf Erscheinungen, die mich in Verwunderung setzen" (285), hält die Böhmen für „musikalischer als alle ihre Nachbarn [...] und nun darf man sich nicht mehr wundern, dass dieses Land eine so grosse Menge Tonkünstler liefert."

So schön sich diese Zeilen lesen, muss man wissen, das Reichardt diese Zeilen zu jener Zeit schrieb, da er sich in František Bendas Tochter Juliane verliebte. Manchmal sind Quellen aus dem Kontext heraus klarer verständlich ... Juliane wurde Reichardts Gattin.

Die Böhmen selbst suchten den Ursprung ihrer Musikalität in ihrer Sprache.

"Wer böhmisch spricht, lernt auch die Musik leichter und besser, denn in der Böhmischen Sprache muss das Silbenmaass auf das genaueste beobachtet werden, daher ist sie harmonisch, und der Böhme redet gleichsam im Takt. Nichts beleidigt ein böhmisch Ohr mehr, als wenn die kurze Silbe eines Wortes lang, oder eine lange kurz ausgesprochen wird. [...] Hieraus erhellet, dass der Böhme ein sehr delikates Ohr hat, und daher rührt auch sein Talent zur Musik."

erklärt Franz Martin Pelzl den Nutzen und Wichtigkeit der Böhmischen Sprache (286).

In diesem Zusammenhang sollte meines Erachtens auch das immer wieder gehörte und zuletzt nicht nur von Burney verbreitete Argument, das unter Leitung des Böhmen Stamitz trainierte Orchester mache Mannheim zum „Geburtsort des crescendo und diminuendo" (287) nähere Betrachtung verdienen, denn Schubart lobt an der ebenfalls von einem Böhmen, František Antonin Rösler (der unter dem Pseudonym Francesco Antonio Rosetti arbeitete) beeinflussten Kapelle des Fürsten von Öttingen-Wallerstein, dass „das musikalische Colorit viel genauer bestimmt worden ist, als in irgend einem andern Orchester. Die feinsten und oft unmerklichsten Abstufungen des Tons hat besonders Rosetti oft mit pedantischer Gewissenhaftigkeit angemerkt." (288) Und vergessen wir nicht, was Carl Benda über die Spielweise František Bendas sagte. Deutsche Musiker liessen sich natürlich von ihren böhmischen Kollegen beeinflussen, bekannt ist C.Ph.E. Bachs dynamische Spielweise:

„Eben so ist es mit der ausserordentlichen Stärke beschaffen, die H.B. [Herr Bach] zuweilen einer Stelle giebt: es ist das höchste fortissime: ein anders Clavier [als von Silbermann] würde in Stücken darüber gehen; und eben so mit dem allerfeinsten pianissime, welches ein anderes Clavier gar nicht anspricht." (289)

Man läge fehl zu glauben, dass vor Imigration der Böhmen kein dynamisches Spiel gekannt wurde. Allein ein Blick auf den Violinbogen gibt uns eine klare Antwort, denn dieser ist so geschaffen, um eine einzige Note oder eine Gruppe von Noten dynamisch vielfältig darzustellen. Einige Beispiel aus Mozarts Violin-Schule gefällig?

Die Neuerung ist aber in der Orchesterdynamik zu sehen, die so als Gruppendynamik nicht gepflegt worden war. Hier verblüfft mich persönlich immer wieder der Zusammenhang zwischen der den Nerven eine gwisse Dynamik zugestehenden Tonuslehre und der zu jener Zeit vermehrt formulierten Dynamikforderung. Auch ist dahinter ein gewisses Gemein-schaftsgefühl innerhalb des Klangkörpers zu sehen, welches soziologischen Studien Raum bietet. So kann ich anhand dieser Fakten lediglich die These aufstellen, dass diese dynamische Neuerung Folge der Anstellung böhmischer Musiker an nord- und süddeutschen Höfen war und einer der wenigen Verbindungspunkte zwischen Nord und Süd ist.

Und zu guter Letzt spielen sich all diese Neuerungen in der Instrumentalmusik ab und sind somit Teilantwort auf die oben zitierte Frage: Sonate, was willst Du mir sagen?

Zurück zum Text  284. Schubart: Ideen, S. 75

Zurück zum Text  285. Reichardt II, S. 123 ff.

Zurück zum Text  286. Franz Martin Pelzl: Akademische Antrittsrede über den Nutzen und Wichtigkeit der Böhmischen Sprache, Prag 1793 Faksimile in: Sborník práce FF MU, H 23-24, 1988, S.71-94

Zurück zum Text  287. Burney, Band II, S. 73

Zurück zum Text  288. ibid, S. 169

Zurück zum Text  289. Reichadt: Briefe II, S. 17

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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