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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


12.3 Zuviel ist zuviel

Die im Norden zu stärkstem Ausdruck gekommene Empfindsamkeit hatte auch ihre Ausartungen. Denn Empfindsamkeit war irgendwann nicht nur Ausdruck des Individuellen, sondern wurde durch Sternes Empfindsame Reise, Goethes Die Leiden des jungen Werther, Karl Philipp Moritz´ Anton Reiser, Johann Martin Millers Siegwart und andere Schriften von den Anhängern der Empfindsamkeit zu einer Mode erklärt. Man musste auf einmal empfindsam sein, was in der Werther-Nachfolge auch mit Selbstmord „im blauen Frack mit gelber Weste" (290) seine Konsequenzen hatte. Selbstmord war zwar verpönt, galt als ruchloser Eingriff in die Vorgaben Gottes, Suizidopfer wurden meist ausserhalb des Friedhofes begraben („Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet." Goethe, Werther), doch wenn kein Gott zugegen war, war Selbstmord eine akzeptable Lösung.

„Man sieht also, dass derjenige, der sich selbst tötet, nicht - wie behauptet wird - die Natur oder, wenn man will, ihren Schöpfer beleidigt. Er folgt dem Antrieb der Natur, indem er den einzigen Weg einschlägt, den sie ihm anweist, um seinen Leiden zu entgehen. (291)

Ich möchte behaupten, dass der Suizidgedanke als Reaktion auf Burkes Theorie des Grauens in Form subjektiven Handelns durchaus typisch empfindsam ist, auf alle Fälle hinsichtlich der Opern- und Melodramensujets. Ob Günther von Schwarzburg, Alceste, Medea, Circe: alle wählen den Freitod.

Jedoch all jene, die ein Opfer der empfindsamen Schriften geworden waren und diesen nacheiferten, ohne notwendig vor Lesen dieser empfindsam gewesen zu sein, wurden nicht als Empfindsame anerkannt. Ihr Tun wurde als Empfindsamlichkeit bezeichnet.

Empfindlichkeit (Sensibilität) druckt einen ungebührlich hohen Grad der Empfänglichkeit sowol für körperlichen Schmerz, als auch für leicht zu reizenden Unwillen und Zorn aus.

Empfindelei endlich ist Afterempfindsamkeit, die sich auf eine vernunftlose, abgeschmackte, kleinliche oder lächerliche Weise äussert. Dieses Wort ist, seitdem ich es vor ungefähr 30 Jahren in der kleinen Schrift: Über Empfindsamkeit und Empfindelei, meines Wissens zuerst gebrauchte, in allgemeinen Umlauf gekommen.

Nun aber fehlt noch ein Wort für die bloss scheinbare, gesuchte und geheuchelte Empfindsamkeit (Sentimentalität), die im Grunde keine Empfindsamkeit ist, sondern nur in einer Nachäffung ihrer Äusserungen besteht. Hier kann uns unsere Endsilbe lich, welche auf Ähnlichkeiten deutet, zu Statten kommen, um die Wörter empfinsamlich und Empfindsamlichkeit dafür zu bilden. Das Erkünstelte dieser Zusammensetzung mit drei Endsilben, sam, lich, keit und der Umstand, dass die Silbe lich ihm gleichsam etwas Glattes zu geben scheint, passen sich sehr gut für einen Ausdruck, der die Absicht hat, den Nebenbegriff des Erheuchelten mitzubezeichnen" (292)

definiert Joachim Heinrich Campe dieses Phänomen, vor welchem öffentlich gewarnt wurde. Als eines der Hauptübel der Verbreitung dieser Mode wurde Musik und Theater angesehen, wie die unter Anonym in Freiberg 1782 publizierte Schrift Das in Deutschland so sehr überhand genommene Übel der sogenannten Empfindsamkeit oder Empfindeley beweist:

„Dass das sich seit einigen Jahren in Deutschland, gleich einem dahin reissenden Strome, so sehr ausgebreitete, und nun recht herrschend gewordene, auch beynahe alle Stände, so wie alle Alter und beyderley Geschlechte ansteckende Übel der sogenannten, aber übertriebenen und falschen Empfindsamkeit, oder besser ausgedruckt, Empfindeley […] eine wahre Krankheit der Seele sey, solches kann wohl um so weniger von einem Unbefangenen geläugnet werden, wenn man erwäget, dass dergleichen Leute, welche damit behaftet sind, gleich denen, die an einer hitzigen Krankheit darnieder leigen, die Zwischenräume ausgenommen, sich gar selten im Stande befinden, ernsthaft, richtig, klar und aneinander hängend zu denken, geschweige ihre ordentlichen Berufsgeschäfte, so lange der Paroxismus oder der Schauer währet, gehörig zu verrichten." Als Ursachen dieser Krankheit nennt der Autor

„1. und vorzüglich in dem in unsern Zeiten so überhandgenommenen häufigen Gebrauch, Aufführung und Beywohnung der Schauspiele überhaupt, so wie der Trauerspiele und der Singspiele oder der sogenannten Opern insbesondere. Hierinn lieget unstreitig der vornehmste Grund der Krankheit. Vorstellung, Ausdruck, Sprache, Verzierung, Zärtlichkeit, Liebe, Musik - alles vereinigt sich, so zu sagen, hier, die Empfindsamkeit zu erregen; besonders bey jungen Leuten, bey denen die Einbildungskraft vorzüglich starck ist.[…]

2. ohne Zweifel an dem anjetzt, auch sogar unter der Jugend, soausserordentlich eingerissenen schädlichen Lesen so vieler Romane, Schauspiele und anderer dahingehörigen mit so vielen zärtlichen und empfindsamen Liebesabentheuern, wunderbaren Auftritten und Begebenheiten angefüllten Schriften […]

3. unstreitig in dem anjetzt so sehr zur Mode gewordenen häufigen Umgang mit dem schönen Geschlecht, oder in dem beständigen, ungehinderten und freyen Umgange beyder Geschlechter überhaupt, welcher leider! anjetzt zu einem nothwendigen Stücke der verfeinerten Lebensart gerechnet wird. […]

4. in unserer heutigen neumodischen Pädagogik oder Erziehungskunst, nach welcher man sich mit den Kindern gar zu sehr abgiebt[…]

5. die Verfertigung so vieler Bücher für die Kinder, fast aus allen möglichen Wissenschaften, und das viele Lesen der Kinder überhaupt [im Weiteren meint er damit besonders das Lesen von Schauspielen] […]

6. die vielen empfindsamen Bilder, Kupferstiche, und anderer dergleichen tändelnde Abbildungen, welche man den Kindern in so grosser Menge in die Hände giebt […]

7. bey Erwachsenen sowohl als Kindern, ein vieles hierzu bey das Lesen so vieler witzigen und tändelnden Mode- und Genieschriften

8. die so genannten empfindsamen Reisen und andere dahin gehörigen empfindsamen Schriften, von Yoriks empfindsamen Reisen an, bis auf die neuesten Nachahmer derselben […]

9. in der anjetzt so sehr zur Mode gewordenen falschen, verkehrten, oder unrecht verstandenen und angewandten Nachahmung der Natur […] Man spricht und schreibt unter unsern schönen witzigen Geistern und Dichtern fast von nichts, als von Nachahmung der Natur, auch wohl gar noch von Verschönerung der schönen Natur; und gleichwohl entfernt man sich von Tage zu Tage immer mehr und mehr von dem gewöhnlichen ungekünstelten Wege der Natur. […]Empfindeley […] ist an sich weiter nichts als eine falsche Nachahmerin oder ein Affe von der mitleidenden Natur, oder von der wahren und rechten Empfindsamkeit. […]

10. die sogenannten Moden auf die heutige verfeinerte Welt. […]

11. in dem heutigen Mangel des Christenthums." (293)

Empfindsamlichkeit war letztendlich auch Waffe in den Händen eines ästhetischen Falschspielers, der zu spät von seinem Gegner enthüllt wurde. Dies ist das literarische Hauptprinzip in Choderlos de Laclos Gefährlichen Liebschaften, auch als Valmont bekannt. Erst nachdem sich Valmont, von einem Spion der Madame de Touvel wohlwissend beobachtet, gegenüber sozial niedrig Gestellten als empfindsam gibt, indem er unter diesen Almosen verteilt, lässt sich diese von ihm erobern, sie, die tugendhafte, „die wenigstens das Verdienst hat, von einer Art zu sein, die man selten trifft." (294), kann Sein und Schein nicht unterscheiden, da der Schein in ihrer moralischen Welt, allen Warnungen ihrer Gesellschaft zum Trotz, nicht existiert. Valmont als Vetreter der Empfindsamlichkeit wusste das nur zu gut:

„eine zartfühlende, feinempfindende Frau […], die aus der Liebe ihr alles macht und in der Liebe wieder nur den Geliebten sah; deren Empfindungen fern von dem gewöhnlichen Weg gingen, sondern immer vom Herzen aus zu den Sinnen gelangten; die ich zum Beispiel […] aus der Lust ganz in entsetzte Tränen auftauchen sah, und die im nächsten Augenblick darauf ganz wieder ihre Sinnlichkeit wiederfand in einem Wort, das zu ihrer Seele sprach. Dann musste sie auch noch die volle natürliche Keuschheit in sich tragen, die unübersteiglich durch die Gewohnheit, sich ihr hinzugeben, geworden, ihr nicht erlaubte, auch nur ein Gefühl ihres Herzens zu verhehlen. So werden Sie zugeben, dass solche Frauen eine Seltenheit sind; und ich glaube, dass ich ausser dieser nie eine andere getroffen hätte" (295)

Kein Wunder, dass Laclos Buch in Frankreich, und nicht nur dort, ein Skandal war, da es, wie Grimm aus Paris berichtet, das Geheimnis der Frauen verraten habe. (296)

Laclos Werk ist wie Mozarts Don Giovanni eine Warnung vor Ausnützung der Empfindsamen durch jene Anhänger der Empfindsamlichkeit.

Die Satire machte sich über die Empfindsamkeitswelle lächerlich. Da findet man Anweisungen Künstlichen Mondschein in Ermanglung des natürlichen zu präparieren (297) , Witzgedichte oder gar Goethes schon erwähnten Triumph der Empfindsamkeit.

Doch die Empfindsamen distanzierten sich sehr schnell von dieser mit „Empfindsamlichkeit" und „Empfindelei" abwertend konotierten Erscheinung. Auch die Musikästhetik wusste hiervon, was bislang unbeachtet blieb und zu so falschen Meinungen, wie der von Daniel Haertz (The New Grove) geäusserten, Empfindsamkeit sei „a specific north German dialect of the international galant idiom" (298), führen musste.

„Aber die allgemeine Regel der Weisheit muß er [der Komponist] nicht aus den Augen lassen, daß er das Maaß der Empfindsamkeit nicht überschreite. Denn wie der Mangel der genugsamen Empfindsamkeit eine große Unvollkommenheit ist, indem er den Menschen steif und unthätig macht: so ist auch ihr Uebermaaß sehr schädlich, weil er alsdenn weichlich, schwach und unmännlich wird." (299)

Schon C.Ph.E. Bachs Zeitgenossen wählten Formulierungen für dessen Musik, die klarmachen sollten, dass es sich um wirkliche Empfindsamkeit handle, wie der, „dass seine Originalität nicht Affectation ist" (300).

Diese Kritik an der falschen Empfindsamkeit beweist zugleich deren weite Verbreitung durch „beynahe alle Stände, so wie alle Alter und beyderley Geschlechte", wie es in oben zitierter anonymer Schrift heisst. Und dieser Kritik kommt bei der Betrachtung musikästhetischer Fakten eine viel zu geringe Bedeutung zu, da diese von stilproblematischen Überlegungen dominiert wird. Zwar wurde bereits im 18. Jahrhundert versucht die Unterschiede zwischen norddeutschen und süddeutschen Kompositionsidealen zu definieren (man denke an Reichardts (301) Vergleich zwischen Graun und Hasse, an Voglers Vergleich zwischen C.Ph.E. Bach und Alberti) und auch die moderne Musikwissenschaft hat viele Definitionen (302) geliefert, dennoch berücksichtigt keine der Betrachtungen die Möglichkeit einer kritischen Reflexion über die Empfindsamkeit. Denn nur diese kann im Norden (!) das Aufkommen des leichten (!) Lieds und der Operette erklären, im Süden wiederum die Abneigung gegen zu Empfindsames. Dies mag auch erklären, warum sich böhmische Musiker nach Norden (Berlin, Gotha) oder Süden (Mannheim, Wien) begaben - von Jií Czarth nicht zu reden, der ja von Berlin nach Mannheim flüchtete - um dennoch ihr dynamisches Ideal nicht im Stich zu lassen. Zudem kam es zu einer Konzentration auf Äusserlichkeiten, da es der bislang gepflegten Innerlichkeiten, der Empfindungen, zu viele waren. Dies erklärt das Aufkommen eines auf rein äusserliche Darstellungsprinzipien basierenden Virtuosentum, das schon 1784 Reichardt in seinen Briefen eines aufmerksamen Reisenden kritisiert,

"wenn man einen S. mit der Violine in der Hand siehet, wie er seiner kleinen liebenswürdigen Tochter, deren natürliche Stimme sanfte Freude ins Herz der Zuhörer goss, wie er dieser, um an ihr künftig etwas besonders zu haben, die höchsten Töne der Violine, die so wenig und noch weniger für die Singestimme gehören, als sie dem guten Geschmacke nach für die Violine gehören sollten, wie er ihr diese vorstreicht, sie sie nachsingen, oder vielmerh nachquieken muss, und so lange, bis sie sich überschreyt, und ihrer Stimme auf Lebenszeit einen grossen Schaden dadurch thut. Nun ist das liebe Kind [...] verdorben. Es fehlet ihr nichts, um ihrer Empfindung und ihrem Verstande nach die vollkommenste Sängerinn unsrer Zeit zu seyn, als die Stimme" (303)

Dies ist der Beginn der Effektdiskussion in der Musik.

Keinesfalls kann man behaupten, nur der norddeutsche Mensch sei empfindsam gewesen. Aber dort fand man Ausdruckmittel, die sich von denen im Süden stark absetzten, wobei der Süden zwar Offenheit für nördliche Errungenschaften besass, diese sich aber im Gesamtwerk eines Komponisten fremdartig ausmachen. Bei Mozart denke ich da etwa an die Fantasien K 396, 397 (1782) und 475 (1785). Es wäre ein harter Schritt, Mozart und seinen südlichen Kollegen Empfindsamlichkeit vorwerfen zu wollen, gerade wenn man weiss, wie sehr sich dieser, wie ich weiter unten ausfzeigen werde, mit den norddeutschen Errungenschaften auseinandersetzte. Die wenigen Momente, wo es aber im Schaffen dieser süddeutschen Meister zu einer Verwendung jener Ausdrucksmittel der Empfindsamkeit kam, möchte ich als Nordismo bezeichnen.

Zurück zum Text  290. Goethe: Werther, S. 146.

Zurück zum Text  291. Holbach, S. 248f.

Zurück zum Text  292. Johann Heinrich Campe, Wörterbuch der Deutschen Sprache, Braunschweig 1813

Zurück zum Text  293. ein Grossteil dieser Schrift findet sich bei Sauder, Bd. 3, S. 29ff

Zurück zum Text  294. Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften, Paris 1782, deutsche Neuausgabe Zürich 1985, S. 339

Zurück zum Text  295. ibid, S. 340

Zurück zum Text  296. Grimm, S. 430ff

Zurück zum Text  297. in Carl Theodor Beck: Cornelia a genis aridis, München 1790, S. 114ff, siehe Sauder III, S. 128ff.

Zurück zum Text  298. Daniel Haertz, Galant in: The New Grove, Bd. 7, London 1981

Zurück zum Text  299. Sulzer, Sp.56li

Zurück zum Text  300. Reichardt: Briefe II, S. 10

Zurück zum Text  301. Reichardt: Briefe I, S. 7ff

Zurück zum Text  302. am besten erscheint mir Schleunings Versuch, siehe Schleuning S. 475ff

Zurück zum Text  303. Reichardt: Briefe I, S. 45

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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