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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


12.4 Nordismo in der Musik

Da die Kunstästhetik für ähnliche Phänomene der Beeinflussung südeuropäischer Kunst durch nordeuropäische Elemente das Wort Nordismo durch den Kunstprofessor Giuseppe Fiocco prägte, wage ich dieses ihm auf die Musik der Empfindsamkeit bezogen nachzusprechen. Gemeint ist damit die „Charakteristik bei Kunstwerken mit besonderem Spannungsgehalt und einem Expressivismus, der die Ausdrucksmittel des Hell-Dunkels, der die starken Farbkontraste, der Verfremdung im Bewegungsmotiv, in der Längung der Gestalten, in der Veränderung des Physiognomischen, in der Disproportionierung der Natur, lodernden Haaren und erregt gespreizten Fingern besonders häufte" (304). Und dies im Sinne jeglicher Bestrebungen südlich des Mains (in der Kunstsprache liegt die Grenze südlich der Alpen, der Nordismo-Begriff ist auch zeitlich weit gedehnter), empfindsame Elemente der nördlichen Musikästhetik zu absorbieren. Dies muss auch ausgedehnt werden auf all jene Musik, die sich an den südlichen Idealen orientierte (wie etwa Johann Christian Bach in London). Somit kommt es in der vom Süden beeinflussten Musik zu Nordismen, und das überall da, wo eben jene, in der Kunst definierten Elemente, sich auch in der Musik finden:

Nordismo in der Kunst (nach Rossacher) Nordismo in der Musik

Ausdrucksmittel des Hell-Dunkels Licht und Schatten, Über-raschungsdynamik

starke Farbkontraste kontrastvolle Affektwechsel

Verfremdung im Bewegungsmotiv freye Fantasien

Längung der Gestalten durchkomponierte Form, Einheit der Sinfonie

Veränderung des Physiognomischen Charakterwerke

Disproportionierung der Natur Entdeckung des Zauberhaften, des Wunderbaren und des Schrecklichen

lodernde Haare, erregt gespreizte Finger Melodram

Freilich war eine ganze Reihe dieser unter Nordismo zu findenden Elemente seit vielen Jahrhunderten bekann, hier handelt es sich jedoch um ein bewusstes Überhöhen, ein Überzeichnen der Effekte, deren Ziel die absolute Kontrastsorge ist.

Für das Auftauchen von Nordismo in der Musik zwischen 1770 bis 1810 gibt es verschiedene Gründe:

a) das Studium norddeutscher Musik

b) das Studium norddeutscher Musikschriften und Literatur

c) praktische Rezeption norddeutscher Musik im Süden

d) Auftreten norddeutscher Musiker im süddeutschen Raum

Während die Inspiration durch die beiden erstgenannten Punkte problemlos ist, können die beiden letztgenannten eine ganze Reihe von Problemen mit sich bringen, da es zu einer Adaptierung süddeutscher Gewohnheiten auf norddeutsche Kompositionen kommen konnte. War der Komponist selbst nicht zugegen, handelte es sich um eine verfälschte Wiedergabe und ist als solche heute nicht nachzuweisen. Angesichts des letzten Punktes kann sich dieses Problem aber wiederholen, falls sich der norddeutsche Komponist bei Realisierung seiner Werke auf süddeutsche Mitstreiter verlassen musste, also nicht solistisch auftrat.

Ein konketes Beispiel für diesen letzten Punkt bietet Jií Benda, der im November 1778 nach Wien reiste, wo er bis zum Frühling 1779 blieb. Von dieser Reise gibt es widersprüchliche Angaben: während die Fachliteratur behauptet, „Wien war für Benda eine Enttäuschung" (305) überliefert Schlichtegroll, dass Benda „mit Beifall eine grosse musikalische Akademie gab" und sei „mit gefüllter Börse" (306) nach Gotha zurückgekehrt.

Die Wahrheit kann man aus anderen Fakten erschliessen. Benda gab mit seinem Sohn Hermann Christian mehrere Akademien, u.a. im Burgtheater und im Kärntnertotthater, sein Melodram Ariadne wurde im Nationaltheater und auch im Theater Josephstadt, dort sogar 18 mal, aufgeführt, d.h. dies Werk muss sehr erfolgreich gewesen sein. Artaria gab daraufhin sogar den Klavierauszug der Ariadne heraus. Benda komponierte in Wien seinen Pygmalion sowie Philomon und Theone. Hierzu entstand eine Missa brevis, mit welcher Benda bei Baron van Swieten ein Gesuch um Anstellung als Kapellmeister der deutschen Nationaloper einreicht, um welches sich auch Mozart und Schweitzer bemühten. Bendas Gesuch hatte keinen Erfolg.

Also haben beide Quellen recht, angesichts des musikalischen und sicher finanziellen Erfolges Schlichtegroll, in Sachen Anstellung allerdings erlebte Benda eine Enttäuschung. Betrachtet man weitere Quellen, die sich auf die Interpretation der empfindsamen Musik Bendas konzentrieren, kann man verstehen, warum Benda die Stelle am Nationaltheater nicht bekam. Benda traf auf zu wenige vom Nordismo geprägte Musiker, seine Musiksprache wurde nicht verstanden, er war verkannt worden, wie es Johann Friedrich Schink in seinen Dramaturgischen Fragmenten ausdrückt:

„das kann ich Wien nie verzeihen, dass es Benda verkant hat, dass es Benda so auswerfen und gegen Männer verkennen konnte, die unstreitig ihr musikalisches Talent haben, aber doch noch immer zu Bendas Füssen sitzen und von ihm lernen könnten." (307)

Dabei war es ein bekanntes Risiko, norddeutsche Werke im süddeutschen Raum aufführen zu wollen. Am deutlichsten hat dies Reichardt ausgedrückt:

„Ich habe mich [...] auf meiner Reise niemals gewundert, wenn bey einer Musik Bachische oder Bendaische Sachen keinen Beifall fanden, sie gefielen mir selbst nicht, wie sie da vorgetragen wurden. Ich nehme hievon keine einzige Kapelle Deutschlands aus, ich habe die Leute noch nie anders widerlegt als mit den Worten: ich wünschte, ihr höret die Stücke in Berlin." (308)

Benda als Kind der Berliner Schule war demnach Opfer eines musikalisches Missverständnisses infolge des musikästhetischen Nord-Süd-Gefälles geworden, allein meine Untersuchungen zur Tempoproblematik zwischen Nord und Süd unterstützen diese Über-legung. Das mag der Grund sein, warum der ehemalige Direktor des deutschen Schauspiels in Wien, Franz von Heufeld, in seinem an Leopold Mozart (Leopold hatte um Unterstützung seines Sohnes bei dessen Bewerbung um die auch von Benda angestrebte Stelle gebeten) gerichteten Brief vom 13. Januar 1778 schreibt:

„Wegen des Bendas und Schweitzers darf dero Sohn ganz ausser allen Sorgen seyn. Ich wollte dafür stehen, dass keiner ankommen wird. Sie haben hier den Ruhm nicht, wie draussen." (309)

Wohlgemerkt war Benda in dieser Zeit persönlich in Wien, also wusste Heufeld von der offenbar geteilten Wiener Begeisterung von Benda, die immerhin den Druck des Klavierauszuges der Ariadne zum Beweis hat.

Die Darstellung des Besuches Bendas in Wien entbehrt in der alten wie neueren Musikforschung eines wichtigen Faktums, von welchem Reichardt berichtet, "dass die Königinn von Frankreich im vorigen Jahr zweimal an unsern wahrhaftig grossen Benda schrieb, und ihn bat seine Adriane, die sie von Wien her kannte, in Paris selbst aufführen zu sehen. [...] wiederholtes Ersuchen und Zureden seiner Freunde brachten ihn endlich nach Paris hin, wo seine Ariadne mit sehr grossem Beyfall aufgeführt worden." (310)

Reflexion XV.

„Die Musik hört sich bequem an" (311) schreibt Goethe im September 1786 während seiner erste Italienreise von Vincenza aus. Offenbar besuchte er eine Oper, die ein Flickwerk aus den Opern Die drei Sultaninnen von Favart und Die Entführung aus dem Serail von Mozart darstellte, denn beide Werke „haben manchen Fetzen hergegeben, woraus das Stück mit weniger Klugheit zusammengeflickt ist." Dennoch ist Goethes Kritik an einem Mozartwerk oder dessen Teilen eine Seltenheit, bereits ein Jahr später spricht er in höchsten Tönen über die Entführung. Oder kritisierte er in Vincenzia die Auswahl aus beiden Werken? Wie auch immer, es muss zu einem Meinungswandel gekommen sein, der wohl mit Goethes eigenen Ambitionen und Bemühungen um das Singspiel in Verbindung steht. Dabei ist seine Kritik, Musik sei bequem zum Zuhören, fast schon modern. Musik, die den Kopf und den Geist wenig beschäftigt, Musik die sich anderern Dingen unterordnet, unanspruchsvoll ist. Man denke nur an den oben zitierten Dialog zwischen Bach und Claudius! Wenn darin Bach seinen Bruder Johann Christian, dem ja Mozart so sehr nacheiferte, kritisiert, kann man vielleicht Goethes Kritik in den Augen eines Empfindsamen besser verstehen.

Abschliessend möchte ich - nur exemplarisch - den Nordismo-Begriff an drei bedeutenden Wiener Meistern untersuchen.

Zurück zum Text  304. Kurt Rossacher: Nordismo in Nordismo, Ausstellungskatalog, Salzburg 1985

Zurück zum Text  305. Franz Lorenz: Georg Benda, Berlin 1971, S. 93

Zurück zum Text  306. Friedrich von Schlichtegroll: Musiker-Nekrologe, Neuausgabe: Kassel s.a., S. 21

Zurück zum Text  307. Johann Friedrich Schenk: Dramaturgische Fragmente, Bd. I, Graz 1781, S: 245f.

Zurück zum Text  308. Reichardt: Schreiben über berlinische Musik, Hamburg 1775, S. 13

Zurück zum Text  309. zitiert nach: Mozart, Dokumente, S. 105

Zurück zum Text  310. Reichardt: Kunstmagazin, Band I, Berlin 1782 S. 87

Zurück zum Text  311. zitiert nach: Goethes Gedanken über Musik, Frankfurt am Main 1985

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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