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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


12.6 Die Zauberflöte

hat angesichts ihrer Ideale in über zweihundert Jahren nichts an ihrer Aktualität verloren. Es ist das Märchen vom besseren Menschen, an welches wir alle glauben sollten. Es vereint Ideale der Empfindsamkeit, nicht nur, dass Mozart vor der vorurteilsgelenkten Verfolgung von für die Masse uneinsichtbaren Bündnissen warnt und auch die Stellung von Farbigen in der Gesellschaft kritisiert, noch mehr aber wenn Mozart die Stellung der Frau in einer Gesellschaftsstruktur beklagt, indem er den Forderungen einer tugendhaften Frau chauvinistische Phrasen gegenüberstellt, wie wir sie heute nicht nur in Kneipengesprächen und Männergesellschaften finden. Mozart ist jedoch nicht alleiniger Verfasser der Zauberflöte, hier muss gleichberechtigt Emanuel Schikaneder genannt werden, der Verfasser des Textbuches. Denn auch Schikaneder war, wie Mozart, Freimaurer und träumte von einer besseren Welt, ohne jedoch nur zu träumen. Ihnen als Freimaurer war Empfindsamkeit moralischer Begriff, war Aufgabe und Pflicht da zu helfen, wo andere Kräfte versagten.

Der erste Eindruck, dass zwei verfeindete Welten einer Königin der Nacht und eines Sarastro, sich gegenüberstehen, wird im Laufe des Geschehens geglättet - denn beide Seiten haben vieles gemeinsam. Der Hass der Königin auf Sarastro hat seinen Grund im verstorbenen Ehemannne der Königin, einem Zauberer, der auf dem Sterbebette alles seiner Frau und deren gemeinsamer Tochter, Pamina, vermachte - mit Ausnahme des Machtsymbols, des siebenfachen Sonnenkreises; den erhielt Sarastro, denn auch der Königin Ehemann war Mitglied desselben Geheimbundes. Aus Paminas Vaters Händen stammt schliesslich auch die "in einer Zauberstunde[…] (aus) der tausendjähr´gen Eiche" (II/21) (331) geschnitzte Zauberflöte. Somit verbinden die Königin der Nacht und Sarastro mehr, als zu Beginn der Oper zugegeben wird.

Ein weiteres Verbindungsglied sind meiner Ausdeutung nach die Drei Knaben/Drei Damen. Denn ich verstehe diese nicht als jeweils einer der verfeindeten Parteien zur Seite stehenden Gruppe, wie es heute durchweg interpretiert wird (die Drei Damen zur Königin, die Drei Knaben zu Sarastro gehörend) und den Mann/Frau-Gegensatz unterstützt. Auffallend ist für mich hierbei, dass die Drei Damen auf der Bühne nie mit den Drei Knaben zusammentreffen, dass ihr stimmliches Material sowie die musikalische Arbeit ihrer Terzette sehr übereinstimmend sind. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die drei Knaben auf der Ankündigung der Erstaufführung überhaupt nicht erwähnt wurden. All dies hat mich immer dazu bewegt, die Rolle der drei Damen mit den Sängerinnen der drei Knaben zu besetzen. Somit erscheinen die drei Damen/drei Knaben als überweltliche, assexuelle "gute Geister", welche die beiden verfeindeten Welten wieder so vereint sehen möchten, wie sie früher waren. Diese Naivität der heilen Welt entspringt einer durchaus kindlichen, d.h. knabenhaften, jungfräulichen Denkart, was die drei Figuren personifizieren. Erst mit deren Reife zu Männern und Frauen kann ein Verständnis für den Dualismus Mann/Frau reifen, der in der Verbindung von Tamino und Pamina gelöst wird. Es darf dabei nicht übersehen werden, dass sich Tamino aufgrund eines Bildes - gemäss der Lehre der Physiognomie - in Pamina verliebt, dass es aufgrund dieses Bildes zuletzt zu einer Liebesprüfung und somit Form der Liebesheirat kommt: eine Tatsache, die so im Wien dieser Zeit sicher nicht üblich war.

Zurück zum Text  331. alle Libretto-Zitate sind folgendermassen im Text gekürzt: die erste Zahl gibt den Akt, die zweite die Nummer an.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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