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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


Die Frauen

Der thematische Dualismus der Zauberflöte beschränkt sich nicht nur auf Nacht und Tag (Sonne), mit diesem sind auch die Antipoden Frau und Mann verknüpft. Die Königin der Nacht, im Übrigen die einzige Hauptfigur ohne persönlichen Namen (!), ist nur von Frauen umgeben, nämlich den drei Damen, die, wie aus dem Libretto herauszulesen ist, Jungfrauen sind und ihrer Tochter Pamina. Die Welt Sarastros ist männlich, was sich nicht nur in den ihn umgebenden Sklaven, Priestern und Geharnischten ausdrückt, sondern auch in den zu dieser führenden drei Knaben und den den Triumpfwagen ziehenden Löwen. Bei Betrachtung der Partitur ist allerdings auffallend, dass sowohl der den Einzug Sarastros ankündigende Chor wie auch der Schlusschor neben Tenören und Bässen, Soprane und Älte beinhaltet. Wo verbergen sich in Sarastros Welt also die Frauen? Ist er Herrscher über ein weiter nicht zur Darstellung kommendes Volk? Sarastro wird in der Rezeptionsgeschichte der Zauberflöte immer wieder Frauenverachtung vorgeworfen. Es scheint, dass die Frauen in den Äusserungen Sarastros und seiner Mitstreiter nicht gerade gut wegkommen; der Chronologie des Operngeschehens folgend, hier zwei Zitate: I/18 Sarastro: "Ein Mann muss Eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten." II/2 Duett der Priester: "Bewahret Euch vor Weibertücken: dies ist des Bundes erste Pflicht!" Aber genügen diese wirklich, Sarastro zum Frauenverachter zu machen? Ist das nicht vielmehr eine kritische Überzeichnung männlicher Denkweise, die auch in Papageno zum Ausdruck kommt, wenn er die Schweigeprobe übergehen will, indem er Tamino sagt: "Mit mir selbst werdŽich wohl sprechen dürfen; und auch wir zwei können zusammen sprechen, wir sind ja Männer." (II/14) Andererseits fordert Mozart mit diesen Zitaten die moralisch gefestigte, tugendhafte Frau, die nicht dem gängigen Klische von Schwatzhaftigkeit und Untreue entspricht. Hatte Mozart nicht in Cosi fan tutte Letzteres schon kritisiert? Vergessen wir nicht, dass Wien eine recht leichtlebige Stadt war. Noch um 1820 schreibt John Russell in seiner Reise durch Deutschland und einige südliche Provinzen Österreichs in den Jahren 1820, 1821 und 1822 (336) über Wien: "Nicht leicht wird man eine Stadt finden, wo das liederliche Leben so vorherrschend ist, wo die weibliche Tugend weniger geschätzt, und folglich auch sparsamer angetroffen wird". Und vergessen wir nicht, dass Mozart in der Zauberflöte mit dem bürgerlichen Publikum kommuniziert! Und schliesslich nimmt Sarastro ja Pamina in den Tempel auf: "Ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut, ist würdig und wird eingeweiht." (II/28). Hierzu sei nur vermerkt, dass die Freimaurerei den Wiener Frauen keineswegs verschlossen war, sie zwar nicht an Sitzungen aber allen anderen Veranstaltungen teilnehmen durften und sogar Schmuck mit Maurersymbolik trugen. Darüberhinaus gab es sogenannte Adoptionslogen, welche aktive Frauen wie Männer vereinigte. Wie sehr Papageno und Tamino auf der Suche nach den von ihnen Angebeteten die Kluft zwischen Patriarchat (Sarastro) und Matriarchat (Königin der Nacht) zu überwinden trachten, zeigt sich schon allein an der phonetischen Ähnlichkeit der am Ende der Oper glücklich vereinten Paare: Papageno/Papagena, Tamino/Pamina.

Zurück zum Text  336. John Russell: Reise durch Deutschland und einige südliche Provinzen Österreichs in den Jahren 1820, 1821 und 1822, Leipzig 1825, S. 317

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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