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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


12.6.8 Die Freimaurerei

Vergeblich habe ich Literatur gesucht, die meine Annahme bestätigt, dass Freimaurerei in Verbindung mit Empfindsamkeit gesehen werden muss. Nicht nur die Ideale der Menschenerziehung entsprechen denen der Empfindsamkeit, nicht nur die Musiken, die beispielsweise Mozart für die Loge schrieb, sind tiefst empfindsam, auch die Gechichte der Freimaurerei geht mit der Empfindsamkeit Hand in Hand, war doch diese ebenfalls von England kommend in Deutschland eingeführt worden. 1737 kam es in Hamburg zur ersten Logengründung. Und: ob Goethe, Herder, Mozart, Haydn, Fichte, Lessing - die Liste der Empfindsamen lies sich beliebig fortsetzen, die Logenbrüder waren. Und Freimaurerei als Ausdruck sozialer Tugendhaftigkeit wurde als Kunst, als die Königliche Kunst, bezeichnet. Aber als von vielen Geheimnissen umwoben und undurchsichtig musste den einfachen Wiener Bürgern die Freimaurerei erscheinen, die, wie wir sehen werden, Ende des Jahrhunderts in eine grosse Krise trat. Am 14. Dezember 1784 war Mozart in die aus der Loge "Zur gekrönten Hoffnung" erst 1783 hervorgegangene Loge "Zur Wohltätigkeit" aufgenommen worden und gehörte somit zu den 600 bis 800 Freimaurern im Wien seiner Zeit. Mozarts Bekanntenkreis zählt viele Freimaurer und beispielsweise sei erwähnt, dass mindestens jeder vierte Subskribent der drei Trattnernhof Konzerte im März 1784 Logenmitglied war. Dennoch verwundert es, dass Mozarts Wahl dieser mit Leuten von einfacherer Herkunft bestückten Loge galt und nicht der Loge "Zur Wahren Eintracht", die neben vielen Prominenten zahlreiche Gelehrte und Schriftsteller vereinigte und deren Mitglied Mozarts Freund Joseph Haydn (Mozart hatte Haydn in tiefer Wertschätzung 1785 die oben von Cramer kritisierten sechs Streichquartette gewidmet, die im selben Jahr nebst langer italienischer Dedikation bei Artaria & Co als Opus X in Wien im Druck erschienen) war. Musik, und hiermit seien neben rein instrumentalen Werken wie Liedern auch ganze Kantaten gemeint, spielte bei den Logensitzungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Neben dem Lied zur "Gesellenreise" (K 468) und der Kantate zu Ehren Borns (K 471) sei besonders auf die "Mauerische Trauermusik" (K 477) hingewiesen. Auch wirkte beispielsweise am 15. Dezember 1785 Mozart an einem Benefizkonzert zur Unterstützung zweier Musiker (Logenmitglieder) mit. Bereits ein Jahr nach Mozarts Logenbeitritt, 1785, tritt Mitte Dezember das "Freimaurerpatent" in Kraft, mit welchem Joseph II. weniger die Arbeit der Logen beeinschränken, als vielmehr der Arbeit revolutionärer Kräfte, die in den Mantel der Freimaurererei gehüllt als Mitschwimmer im Dunkeln bleiben wollten, ein Ende setzen wollte. So hatte etwa der Geheimbund der "Fratres de cruce" Anhänger des rumänischen Horia-Aufstandes versammelt, welcher 1784 gegen Grossgrundbesitzer und ungarische Magnaten ausgebrochen war und mehr als 100 Adelige, 62 Dörfer und 132 Adelssitze vernichtet hatte. Hierbei sah sich Joseph II. von zwei Seiten umzüngelt, einerseits der Adeligen, welche die vom Kaiser geforderte Ablegung der Privilegien verneinten und dem Volk, welches den Plänen des Kaisers ungeduldig Nachdruck verleihen mochte. Joseph II wollte die Freimaurerei keineswegs verbieten, ihr aber grössere Durchsichtigkeit verschaffen: "Die sogenannten Freymaurergesellschaften, deren Geheimnisse mir eben so unbewusst sind, als ich deren Gaukeleyen zu erfahren jemals wenig vorwitzig war, vermehren und erstrecken sich jetzt auch schon auf kleinere Städte. Diese Versammlungen, wenn sie sich selbst ganz überlassen, und unter keiner Leitung sind, können in Ausschweifungen, die für Religion, Ordnung und Sitten allerdings verderblich seyn können, besonders aber bey Obern durch eine fanatisch engere Verknüpfung in ganz vollkommene Unbilligkeit gegen ihre Untergebene, die nicht in der nemlichen gesellschaftlichen Verbindung mit ihnen stehen, ganz wohl ausarten, oder doch wenigstens zu einer Geldschneiderey dienen. Vormals und in anderen Ländern verboth und bestrafte man die Freymaurerer, und zerstörte ihre in den Logen abgehaltene Versammlungen, blos, weil man von ihren Geheimnissen nicht unterrichtet war. Mir, obschon sie mir ebenso unbekannt sind, ist genug zu wissen, dass von diesen Freymaurerversammlungen dennoch wirklich einiges Gutes für den Nächsten, für die Armuth und Erziehung schon ist geleistet worden, um mehr für sie, als je in einem Lande noch geschehen ist, hiemit zu verordnen, nämlich, dass selbe auch unwissend ihrer Gesetze, und Verhandlungen dennoch, so lange sie Gutes wirken, unter den Schutz und unter die Obhut des Staates zu nehmen, und also ihre Versammlungen förmlich zu gestatten sind." (337) Es handelt sich also um nichts anderes als eine Regelung der "Versammlungsfreiheit" mit den Forderungen: 1. dass Logen nur in Städten mit Regierungsstellen, nicht aber auf dem Lande oder auf Adelssitzen entstehen dürfen, 2. Behörden von deren Versammlungen informiert sein müssen, 3. Mitgliederlisten und Namen der Vorstände (ohne Nennung des Freimaurergrades) müssen jährlich eingereicht werden und 4. wurden alle Winkellogen und ähnliche Vereinigungen verboten. Ausserdem waren an keinem Ort mehr als drei Logen mit je 180 Mitgliedern erlaubt. Die Wiener Logen folgten dieser Forderung, indem sie die Logen "Zur wahren Eintracht, "Zum Palmbaum" und "Zu den drei Adlern" zur Loge "Zur Wahrheit" vereinigten und aus den Logen "Zur Wohltätigkeit", "Zu den drei Feuern" und "Zur gekrönten Hoffnung" die Loge "Zur neugekrönten Hoffnung" hervorging. Innerhalb kürzester Zeit traten viele Mitglieder aus den Logen aus, von den vor dem Erlass in Wien mindestens 600 bis 800 Freimaurern blieben 400 übrig, die sich binnen eines Jahres nochmals auf die Hälfte reduzierte. Mozarts Loge "Zur neugekrönten Hoffnung" war im Januar 1786 neugegründet worden und vereinte 116 Mitglieder, nachdem es in den ersten Jahren zu zahlreichen Neuaufnahmen gekommen war. Wenngleich Mozart nie ein höheres Amt in dieser Loge bekleidete, war er neben dem Buchdrucker Ch. F. Wappler der einzige, der ihr von 1784 bis 1791 durchgängig angehörte. Neben seinen musikalischen Logenarbeiten ist dies wohl Mozarts wichtigster Verdienst um die Loge. Gerade in den aufwühlerischen Zeiten der Französischen Revolution sah man in den Freimaurern getarnte Untergrundbewegungen und auch die Zauberflöte sollte diesem Vorurteil zum Opfer fallen (1794 und 1795 erschienen in Wien Schriften, welche die freimaurerische Symbolik der Zauberflöte durch eine politisch-revolutionäre ersetzen wollten). Ganz den kaiserlichen Forderungen Recht tragend, keine Geheimnistuerei zu unterstützen, enthält Mozarts Zauberflöte viel der Freimaurerei Themenverwandtes: einem bürgerlichen Publikum stellt Mozart einen Geheimbund von "Eingeweihten" vor, es wird die, nach zahlreichen abgelegten Prüfungen erfolgte Aufnahme eines Prinzen in den Bund der Priester des "Osiris und Isis Kultes" gezeigt; weiters denke man bei der Bühnengestaltung nur an die drei Tempel, welche zwar nicht freimaurerisch mit Schönheit, Stärke, Weisheit beschrieben sind, aber mit Natur, Vernunft, Weisheit. Von Tamino wiederum wird Tugend, Verschwiegenheit und Wohltätigkeit verlangt. Auch Requisiten, wie Palmenzweige, ägyptische Hieroglyphen und Verbinden der Augen sind der Freimaurerei entliehen. Ebenso wie die Mitglieder Sarastros" Bund nicht immer einer Meinung sind, waren es auch die der Wiener Logen. Mozart selbst war mit dieser inneren Zerrüttung unzufrieden und verfasste ein heute verlorenes Konzept der Reorganisation eines neuen Ordens mit dem Namen "Grotta". Und in seiner letzten Logenarbeit, der "Kleinen Freimaurerkantate" (K 623), deren Aufführung Mozart am 18. November 1791 zwei Wochen vor seinem Tod leitete, ermahnt Mozart seine Logenbrüder: "Verbannet sei auf immer Neid, Habsucht, Verleumdung aus unsrer Maurerbrust" (338). Überhaupt zeigt sich in diesem Text die enge Verknüpfung von Empfindsamkeit und Freimaurerei: „Wohlan ihr Brüder, überlasst euch ganz der Seligkeit eurer Empfindungen." (339) Mozart erlebte das Ende seiner Loge nicht mehr, die, durch Verordnungen Franz II. verfolgt, Ende 1793 ihre Arbeit einstellte. Es sei am Rande noch erwähnt, dass Logentätigkeit und Kirche in keinerlei Widerspruch zueinander standen, hingegen gab es unter den Wiener Logenmitgliedern eine ganze Reihe von katholischen Priestern. Zwar hatte der Papst 1738 und abermals 1751 die Freimaurerei als Ketzerei verdammt, seine Meinung aber besass in jener Zeit der Schwächung des Papsttums keinen hohen Stellenwert. Schikaneder war übrigens seit 1788 ebenfalls Freimaurer. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass Mozarts Zauberflöte keinesfalls die einzige Freimaurer Oper war. Zehn Jahre zuvor hate Johann Gottlieb Naumann (1741-1801)in Dresden die Oper Osiride (Osiris) geschrieben und zwei Jahre vor der Premiere von Mozarts Zauberflöte hatte Pavel Vranický (wie Mozart 1756 geboren, 1808 in Wien gestorben), ein Komponist mährischer Herkunft, mit seiner Freimaurer Oper Oberon grosse Erfolge in Wien gefeiert.

Bei all dem freimaurerischen Inhalt darf man nicht vergessen, dass es sich hier nur um Symbolsprache handelt, an keiner Stelle werden etwa, wie heute in manchen Inszenierungen zu sehen, freimaurerische Kleidung gefordert. Die Sache an sich bleibt ungenannt, Mozart und Schikaneder wollen eher dem Bürger die Angst vor Geheimbünden nehmen, als diesen in die verborgenen Rituale einzuweihen.

Soweit zu einem empfindsamen Interpretationsansatz der Zauberflöte.

Zurück zum Text  337. zitiert nach Braunbehrens, S. 260ff

Zurück zum Text  338. NMA

Zurück zum Text  339. ibid

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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