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Dr. Andreas Hoffmann: "freye Ausbrüche der musikalischen Dichterwut" Empfindsamkeit in der Musik


14 Resumée

Vorliegende Studie versucht das Phänomen der Empfindsamkeit in der Musik, welches zu einem nicht weiter definierten Schlagwort mutierte, zu definieren. Voraussetzung hierzu ist ein Blick auf all jene Bereiche, in welchen Empfindsamkeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts benannt und definiert wurde. Hier ist die Moral, die Popularphilosophie, die Ästhetik, die Psychologie und vor allem die Literatur zu nennen, die sich mit sehr konkreten Definitionen auseinandergesetzt haben. Eine solche Definition fehlt jedoch in der Musikschreibung heute wie damals. Dennoch war die Diskussion um die Empfindsamkeit eine für die Kunst so prägende, dass es geradezu Wunder nimmt, dass dieses Gebiet in der Musikforschung bislang übersehen wurde, da - wie am Beispiel von Mozarts Zauberflöte gezeigt wird - man zu einem ganz neuen Interpretationsansatz kommen kann. Einer der Beweise, wie wichtig gerade Musik zur Verbreitung der Empfindsamkeit war, finden sich in zeitgenössischen Kritiken.

Ein Blick auf die Theorie des Animismus erklärt die Verbindung von Musik und Mensch, bzw. in letzter Konsequenz von Musik und Medizin, wobei erst dank der Definition von Begriffen der Humoral-, Tonus- bzw. Solidarpathologie deren Verwendung in musikalischen Lehrbüchern verständlich wird.

Empfindsamkeit ist eine Gegenbewegung zu der den Verstand in den Vordergrund stellenden Aufklärung, Empfindsamkeit möchte das Gefühl des Menschen im allgemeinen wie das des Indiviuums im Vordergrund sehen. Vorbild jedweglichen Handelns ist die Natur. Naturnachahmung verliert ihre ursprüngliche Bedeutung der Kopie, der Subjektivismus macht den Eingriff der Kunst in die Kopie nötig, es entstehen Zeichnungen subjektiven Empfindens, die in den Theorie von der Malerei in der Musik (Engel) kulminieren. Subjektiver Ausdruck bedeutet zugleich die Suche nach neuen Ausdrucksformen in der Musik. Neben harmonischer Kühnheit, dynamischer Gegensätzlichkeit, schnellen Affektwechseln und freien (Fanatsie) bzw. diesen auf den ersten Blick widersprechen zu scheinenden durchkomponierten (Symfonik) Formen sucht die Musik neue Klänge, die das Innere des Menschen an die Oberfläche des Hörens transponieren sollen, was zur Durchsetzung neuer Instrumente führt. Das neue Klangideal der Seele ist dunkel, modulationsreich und esoterisch. Auch die Wort-Ton Verbindung erfährt eine neue Betrachtung, die im Melodrama seine Lösung findet.

Empfindsamkeit in der Musik ermöglicht zudem die Bestätigung der Ästhetik des Grauens, welche, aus England (Burke) kommend, in Deutschland zuende gedacht wird (Mendelssohn). Musikgeschehen muss nicht mehr moralisch akzeptabel oder für den Zuhörer zufriedenstellend fröhlich enden. Das Suizidmotiv wird, wie in der Literatur, zu einem beliebten, ist zugleich Audruck des subjektiven Handelns (Günther von Schwarzburg, Alceste, Medea).

Empfindsamkeit ist zugleich Gegenbewegung zur bislang ewig gültigen Kirche. Das Individuum Mensch möchte sich nicht mit allgemein dahergebrachten Regeln eines Glaubensweges zufrieden geben, sondern sucht den individuellen Weg zum Verständnis der Überlieferung. Besonders wird dies in Passionen deutlich. Empfindsamkeit kann zugleich Abwendung von der Kirche bedeuten, was seinen Ausgang im Pantheismus hat.

Empfindsamkeit in der Musik kann in verschiedene Stufen aufgeteilt werden, die fast übereinstimmend mit der theoretischen Auseinandersetzung einhergehen. Je nach Intensität unterscheidet die Literaturwissenschaft zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang, letzteren Begriff halte ich in der Musik für verwerflich.

Empfindsamkeit ist ein in der Musikliteratur besonders nördlich des Mains ausdiskutiertes Lebensgefühl; fast alle sich mit Musik auseinandersetzende Schriften stammt aus dem Norden. Alles südlich des Maines Komponiertes wird vom Norden belächelt und das Nördliche wiederum vom Süden als zu tiefgehend kritisiert. Ins Detail gehend kann ich Tempounterschiede zwischen Nord und Süd nachweisen. Besondere Aufmerksamkeit kommt hierbei der Mitte zu, die etwa von Mannheim und Bayreuth präsentiert wird. Dennoch gab es auch im Süden (Wien) Versuche, norddeutsche Ideen aufzunehmen. Für dieses auffällige Phänomen habe ich - entsprechend der Kunstästhetik - den Begriff „Nordismo" einzuführen versucht.

Empfindsamkeit wurde - nachdem sie die Gründerkreise verliess - zu einer Modeerscheinung, die als Emfindsamlichkeit und Empfindeley abgetan wurde. Zeitgenössische Satire und Gegenbewegungen führen zu einer erneuten Diskussion. Der Schritt zur Mode bedeutet zugleich der Verfall derselben. Als Gegenreaktion steht in der Musik einerseits die Vorliebe für Sorglosigkeit (Operette), für Äusserlichkeiten, was ein Aufkommen des Virtuosentums erklärt, andererseits die sich auch in der Gesellschaftsstruktur nachweisen lassende Beschränkung der nun als übertrieben empfundenen Gefühlsfreiheit, was sich im Biedermeier widerspiegelt. Die Verfälschung des ursprünglich im Sinne von romanhaft verwendeten Begriffes „romanisch" zu „romantisch" beweist, welch´ Intensität die Empfindsamkeit für die Musikentwicklung des 19. Jahrhunderts hatte.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. September 2004
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